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Bye, bye, Miss American Pie

US-Präsidentschaftswahl 2016 Bye, bye, Miss American Pie

Von der Partystimmung mit Stars and Stripes zur Schockstarre nach Donald Trumps Triumph: So erlebte Marburg die Wahlnacht und den Tag danach.

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Katerstimmung, die nicht vom Alkohol herrührt: Die US-Wahlparty im Theater am Schwanhof.

Quelle: Dennis Siepmann

Marburg. „Bye, bye, Miss American Pie“, schallt es aus dem Untergeschoss des Treppenhauses. Michael Lohmann spielt den Song in Dauerschleife, und jeder, der sich auf den Weg zur Toilette macht, muss an ihm vorbei. Am späten Dienstagabend sind es zunächst fröhliche Stimmen, die sich gemeinsam zur Gitarre im Refrain erheben. Sie klingen nach Aufbruch. Es sind vor allem junge Leute, die sich im Theater am Schwanhof versammelt haben. Gebannt schauen sie auf die Leinwand, auf der die Berichterstattung des US-Nachrichtensenders CNN vor sich hin flimmert.

Der Kater, der sich bei den meisten Gästen der Wahlparty am frühen Mittwochmorgen einstellen wird, ist keiner, der vom Alkohol herrührt. Die Menschen, die hier zusammen feiern, singen und den Ergebnissen lauschen, sind nicht unbedingt pro Hillary Clinton, aber entschieden gegen einen künftigen US-Präsidenten Donald Trump.

Volles Haus im Theater am Schwanhof. Grund war dieses Mal aber keine Premiere, sondern die Party zur US-Präsidentenwahl.

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Im Vorraum zur Theaterkantine schart sich ein Grüppchen um einen weiteren Bildschirm, auf dem Filme wie die „Nackte Kanone“ oder „Dr. Seltsam“ laufen. Kandidat Seltsam hängt unterdessen als Piñata-Puppe im Lichtgerüst der Probebühne, wenige Meter entfernt vom Papp-Trump wartet Hillary Clinton auf ihr Schicksal. „Die Arme habe ich aus Nespresso-Schachteln gebastelt“, verrät Piñata-Queen Franziska Knetsch, die wie viele andere Schauspielerinnen und Schauspieler des Landestheater-Ensembles am Programm mitwirkt.

Dramaturg Simon Meienreis hat Talkgäste wie den Politologen Professor Hubert Zimmermann (s. Interview auf dieser Seite) und Landesarchiv-Chef Dr. Andreas Hedwig aufgeboten, doch zunächst geht tendenziell bei der Stars-and-Stripes-Party Entertainment vor Infotainment. Camil Morariu gibt den Showmaster einer wodkalastigen „Jeopardy“-Quizrunde, während seine Bühnenkollegen im Wechsel an der Kantinentheke durstige Kehlen bedienen. Hunger? Kein Problem – im Halbstundentakt fährt ein Burger-Shuttle jenen Kettenimbiss im Marburger Norden an, in dessen Firmenlogo sich sinnigerweise der Vorname des republikanischen Kandidaten versteckt. Popcorn? Klar, gibt‘s auch, schnell mal reingelangt in den Kübel beim Warten aufs Bier und ordentlich rumgekrümelt.

Die Partystimmung erfährt einen Bruch, als die Ergebnisse aus den ersten Staaten einlaufen. Alles wartet dann stundenlang auf Florida, weil jeder zu wissen meint: Wenn Trump dort nicht gewinnt, kann er gleich einpacken. Als sich abzeichnet, dass dort eher Clinton den Kürzeren zieht, muss ein Ventil her. Klar: Knüppel her und drauf auf die Piñata! Krachend geht die Puppe zu Boden, um kurz nach drei Uhr morgens wird auch Hillary Clinton niedergestreckt – zu diesem Zeitpunkt bereits eine Aktion mit hohem Symbolwert. Es schneit leicht, als sich gegen vier Uhr morgens immer mehr Theaterbesucher auf den Heimweg machen, um noch ein paar Stunden Schlaf zu erwischen. Oder um sich auf dem Sofa noch weiter mit CNN herumzuquälen.

Ohrmann: "Etwas Schlimmeres konnte gar nicht passieren"

Schnitt, Mittwochmorgen, Marburg Innenstadt. „Eine größere Katastrophe hätte man nicht erwarten können“ sagt die 38-jährige Lucia Marcic (Foto). Trump, meint sie, sei zu einseitig, nicht offen für alle Menschen. Mit Trump beschäftigt hat sich Lucia Marcic eigentlich vor allem wegen seiner Frau, die slowenische Wurzeln hat.

„Ich halte nichts davon, dass Trump gewählt wurde. Das spaltet das Land noch enormer“, meint Alexandra Poludniok, 23, aus Marburg: „Ich denke, dass die Rechte von Frauen eingeschränkt werden könnten.“
Zu den von Trump im Wahlkampf mehrfach geforderten Einreiseverboten für Muslime in die USA meint die zwei Jahre jüngere Julia Poludniok: „Man kann nicht sagen, alle Muslime sind Terroristen, wir lassen keinen mehr rein. Damit macht er es sich zu leicht. Er hält nichts von Angela Merkel, das hat sicher auch Auswirkungen auf Deutschland.“

Dazu, dass Trump gewählt wurde, meint die 76-jährige Ursula Ohrmann (Foto) aus Elnhausen: „Etwas Schlimmeres konnte gar nicht passieren. Da haben sie den Bock zum Gärtner gemacht.“
Sohn Werner Ohrmann (Foto), 54, ebenfalls aus Elnhausen, glaubt, dass zu Trumps Wählerschaft Protestwähler zählen: „Ich habe es seit Wochen gesagt, dass es so kommt, weil die Leute eine Veränderung wollen. Hier in Deutschland kriegt die AfD die vielen Stimmen, weil die Menschen unzufrieden sind. Die Armut schreitet immer weiter fort, und die Leute haben Angst. Sie wollen, dass die anderen mal wach werden. Im Grunde genommen wollen sie nicht, dass Trump Präsident wird.“

Zu Trumps Wahlversprechen meint er: „Ich glaube, dass er mehr durchsetzt als Obama. Trump ist einer, der haut auf den Tisch und zieht durch, was er kann.“

von Dennis Siepmann, Carsten Beckmann und Freya Altmüller

Hubert Zimmermann: "Substanz hat bei ihm bisher gar nichts"

OP: Geht jetzt, wie von vielen beschworen, die Welt unter?
Hubert Zimmermann: Nein, die Welt geht nicht unter, aber es gibt eine signifikante Chance, dass sie schneller untergeht. Entweder über massive Fehleinschätzungen, die zu atomarer Eskalation führen, oder die weiter fortschreitende Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, die für eine Trump-Regierung kein Problem darstellt.

OP: Haben Trumps wirtschafts- und außenpolitische Ankündigungen Substanz?
Zimmermann: Nein, Substanz hat bei ihm bisher gar nichts. Es gibt nur eine Grundtendenz zur Abschottung sowohl im wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Bereich, und in diese Richtung werden viele politische Initiativen gehen. Also, keine strategischen Auslandsengagements, sondern risikolose Prestige-Bombardements und stark erhöhter Protektionismus.

OP: Was hat sich die Verliererin Hillary Clinton vorzuwerfen?
Zimmermann: Überhaupt angetreten zu sein, statt eines Kandidaten, der für einen Neuanfang steht und auch für die sich nicht repräsentiert fühlenden Amerikaner wählbar ist (eher nicht Bernie Sanders). Was die Wahlkampagne betrifft, so hat sie im Grunde fast alles richtig gemacht, außer der weißen Mittel- und Unterschicht etwas anzubieten, was sie vielleicht von Trump wegzieht (insbesondere in den früheren Industriestaaten Ohio, Wisconsin,
Michigan, Pennsylvania). Ich sagte oben bewusst Kandidat in der männlichen Form, denn das Manko „Frau“, so schlimm es ist, war wohl auch ein Faktor. Jedenfalls war die weibliche Solidarität nicht beeindruckend.

OP: Europäische Rechtskonservative und Putins Russland jubeln. Entsteht so etwas wie eine neue Achse des Bösen?
Zimmermann: Ich glaube kaum, dass Trump und Putin auf Dauer miteinander zurechtkommen. Aber es entsteht eine Achse der Demokratiefeinde, für die rationale Auseinandersetzung, Achtung von Minderheiten, komplizierte demokratische Prozesse und Institutionen sowie Diversität verachtenswert sind und die sich auf eine jeweils unterschiedliche Art „völkischer“ Identität und Homogenität berufen.

OP: Welche Auswirkungen könnte Trumps Einzug ins Weiße Haus auf die aktuellen Krisenherde haben?
Zimmermann: Zunächst einmal wird es lange dauern, bis Trump überhaupt eine einigermaßen klare Idee hat, wo die amerikanischen Interessen in der Außenpolitik liegen, zumal der Fokus erst einmal ganz nach innen gerichtet sein wird. Konflikte wie Syrien, Libyen, südchinesisches Meer
et cetera werden erst einmal sich selbst überlassen werden beziehungsweise den davon betroffenen Anrainerstaaten.

Zur Person
Professor Hubert Zimmermann lehrt Politikwissenschaften an der Philipps-Universität, eines seiner Schwerpunktthemen ist die Politik der Vereinigten Staaten von Amerika.
Heute findet ab 16 Uhr im Raum 01D05 der Philipps-Universität in der Wilhelm-Röpke-Straße eine Podiumsdiskussion zum Ausgang der Präsidentschaftswahl statt. Moderatorin Christina Maria Koch diskutiert mit Carmen Birkle, Victoria Galarneau, Connor Pitetti und Hubert Zimmermann.

von Carsten Beckmann

Reaktionen

„Die US-Amerikaner haben­ Trump gewählt, was das für Amerika, Europa und die Welt bedeutet, ist schwer zu sagen. Einfacher wird die Zukunft unserer Kinder dadurch nicht, und das macht mir Angst. Umso wichtiger ist es, dass Europa sich auf seine Werte und Stärken besinnt und diese auch in der transatlantischen Politik entschieden vertritt.“
Der sozialdemokratische Bundestagsabgeordnete Sören Bartol

„Ich fand beide Kandidaten nicht überzeugend, Hillary Clinton wäre wohl das kleinere Übel gewesen. Das Ergebnis hat mich in der Deutlichkeit überrascht, aber ebenso überrascht mich die nun gelegentlich sehr selbstgerechte Betroffenheit in manchen Kommentaren. Offenbar haben die amerikanischen Eliten viel zu lange ignoriert, was eine schweigende Mehrheit denkt. Dieses Ergebnis sollte auch uns ein Mahnung sein.
Der heimische CDU-Bundestagsabgeordnete Dr. Stefan Heck

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Kein zurück
„Abhaken und Schlüsse für unser Land ziehen. Denn bei uns wird diese Art von Wahlergebnis immer wahrscheinlicher. Der Grund ist, dass wir eine Gesellschaft haben, die nur funktioniert, wenn es immerwährendes Wirtschaftswachstum gibt. Das geht aber nicht auf Dauer. Ab 1945 hat das Wirtschaftswunder ALLE­ Menschen automatisch mit in den Wohlstand genommen. Mittlerweile „versorgt“ man das Volk mit Niedriglohn, Solidaritätszuschlag, EEG-Umlage und Gebühren und schenkt Deutschlands Reichtum an globalisierte Unternehmen und leistet sich EU- und Euro-Träume.
Leider geht ein Zurückschrauben nicht mehr, zumindest kein friedliches.“
Hansheinrich Hamel

Pest oder Cholera
„Beide Kandidaten sind nicht sonderlich beliebt. Es war die Wahl zwischen Pest und Cholera. Ob nun Clinton oder Trump die bessere Wahl ist, wird sich zeigen. Wir haben 2017 dasselbe Problem. Die Raute des Grauens oder Gabriel, auch keine besonders schöne Aussicht.“
Andreas Klehm

Erwarte nichts Gutes
„Im Moment rege ich mich nur auf, aber wenn ich an die Zukunft denke, dann spüre ich eine große innere Unruhe, wenn ich an diesen Menschen denke. Ich erwarte nichts Gutes“
Helga Mudersbach

Krieg erst mal vom Tisch
„Trump ist 100-mal besser als die Kriegstreiberin Clinton!
Somit können wir wieder etwas beruhigter schlafen. Der Krieg mit Russland, auf deutschem Boden, wie K(hillery) ihn vorhatte, ist erst mal vom Tisch.“
S ergey Eichmann

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