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Christine Merkels Wäschestampfer

Vom Aussterben bedroht: Christine Merkels Wäschestampfer

Es gab einmal eine Zeit, in der Wäschewaschen ein Tage füllendes Programm und Hausarbeit ein Kraftakt war. Eine Zeit, in der ein Wäschestampfer als "Wunder der Zukunft" bezeichnet und Klagen verpönt wurde.

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Christine Merkel kann sic noch gut an die Zeit erinnern, in der der Wäschestampfer zum Einsatz kam. Foto: Marie Lisa Schulz

Moischt. Marburg. Christine Merkel klagt nicht - irgendwie ist das nicht ihre Art. Zähne zusammenbeißen und durch. Sie teilt diese Einstellung mit vielen ihrer Generation. Aufgewachsen ist sie in der Kriegszeit. Harte Arbeit von Kindesbeinen an gewohnt. Früh schon hat sie gelernt, die kleinen Dinge im Leben zu schätzen. Der Vater im Lazarett gestorben. Die Mutter, selbst noch eine junge Frau, stand allein da. Musste hart arbeiten. Oft bis zur völligen Erschöpfung. Und Christine Merkel - die musste mit anpacken. Heu zupfen, Holz hacken, Wäsche waschen. Weiße Hemden waren wichtig in einer Zeit, in der es vielen dreckig ging. Der Waschtag alle vier Wochen war ein Großereignis im kleinen Örtchen Moischt. Da kam die Nachbarin auf einen Schwatz vorbei - da wurde sich gegenseitig geholfen, gelacht und getratscht. Und geschuftet. Stundenlang.

Stampfen statt ribbeln:Zeit und Kraft gespart

Denn Wäsche waschen war viel mehr, als Kleidungsstücke in eine Trommel stopfen und auf ein Knöpfchen drücken. Es war körperliche Arbeit. Schwitzen für ein bisschen Sauberkeit. „Henkel, Persil, Sil“, betet Christine Merkel noch heute herunter. Diese Waschmittel-Reihenfolge wurde strikt eingehalten. Erst einweichen in Henkel, dann kochen mit Persil, am Ende waschen mit Sil - und dann Auswringen mit Muskelkraft. Noch heute stehen diese Waschmittelsorten bei der 78-Jährigen in der Waschküche. Was sich damals bewährt hat, kann heute nicht schlecht sein.

Ein uralter Wäschestampfer war es, der in Christine Merkel all die Erinnerungen an die längst vergangenen Stunden in der Waschküche wieder hervorrief. Damals, so erinnert sie sich, sei der Stampfer eine wahre Sensation gewesen. Flüchtlinge aus Berlin, die bei Familie Merkel untergekommen waren, hatten ihn mitgebracht. Statt die Wäsche mit der Hand zu „ribbeln“, also vorzuwaschen, konnte jetzt gestampft werden. „Meine Oma hat sich geweigert, den zu nutzen. Da war sie konservativ“, lacht Christine Merkel.

Kraft und Zeit sparte das unscheinbare Gerät, das die Wäsche ordentlich durchmengte. Keine aufgeweichten Hände mehr. Kein Verbrennen mehr im heißen Wasser. Ganze Wäscheberge habe sie damit bearbeitet, erinnert sich Christine Merkel. Mehrere Tage verstrichen zwischen der ersten Vorwäsche bis zum fertig gebügelten Hemd. „Das war Frauenarbeit. Wir hatten die Wäsche von vier Wochen und sechs Personen zu erledigen“, sagt sie. Leinenhemden. Trachten. Bettwäsche und Tischdecken - alles der Reihe nach. Erst die Weißwäsche, dann die Buntwäsche. Was gemacht werden musste, musste eben gemacht werden. Ohne Jammern. Ohne Klagen. Irgendwie sei es auch eine schöne Zeit gewesen. „Das war ein Großereignis - da wurden alle Angelegenheiten besprochen“, erklärt sie. Zeit hatte eine andere Bedeutung. Zeit zu verschenken - das habe auch damals niemand gehabt, Zeit, die kleinen Momente zu genießen - schon. „Man saß mehr zusammen. Die Nachbarn waren ein Teil der Familie. Was sie nicht besaßen, das besaßen wir.“

Mit der Waschtrommel begann der Fortschritt

Und die Merkels - die besaßen einen Wäschestampfer. Heiß begehrt in der Nachkriegszeit. Zumindest bis zu dem Tag, als bei einer Werbeveranstaltung in der Orts-Schenke eine Waschtrommel vorgestellt wurde. Da hatte er ausgedient, der silberne Helfer. Und dann zogen sie ein: die Geräte der Moderne. Technischer Schnickschnack, der die Zeit zwar einsparte - das Leben aber beschleunigte. Plötzlich fielen sie weg, die gemeinsamen Stunden in der Waschküche. Plötzlich war es nicht mehr überlebenswichtig - das gute Verhältnis zum Nachbar. Es ging nicht mehr ums Überleben - es ging um das „gute Leben“.

„Ich hatte eine wunderbare Jugend“, sagt die heute 78-Jährige. Eine Jugend, in der Cola noch 40 Cent kostete und der Eintritt zu einer Tanzveranstaltung eine Mark. In der Jungen und Mädchen noch miteinander reden mussten, um sich kennenzulernen. Eine Jugend, in der viel gearbeitet wurde - in der Zeit aber eine andere Bedeutung hatte. Und eine Jugend, in der weiß nicht weiß genug sein konnte. „Im Sommer haben wir die nasse Wäsche immer aufs Feld getragen.“ Nicht zum Trocknen, sondern zum Ausbleichen. Immer wieder musste die Wäsche dann mit einer Gießkanne benässt werden. Dann, wenn Henkel, Siel und Persil versagten, musste die Sonne ran.

Knapp 65 Jahre später steht Christine Merkel wieder in ihrer Waschküche. Wie damals schmerzen ihre Knochen. Diesmal ist es nicht die harte Arbeit - es ist das Alter. Und wieder hat sie einen Korb Wäsche zu erledigen. Nicht mehr für sechs, sondern nur noch für zwei Personen. Christine Merkel wohnt gemeinsam mit ihrer Enkelin in dem großen Haus. Den Korb stellt sie auf den Waschbottich - ein Überbleibsel aus der Vergangenheit. Waschmaschinentür auf, Waschmaschinentür zu. Knopf gedrückt. Fertig.

„Wollen Sie noch einen Tee?“, fragt sie. Zeit für ein Schwätzchen gibt es also doch noch. Dank oder trotz der modernen Technik.

von Marie Lisa Schulz

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