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Busfahrer werben um Geduld

Streik Busfahrer werben um Geduld

Mit einem Flugblatt werben die Busfahrer um Verständnis für den Streik und bedanken sich für die Geduld der Fahrgäste.

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Wieder am Steuer: Die Busfahrer kehrten gestern an den Arbeitsplatz zurück.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Das Gedränge im Bus war so groß wie immer an Uni-Tagen gegen 10 Uhr morgens. Nichts wies auf den Streik der vergangenen Tage hin. Auch den Fahrgästen war nichts anzumerken. „Es kam kein böses Wort“, sagt Frank Morczinek, Betriebsratsvorsitzender der Marburger Verkehrsgesellschaft. Die meisten seien einfach nur froh gewesen, dass die Busse wieder fahren.

So auch Erika Radzuweit. Die 73-Jährige hatte den Weg von der Radestraße bis zur Robert-Koch-Straße in den 14 Streiktagen zu Fuß zurückgelegt. Ihren Mann habe sie trotz des Streiks und klirrender Kälte weiter im Heim besucht. Für ältere Menschen sei das nicht leicht, ein Taxi koste aber zu viel Geld. „Wenn es wenigstens im Sommer gewesen wäre, wäre es nicht ganz so schlimm“, sagt sie.

„Ich verstehe nicht, warum das Angebot nicht sofort erhöht wurde“, so die Seniorin. Andererseits hätten nach Vereinbarung der Schlichtung „die Busse ruhig auch schon am Freitag oder Samstag fahren können“. Darüber zu klagen aber „nützt ja nichts“, erklärt sie und richtet den Blick nach vorne. Sie hofft nun auf eine Einigung in der Schlichtung. „Nochmal 14 Tage wären schon allerhand“, sagt sie.

Auch die Busfahrer selbst hoffen auf ein Ende des Tarifkonfliktes. „Bei uns ist ja keiner darauf aus zu streiken“, sagt Morczinek. Allerdings werde es weitergehen, wenn die Schlichtung in den nächsten zwei Wochen keine Einigung erbringe. „Sonst wären die 14 Tage ja umsonst gewesen“, so Morczinek.

Die Busfahrer haben sich währenddessen in einem Flugblatt an die Fahrgäste gewandt. Darin bedanken sie sich für die „Unterstützung, Verständnis, Loyalität, Nerven, die ihnen gegenüber Stadtwerke-Kunden aufgebracht hätten. „Wir wissen, dass die vergangenen 14 Tage für Sie als Fahrgäste nicht einfach waren. Um die Arbeitsbedingungen für unsere Kolleginnen und Kollegen zu verbessern, war es für uns unausweichlich, nach mehreren gescheiterten Verhandlungsrunden in diesen Streik einzutreten“, heißt es in dem Schreiben, das die Gewerkschaft Verdi im Auftrag der Marburger Busfahrer und ihrer Kollegen aus den anderen hessischen Städten aufgesetzt hat.

Weiter wird ausgeführt, dass einzelne Fahrer „bis zu 14 Stunden unterwegs“ seien, dafür aber nur 8 Stunden angerechnet bekämen, aufgrund von Wende- oder Wartezeiten. Dass künftig­ nur noch maximal 30 Minuten Wendezeit als Pause gewertet werden dürfen, ist eine Kernforderung von Verdi im aktuellen Tarifstreit. Auch das Thema Rente sei für die Busfahrer „ein wichtiger Punkt“. Aktuell bekämen sie nach 45 Jahren eine Rente von rund 750 Euro.

Stadt bei Lohnerhöhung „durchaus aufgeschlossen“

Neben den Pausenregelungen­ und einem zusätzlichen Urlaubstag fordert die Gewerkschaft eine betriebliche Altersvorsorge und Lohnerhöhungen auf 13,50 Euro pro Stunde, um am Rentenanspruch etwas zu ändern. Aktuell sind es 12 Euro. „Wir finden, wir sind mehr wert: Wir fahren jeden Tag durch dichtesten Verkehr und tragen dabei Verantwortung für viele Menschen, denn wir befördern Sie, Ihre Kinder, Familien, Verwandte“, so der Standpunkt der Fahrer.

Der Landesverband Hessischer Omnibusbetreiber (LHO) hatte bisher nur ein Angebot von 13 Euro pro Stunde bei einer längeren Laufzeit der Vereinbarung vorgeschlagen. Mehr könnten die Busunternehmer nicht bieten, da sie ihrerseits nicht mehr Geld von den Auftraggebern bekämen.

Die Stadt Marburg als Auftraggeber der Stadtwerke stehe „tarifgebundenen Einkommensverbesserungen durchaus aufgeschlossen gegenüber“, so Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies. „Sollten die Stadtwerke in der Folge möglicher Mehrkosten eine schlechtere Jahresbilanz aufweisen, müsste die Stadt mehr finanzielle Mittel zuschießen und entsprechend an anderer Stelle einsparen“, erklärt er auf OP-Anfrage.

Welche Auswirkungen höhere­ Fahrergehälter auf die Fahrscheine hätte, ist laut Rhein-Main Verkehrsverbund (RMV) und Stadtwerken noch nicht genau vorhersehbar. Aktuell entfielen 53 Prozent der Kosten im Busverkehr auf das Personal, erklärt der RMV. Die Stadtwerke geben an, dass die Ausgabenseite im ÖPNV bei 14 bis 15 Millionen Euro liege. „Durchschnittlich entfallen davon circa 60 Prozent in Städten wie Marburg auf Personalkosten“, so die Antwort auf eine OP-Anfrage.

Die Stadtwerke nahmen zudem Bezug auf einen OP-Artikel, in dem ein Leser den Vorwurf äußerte, bei den Stadtwerken wisse man ohnehin nicht „wie ein Stadtbus von innen aussieht, schließlich fährt man Dienstwagen“. Dienstwagen ­gäbe es nicht, so Sprecherin ­Sarah Möller.

Verdi berief als Schlichter für die gestern angelaufenen Verhandlungen den ehemaligen SPD-Landtagsabgeordneten Rudolf Hausmann aus Baden-Württemberg, für die Arbeitgeber sitzt der frühere RMV-Geschäftsführer Volker Sparmann am Tisch. Die Schlichtung dauert bis 5. Februar. Danach könnte ein neuer Streik drohen.

von Peter Gassner

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Knackpunkt Pausen
Auch in Marburg rollen die Busse wieder. Letzte Hürde ist jetzt noch die Mitgliederbefragung in den Streikbetrieben, ob die am Freitag vorgestellte Schlichtung angenommen wird. Foto: Tobias Hirsch

Schlichtungserfolg nach zwei Wochen Streik: Zwischen der Gewerkschaft Verdi und dem Landesverband hessischer Omnibusunternehmer ist eine Einigung über eine Verbesserung der Löhne und Arbeitsbedingungen der Busfahrer erzielt worden. Streiks wird es in der kommenden Woche allerdings im öffentlichen Dienst geben: Am Mittwoch legen Landesbedienstete in Universitäten, Regierungspräsidien und Straßenmeistereien die ­Arbeit nieder.

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