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Burschen-Attacke gegen Politiker

Marktfrühschoppen Burschen-Attacke gegen Politiker

Vorwurf gegen Marburgs Burschenschaften: Nach Auffassung des Grünenpolitikers Jan Sollwedel torpedieren liberale Studentenverbindungen den Dialog und damit die mögliche Rettung des Marktfrühschoppens.

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Marktfrühschoppen-Kritiker Jan Sollwedel (links) ist Opfer von Beleidigungen durch Mitglieder verschiedener Burschenschaften geworden.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Erst der Rauswurf, dann die Beleidigungen im Internet: Den Arminen Cocktail, eine Party der Burschenschaft, hat Jan Sollwedel (27) in schlechter Erinnerung. Der Grünenpolitiker, ein Kritiker des Marktfrühschoppens, feierte privat im Haus der Armina am Wehrdaer Weg - bis er von Mitgliedern der Verbindung von der Party verwiesen worden sein soll.

„Zunächst war alles in Ordnung. Dann gab es unter einem Bild von mir auf Facebook eine Reihe bedrohlicher Kommentare“, sagt Sollwedel. Man solle ihn rauswerfen, schrieb ein Arminia-Mitglied und säte den Wind, der zum Beleidigungssturm wurde. Stundenlang prasselten Beleidigungen auf den Stadtverodneten ein, etwa Aussagen wie: „Sperrt ihn in den Keller“, „Penner“, „Krasser Spast“. Das belegen Screenshots des Dialogs auf dem sozialen Netzwerk, welche der OP vorliegen. Die Pöbler sollen Szenekennern zufolge vor allem Mitglieder liberaler Gruppen sein.

Entschuldigung ist erfolgt

Der Sprecher der Arminia, Dominic Thomas Hartmann bedauert den Vorfall. „Es kam zu unschönen Bemerkungen. Kommentare eines Bundesbruders waren nicht korrekt“, sagt er. Der Initiator der Pöbelattacken habe sich bereits beim Opfer entschuldigt und die Texte gelöscht. Sollwedel bestätigt das. Den Politiker sehe man „gerne als kritischen Gast, der unter Verbindungen differenzieren kann“, sagt Hartmann. Der Party-Rauswurf sei der Tatsache geschuldet gewesen, dass Sollwedel sich nicht an die geltenden Kleidungsvorschriften gehalten habe, keine Krawatte trug.

Der 27-Jährige vermutet hinter dem Angriff jedoch mehr als nur persönliche Angriffe. Seine Befürchtung: Gemäßigte Studentenverbindungen hegen immer merh Groll gegen die Entscheidung rund um die Zukunft des Marktfrühschoppens und kündigen ihren eigenständig formulierten Kampf gegen Rechtsextreme auf. „Die Aktion bei der Party kann man nicht losgelöst von der Diskussion um die Feier sehen. Das ist absolut kontraproduktiv, vor allem von der Arminia, sie spielt damit Extremen wie den Rheinfranken in die Hände“, sagt er. Gerade die Nicht-Rechten müssten sich offensiv von den „privaten, rechtsextremen Strukturen in ihrer Nähe“ abgrenzen.

Hausverbot gegen Rheinfranken aufgehoben?

So auch die liberale Burschenschaft Alemannia. Doch nach OP-Informationen soll diese ihre Hausverbote gegen Mitglieder der Rheinfranken aufgehoben haben. Zudem sollen sich Mitglieder der katholischen Thuringia an den Pöbeleien gegen Sollwedel beteiligt haben.

Ein Indiz für die Solidarisierung in der Verbindungsszene? Protest von der Arminia: „Ein Zusammenhang mit dem Marktfrühschoppen besteht nicht. Die Arminia lehnt rechtsradikales Gedankengut ab und würde sich niemals mit einer solchen Burschenschaft solidarisieren“, sagt Hartmann. Das Hausverbot gegen die umstrittenen Burschenschaften Germania und Rheinfranken gelte weiterhin. Weder die Alemannia, noch die Thuringia wollten sich auf OP-Anfragen zu den Themen Shitstorm oder Marktfrühschoppen äußern. Auch, ob bei ihnen Hausverbote gegen rechte Gruppen gelten und durchgesetzt werden, wollten sie nicht beantworten. Lediglich die ATV schreibt auf ihrer Homepage von der Ablehnung extremen Gedankenguts.

Szenekennern zufolge werden Hausverbote jedoch lax gehandhabt. Sind Verbindungsstudenten ohne Farben, Schärpe oder andere Erkennungszeichen zu Gast, „sieht man das mit den Verboten nicht so eng, Oft wiegt die Gastfreundschaft mehr“, sagt der Wissenschaftler Doktor Stephan Peters, langjähriger Beobachter der Marburger Burschenschaftsszene.

Sollwedel: "Nie war ich gegen Studentenverbindungen"

„Das Verhalten der Liberalen ist widersprüchlich“, sagt Sollwedel. Er glaube, dass - „so-lange keine Fahnen geschwenkt werden“ - die Nähe zu und der Umgang mit Rechtsextremen auch bei den Liberalen toleriert werde. „Die Verbindungen fordern aber zu Recht, dass ihnen nicht pauschal und endlos unterstellt wird, rechts zu sein“, sagt Sollwedel. Er plädiert für differenzierte Analysen. „Nie war ich gegen Studentenverbindungen, nur gegen private, rechte Vereinigungen beim Marktfrühschoppen. Das ist ein großer Unterschied, den viele endlich begreifen müssen“, sagt er.

Das Problem sei die Haltung des Veranstalters, des Marktfrühschoppenvereins. „Sobald die Verbindungen erkennen, dass nicht die Stadtpolitik, sondern die drei, vier rechtsextremen Gruppierungen ihr Problem sind, hat der Marktfrühschoppen meiner Ansicht nach auch wieder eine Zukunft“, sagt Sollwedel. Die Politik fechte keinen Anti-Burschi-, sondern einen Anti-Rechts-Kampf aus.

Auf die Frage, wieso er als Szenekritiker überhaupt zu Partys von Studentenverbindungen gehe, ob er dort provozieren wolle, sagte Sollwedel: „Ich war privat dort. Eine Feier ist für mich eine Feier und ich unterscheide zwischen Burschenschafts-Mitgliedern. Provokante Debatten wollte ich dort nicht beginnen.“

von Björn Wisker

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