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Cannabis gegen den Schmerz

Aus dem Gericht Cannabis gegen den Schmerz

Durfte ein 47-Jähriger aus dem Ebsdorfer Grund Cannabis anbauen, um damit selbst seine Schmerzen zu therapieren? Mit dieser Frage muss sich derzeit das Marburger Amtsgericht auseinandersetzen.

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Der Angeklagte nutze Cannabis als Möglichkeit der Schmerz- und Heilbehandlung.

Quelle: dpa / Thorsten Leukert

Marburg. Laut Anklage hat der Mann in seinem Garten und einem Gewächshaus im Sommer vergangenen Jahres 13 Pflanzen gezogen und somit in verbotener Weise Drogen in nicht geringer Menge hergestellt. Ein gutes Kilo sei es gewesen. Den Anbau bestreitet der Angeklagte nicht, machte jedoch über eine Erklärung seines Rechtsanwalts deutlich, dass er aufgrund seiner Krankengeschichte gar nicht anders gekonnt habe.

„Mein Mandant sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, Täter zu sein und ein Verbrechen begangen zu haben, das Gegenteil ist richtig“, sagte Verteidiger Leo Teuter. „Vielmehr ist er Opfer, in erster Linie ein medizinisches.“

Opiate versagten bei der Schmerztherapie

Seit 1983 dauere die Leidensgeschichte des 47-Jährigen an, mehr als 50 Operationen habe er über sich ergehen lassen müssen und leide unter sehr starken Schmerzen, die die Schulmedizin vergeblich versucht habe, mit Opiaten zu behandeln. „Und das waren harte Drogen“, strich Teuter heraus. Der Angeklagte nutze Cannabis als einzige Möglichkeit der Schmerz- und Heilbehandlung, so der Verteidiger.

Inzwischen habe er sogar von der Bundesopiumstelle die Genehmigung, Cannabisblüten aus der Apotheke zu bekommen. Das wiederum zahle aber die Krankenkasse nicht. „Das Vorgetragene geht doch an der Sache vorbei“, kritisierte Staatsanwalt Kurt Sippel. Keiner bezweifele die Leidensgeschichte des Angeklagten, gleichwohl müsse er sich an Gesetze halten und die verbieten den Anbau. Ungenehmigt und unkontrolliert hätten die Behörden schließlich keinerlei Überblick über Verwendung und mögliche Verbreitung. Und zudem bestehe ja die Möglichkeit des Erwerbs in Apotheken.

Strafbefreiender Notstand

Zum Tatzeitpunkt habe der Angeklagte keine legale Möglichkeit gehabt. Es habe ein strafbefreiender Notstand bestanden. Das Betäubungsmittelgesetz solle die Volksgesundheit schützen, im Fall seines Mandanten werde aber im Gegenteil dessen Gesundheit gefährdet, sagte Teuter und verwies darauf, dass es inzwischen einen Entwurf der Bundesregierung gebe, laut dem bei fehlender Alternativbehandlung die Kosten für Cannabis von der Kasse übernommen werden müssen. Im Sommer solle ein entsprechendes Gesetz erlassen werden.

Seine behandelnden Ärzte hat der Angeklagte von der Schweigepflicht entbunden. Das Gericht unter Vorsitz von Richter Dominik Best sah jedoch die Notwendigkeit, zusätzlich einen medizinischen Sachverständigen hinzuzuziehen, der in einem Gutachten unter anderem zu der Frage Stellung nehmen soll, ob das Einnehmen von Cannabis tatsächlich die einzige wirksame Schmerzbehandlung ist, wie vom Angeklagten angegeben. Die Verhandlung wurde daher ausgesetzt und wird zu einem späteren Zeitpunkt neu terminiert.

von Heiko Krause

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