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Busstreik geht weiter und vielen auf die Nerven

Tarifkonflikt Busstreik geht weiter und vielen auf die Nerven

Die Solidarität mit den Busfahrern schwindet: Viele Schüler verpassen seit anderthalb Wochen den Unterricht. Ein gehbehinderter Marburger fürchtet gar um den Job, denn ohne Bus kommt er nur schwer zur Arbeit.

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An den Bushaltestellen in Marburg weisen die Hinweistafeln darauf hin, dass keine Busse fahren.

Quelle: Peter Gassner

Marburg. Den Schülern der ­Sophie-von-Brabant-Schule bereitet der Streik große Schwierigkeiten, berichtet Konrektorin Bettina Hühn-Lemmrich. „Etwa zehn Prozent der Schüler können nicht zur Schule kommen.“ Die Eltern hätten viele Kräfte­ mobilisiert, um Fahrgemeinschaften zu bilden, nicht allen ist dies gelungen. Auch die Schule selbst habe einen Bustransfer für Kinder aus dem Stadtwald organisiert, sei aber schnell an die Grenzen des Machbaren ­gestoßen. „Es trifft die Ärmsten der Armen, sie verpassen viele Stunden Unterricht.“ Die Schule mache ihnen keine Schwierigkeiten, aber es werde schwer, den Stoff wieder nachzuholen. „Die Schüler kommen momentan auch öfter zu spät, weil die Stadt ab halb acht einfach voll ist“, sagt Hühn-Lemmrich. Der viele Verkehr stelle zudem eine Gefahrensituation dar.

Die Busfahrer des Regionalen Nahverkehrsverbandes (RNV) beteiligen sich nicht am Streik. Dennoch sind viele Schüler aus den umliegenden Orten betroffen, die sonst am Hauptbahnhof in einen Stadtbus umsteigen. „Der Streik trifft auf jeden Fall zum Großteil den falschen Personenkreis, hauptsächlich die Kinder“, sagt Isabell Matthäi aus Niederasphe. Von Simtshausen nimmt ihr Sohn, der in die 5. Klasse der Martin-Luther-Schule geht, den Zug nach Marburg. Vom Hauptbahnhof fährt er dann gewöhnlich mit dem Bus weiter. „Zweimal die Woche nimmt er ein Waldhorn mit, weil er in der Musikklasse ist. Zweimal die Woche den Sportbeutel. Gestern brauchte er beides, zusätzlich zum Schulranzen.“ Mit diesem Gepäck wollte Matthäi ihrem Sohn die jeweils 20 Minuten Fußweg nicht zumuten. Deshalb hat sie einen Fahrer für ihren Sohn organisiert. „Des Weiteren sind ja auch Menschen betroffen, die die Kliniken erreichen müssen, darunter auch viele Studenten, junge Ärzte, die auf Busse angewiesen sind“, sagt Matthäi. Außerdem hätten viele andere Berufsgruppen auch genügend Gründe, zu streiken.

Arbeitsplatz steht „massiv auf der Kippe“

Der Elternbeirat der Stadt Marburg hatte sich bereits vergangene Woche über den Zeitpunkt des Streikes gerade zum Schulstart beschwert. Auch andere Bevölkerungsgruppen, wie beispielsweise Blinde hatten darauf aufmerksam gemacht, dass sie unter den Auswirkungen des Streiks besonders leiden.

Bei manchem gehen die Folgen aber sogar über Unannehmlichkeiten hinaus. So berichtet ein OP-Leser darüber, dass er aufgrund des Streiks befürchtet, seinen Job zu verlieren. Dieser stehe „nun massiv auf der Kippe“. Der befristet Angestellte verdiene mit 52 Jahren „zum ersten Mal ein normales Einstiegsgehalt“, fürchtet aber, dass sein Vertrag nicht verlängert werde.­ Seine Stelle liege „etwas außerhalb von Marburg“, zu Fuß komme er als Gehbehinderter nicht dahin und schaffe­ es nicht, „zu einer Haltestelle zu laufen, die ein Landbus anfährt“. Taxis nähmen seinen Auftrag für bestimmte Zeiten nicht an, er bekomme Aussagen wie „Ach von da nach da..? Nein, leider nicht“ oder auch „Ich habe meine Fahrer nicht im Griff, die gabeln die Leute an den Bushaltestellen auf“ zu hören.

In Stoßzeiten werden Taxi-Fahrten abgesagt

„Ich bin beim Carsharing, letzte Woche habe ich noch Glück gehabt für drei Tage, diese Woche jedoch ist das einzige für mich mühsam erreichbare Auto­ jeden Tag für einen kurzen Zeitraum gebucht. Ich habe es in Kauf genommen, den halben Tag nur für das Mietauto zu ­arbeiten. Urlaubstage habe ich nun fast alle verbraten. Überstunden kann ich keine machen, weil ich keinen Schlüssel fürs Büro bekomme (zu kurz bei der Firma), und der Landbus fährt auch nur selten“, berichtet der Anonyme verzweifelt. „Ich sehe­ nun meine Chancen schwinden, den Vertrag verlängert oder unbefristet zu bekommen. Auch wenn alles nicht meine Schuld ist. Da ich nun seit letzter ­Woche fehle, ist mein Arbeitgeber ziemlich genervt. Es ist ja mein ­Problem, zur Arbeit zu ­kommen“, führt er weiter aus.

Dass es in bestimmten Zeiten schwierig ist, ein Taxi zu bekommen, bestätigte der OP Lydia Brunett vom Taxiunternehmen Taxiruf Wehrda. „Wir haben die Situation insgesamt ganz gut im Griff, ich denke Wartezeiten von 20 bis 30 Minuten verkraftet gegebenenfalls jeder mal“. In Stoßzeiten komme es allerdings vor, dass keine Aufträge mehr angenommen würden. Da sage das Unternehmen lieber mal eine Anfrage ab, „als, dass die Kunden nachher unzufrieden sind“. Einige Minicarunternehmen nutzen die Situation gar, um mehr zu kassieren als üblich (die OP berichtete). Dies gilt ­allerdings nicht für alle. „Bei uns sind die Preise immer gleich“, erklärte ein Vertreter von „Sparcar“ der OP gestern.

Unabhängig vom Taxipreis: In den sozialen Netzwerken scheint die Solidarität mit den Busfahrern zu schwinden. Zu Beginn des Streiks zeigten noch viele Menschen Verständnis mit deren Forderungen. In den vergangenen Tagen häufen sich die Stimmen, die die Dauer des Streiks zu dieser Jahreszeit als „unverhältnismäßig“ und „übertrieben“ bezeichnen. Zwischen die vielen Contra- und den wenigen verständnisvollen Stimmen mischt sich aber auch das eine oder andere Angebot einer Mitfahrgelegenheit.

Wer mitfahren will: Schild hochhalten

So bot Hannah Berberich drei Plätze für eine Mitfahrt auf die Lahnberge an. „Daraufhin hat sich niemand gemeldet“, sagt Berberich. Aber sie sammelt ­jeden Morgen Menschen auf, die an den Bushaltestellen entlang ihres Wegs zur Arbeit stehen oder entlang der Straße in Richtung Klinik laufen. „Von denen hat sich noch niemand über den Streik der Busfahrer beschwert.“ Sie glaube deshalb nicht, dass die kritischen Kommentare auf Facebook die Mehrheitsmeinung repräsentieren. Wer auf die Lahnberge mitfahren will, soll ruhig ein Schild hochhalten, damit man sie auch erkennt, empfiehlt Berberich. Man müsse auch nicht unbedingt zum Erlenring laufen, wie es die Uni vorschlägt - sondern könnte sich einfach entlang der Busstrecken aufstellen.

von Peter Gassner und Phhilipp Lauer

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