Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
„Chronisch krank, aber nicht verrückt“

Fibromyalgie „Chronisch krank, aber nicht verrückt“

Seit einem Burnout hat Claudia Wagner ständig Schmerzen und leidet unter Depressionen. Wenn gesunde Menschen wüssten, wie sich das anfühlt, wäre den Kranken schon ein Stück weit geholfen. Deshalb will sie es der Welt erzählen.

Voriger Artikel
Ben Stiller begeistert von Dave Janischak
Nächster Artikel
Ben Stiller begeistert von Dave Janischak

Claudia Wagner leidet seit sechs Jahren an der wenig erforschten Fibromyalgie. Sie hat den Entschluss gefasst, sich dafür nicht mehr zu schämen.

Quelle: Thomas Strothjohann

Marburg. Manchmal trifft Claudia Wagner Menschen, die sie aus ihrem früheren Leben nur lachend kennen. Damals half die Marburgerin anderen, die passenden Kleider zu finden. Sie machte ihren Job gerne und legte sich ins Zeug. Doch das Leben, in dem Claudia Wagner gerne morgens aufstand und gutgelaunt Kleider verkaufte, ist seit sechs Jahren vorbei.

Wenn sie seitdem von früheren Kunden erkannt wurde, freute sie sich. Aber zu erzählen, was aus ihr geworden ist, das hat sie sich lange nicht getraut. Zu groß war ihre Angst, dass die Reaktion sie wieder runterziehen würde.
„Stell dich nicht so an!“, ist einer dieser Sätze. Sie wurde so oft für eine Simulantin gehalten, dass sie es irgendwann selbst glaubte: „Ich dachte, ich bin plem plem. Ich dachte, ich bilde mir die Schmerzen nur ein.“

Ein Café im Südviertel. Die Novembersonne fällt durch das deckenhohe Fenster auf Claudia Wagner und das Glas Latte Macchiato, das vor ihr steht. Eine 44-jährige Frau, die im Café sitzt – „ganz normal“ könnte man meinen. Aber für Claudia Wagner ist es nicht normal, dass sie da sitzt und Latte Macchiato trinkt.

"Eine Mischung aus Schmerz und Angst"

„Das ist so ein lähmendes Gefühl. Eine Mischung aus Schmerz und Angst“, beschreibt Wagner das, was sie manchmal tagelang nicht loslässt. Wenn Entscheidungen anstehen, überkommt es sie. Wenn sie Sorge hat, den Weg zu einem Termin nicht zu finden, kommt sie gar nicht erst los. Auto zu fahren, traut sie sich schon lange nicht mehr.

„Was früher kein Problem war, ist heute auf einmal ein Berg, der vor mir steht“, sagt sie. Jeden Moment kann das Gefühl wiederkommen. Im Supermarkt oder auch im Café und allein die Angst davor führte dazu, dass Claudia Wagner sich lange kaum aus dem Haus gewagt hat.

Doch Claudia Wagner ist gekommen. Seit Tagen hat sie darauf hingefiebert, hatte Angst, dass der Journalist nicht kommen, dass sie selbst es nicht schaffen würde. Sie will der Welt erzählen, was mit ihr los ist. Sie hat genug von Getuschel und Tabus. Sie will sich nicht mehr dafür schämen, dass sie nicht arbeitet.

Sie will dem Journalisten sogar sagen, dass sie bei Weitem nicht alles verdaut, was sie herunterschluckt. „Ich will Menschen, denen es ähnlich geht, zeigen, dass sie nicht allein sind. Ich will ihnen Mut machen, nicht aufzugeben, sich Hilfe zu suchen“, sagt sie.

Es gab eine Zeit, da brauchte Claudia Wagner keine Hilfe. Sie stand im Leben, war verheiratet, plante eine Familie. Sie war eine gute Verkäuferin und die Arbeit, sagt sie, war ihr Baby. Dankbare Kunden und Lob ihrer Kollegen bauten sie auf, gaben ihr Kraft – und verdrängten Erlebnisse aus ihrer Kindheit. Erlebnisse, mit denen sie heute Tag und Nacht kämpft.

Sie meint Bilder wie das ihrer Oma, die eines Tages in die Lahn ging und nie wieder herauskam. „Ich hätte sie noch gebraucht“, sagt Claudia Wagner heute. Nachdem sich die Oma das Leben genommen hatte, war die Neunjährige Claudia mit ihrer Mutter alleine. Der Vater hatte die Familie schon vorher verlassen.

Claudia Wagner hat sich damals aufgerappelt. Sie hat die Schule abgeschlossen, eine Ausbildung zur Floristin gemacht und dann angefangen – wie schon ihre Mutter – in der Textilbranche zu arbeiten.

Diagnose: Burnout

Doch nach acht Jahren im Betrieb wurde Claudia Wagner ihr „Baby“ genommen. „Ich konnte es den Chefs auf einmal nicht mehr recht machen, und irgendwann habe ich an mir selbst gezweifelt“, erzählt sie. Die ständige Kritik ihrer Vorgesetzten habe sie ins Grübeln gebracht und aus dem Grübeln fiel sie schließlich in eine tiefe Psychose. „Burn­out“ war die erste Diagnose. Arbeitsunfähigkeit und Frührente waren die Folgen.

Zu den Angstattacken und der Depression kamen Schmerzen. Manchmal tat ihr der Kopf weh, manchmal waren es die Beine. Manchmal der ganze Körper. Man muss schon einiges durchgemacht haben, um Schmerzen in brennende, stechende und pulsierende Schmerzen einteilen zu können. Doch die Ärzte, zu denen Claudia Wagner ging, fanden keine Ursache für ihr Leiden. „Vor der Diagnose hing ich in der Luft. Ich wusste nicht was es ist“, erinnert sich Claudia Wagner: „Ich habe mich gefühlt, wie ein gehetztes Tier – kam nicht mehr raus aus diesem Loch.“

Die unbekannte Krankheit hatte Claudia Wagner im Griff und ließ sie zappeln. Ihre Ehe litt darunter und ging schließlich kaputt. Ihre Finanzielle Lage machte auch keinen Mut. Während sie versuchte, wieder auf die Beine zu kommen, musste Claudia Wagner regelmäßig nachweisen, dass sie noch krank ist, um wenigstens ihre kleine Rente zu bekommen.

Nach Jahren, in denen Claudia Wagner sich fast aufgegeben hatte, bekam sie in Bad Endbach endlich von einem Arzt gesagt, dass sie sich ihre Schmerzen nicht einbildet. Im Rheuma Zentrum Mittelhessen wurde ihr Fibromyalgie diagnostiziert. Die Krankheit wird in der Regel durch Stress und psychische Belastung ausgelöst und plagt die Patienten mit brennenden Schmerzen an den Muskeln. Man kann sie nicht auf Röntgenbildern oder Ultraschall erkennen, aber Ärzte können sie mit einer Reihe von Tests diagnostizieren.

Schritt für Schritt zurück ins Leben

Claudia Wagner lernte, dass Bewegung und Entspannungsübungen helfen, die Schmerzen in den Griff zu bekommen. Schritt für Schritt lernt sie mit ihrem Psychotherapeuten, sich wieder etwas zuzutrauen und die Kraft zu nutzen, die in ihr schlummert.

Wagner zwingt sich täglich auf die Straße. Den Steinweg rauf und wieder runter, zum Einkaufen oder zum Therapeuten im Südviertel und seit sie Martin kennt, geht sie nur noch selten allein. Die Tage, an denen sie Angst hat, das Bett zu verlassen, sind selten geworden.

„Ich bin schon ganz richtig im Kopf. Aber ich bin leider chronisch krank. Ich habe gelernt, dass es nicht meine Schuld ist. Dass ich mich deshalb nicht schämen und fertigmachen darf“, sagt sie. Wenn sie heute
ehemalige Kunden trifft, sagt sie, was mit ihr los ist. Sie sagt, dass sie in Rente ist, wegen Fibromyalgie, Depressionen und einer Essstörung. Dass sie hart an sich arbeitet, wieder auf die Beine zu kommen.

Die Lebensfreude hat Claudia Wagner noch lange nicht zurück, aber Hoffnung ist wieder da und ihr Mut, etwas zu verändern.

Für Claudia Wagner kam die Wende zum Positiven mit Menschen, die sie verstanden. Wer sich mit ihr direkt austauschen möchte, kann über die Redaktion Kontakt zu ihr aufnehmen.

Susanne Amann hat Claudia Wagner behandelt. Die leitende Ärztin des Rheumazentrums Mittelhessen in Bad Endbach beantwortet die wichtigsten Fragen zur Fibromyalgie:

OP: Was genau ist Fibromyalgie?

Amann: Fibromyalgie ist eine chronische Schmerzkrankheit. Die Patienten spüren an den Stellen Schmerzen, an denen die Muskeln an die Knochen angewachsen sind. Es wird zwar kein Gewebe zerstört, aber die Schmerzfasern sind stark gereizt, was dazu führt, dass die Patienten ein übertriebenes Schmerzempfinden haben. Es kann zum Beispiel sein, dass einer Mutter schon wehtut, wenn ihr Kind sie am Arm fasst. Fibromyalgie tritt in der Regel nicht alleine auf, sondern in Zusammenhang mit Angst, Stress, Depression oder Burnout.

OP: Was sind die Symptome und wie wird die Krankheit diagnostiziert?

Amann: Auf Röntgenbildern oder mit Ultraschall kann man die Krankheit nicht erkennen. Die Patienten sagen oft, dass ihnen alles wehtut und haben das Gefühl, dass ihre Haut brennt. Ob dieser Schmerz von einer
Fibromyalgie kommt oder zum Beispiel durch Rheuma verursacht wird, müssen wir testen. Bei der Untersuchung wird getastet, ob der Schmerz sich auf die Muskelübergänge konzentriert. Das Wetter hat einen Einfluss auf die Krankheit: Bei trockenem, warmem Wetter geht es den Patienten besser, als bei feuchter, kalter Witterung. Die Patienten sind stark verspannt und wissen oft gar nicht mehr, was eine ‚normale’ Muskelspannung ist. Stress verstärkt Muskelanspannung und Schmerzwahrnehmung. Wenn es einem nicht gut geht, kann er mit demselben Schmerz, den er am Vortag noch gut vertragen hat, schlechter umgehen.Die Krankheit wird unter Ärzten bekannter, aber wir hatten schon viele Fibromyalgie-Patienten, die vorher eine jahrelange Arzt-Odyssee gemacht hatten und dann bei uns erst erfuhren, was sie haben.

Diagnose umstritten

Die Einstellung der Kollegen zur Fibromyalgie ist sehr unterschiedlich. Es gibt auch Kollegen, die sagen, dass es die Krankheit gar nicht gibt. Ich bin mir sicher, dass es da noch Diskussionsbedarf gibt. Aber an den Symptomen und der Therapie ändert das nichts.

OP: Kann die Krankheit geheilt werden?

Amann: Die Therapie basiert auf drei Säulen: Wärme, Bewegung und Entspannung. Das Gute daran ist, dass die Patienten das mit einfachen Mitteln wie regelmäßigem Schwimmen, Muskelentspannungsübungen, Yoga, Sauna und ausreichend Ruhe viel erreichen können. Das heißt aber auch, dass sie vor allem selbst an sich arbeiten müssen. Die Schmerzen machen die Bewegung schwieriger und geben den Patienten das Gefühl, schwach zu sein. Vielen fällt es auch deshalb schwer, sich aufzuraffen – da kann ich dann als Ärztin nicht viel erreichen. Schmerzmittel und muskelentspannende Medikamente können vorübergehend eingesetzt werden, aber sie lösen das Problem nicht. Wir diagnostizieren die Krankheit und schließen aus, dass es nicht Rheuma oder eine andere Krankheit ist. Dann erklären wir, wie die Patienten die Symptome mit Bewegung, Wärme und Entspannung in den Griff kriegen können. Darüberhinaus überweisen wir sie an Schmerztherapeuten. Die setzen manchmal auch Antidepressiva ein, die nicht nur die Stimmung verbessern, sondern auch die überempfindlichen Schmerzfasern runterregulieren. Für viele Patienten ist auch eine Gesprächstherapie wichtig, in der sie lernen, Stress besser zu verarbeiten und zu verhindern, dass er bei ihnen Verspannungen auslöst. Die Krankheit komplett loszuwerden ist schwierig. Unser Ziel ist, dass die Patienten einen Weg finden, mit der Krankheit umzugehen. Wir haben Fibromyalgie-Patienten, die nur noch alle Jahre Beschwerden haben.

von Thomas Strothjohann

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr