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Bunte Bilder für ein besseres Verständnis

Diabetes-Kurs für Migranten Bunte Bilder für ein besseres Verständnis

Immer mehr Menschen in Deutschland erkranken an Diabetes. Auch viele Migranten sind betroffen - und wissen häufig nicht mit der Krankheit umzugehen. Das soll sich mit einem neuen Kursangebot ändern.

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In einem speziellen Kurs in türkischer Sprache lernen die Patienten unter Anleitung von Diabetes-Assistentin Emine Adam-Bolat (Zweite von links) anhand einer sogenannten „Gesprächslandkarte“, wie sie mit ihrer Krankheit und deren Folgen umgehen können.

Quelle: Katharina Kaufmann

Marburg. Drei Frauen und drei Männer sitzen gemütlich um einen Tisch. Die Frauen tragen Kopftücher, die Männer Bärte. Es gibt türkischen Tee, süße Kekse und selbstgemachte landestypische Gebäckspezialitäten. Auf den ersten Blick scheint es eine nette kleine Gesprächsrunde unter Bekannten, wenn nicht sogar Freunden, zu sein. Die sechs Migranten sitzen allerdings in einer Arztpraxis im Marburger Biegenviertel. Sie alle sind Diabetiker. Und sie alle wollen in einem neuartigen Kurs in ihrer Muttersprache lernen, wie sie mit der Krankheit am besten leben können.

Rund 1,4 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund leben allein in Hessen, jeder vierte von ihnen ist türkischer Nationalität - das entspricht rund 350000 Männern und Frauen. Gut 15 Prozent von ihnen - etwa 52500 - sind potenzielle Diabetiker. Potenzielle Diabetiker, die die Krankheit kaum kennen und die Faltblätter von Ärzten und Krankenkassen häufig nicht verstehen, manchmal sogar nicht einmal lesen können.

Ein interaktiver Kurs für türkischsprachige Diabetes-Patienten und ihre Angehörigen soll das nun ändern. Erstmals findet der von einer Pharmafirma entwickelte und der Genossenschaft der Diabetologen Hessen angebotene Lehrgang mit dem Titel „Diabetes gemeinsam verstehen“ nun auch in Marburg statt. Ziel ist es, türkischstämmige Patienten mit Typ-2-Diabetes für ihre Erkrankung zu sensibilisieren, ihnen Unterstützung im Umgang mit der Krankheit anzubieten und sie zu mehr Eigenverantwortung zu motivieren - und zwar nicht über Frontalunterricht, sondern über eine interaktive Informationsvermittlung mit sogenannten Gesprächslandkarten. Denn wenn Patienten in der Lage sind, ihre Therapie-Empfehlungen adäquat umzusetzen, kann das Risiko von Begleit- und Folgeerkrankungen reduziert werden.

Die sechs Frauen und Männer aus Breidenbach, Kirchhain und Marburg sitzen also in einer gemütlichen Runde bei Tee und Gebäck beisammen, zwei haben ihre Kinder mitgebracht. Auf dem Tisch liegt ein etwa ein Meter auf eineinhalb Meter großes, buntes Plakat, eine Gesprächslandkarte. Sie zeigt verschiedene Szenen aus dem Diabetiker-Leben. Heute geht es um die Füße, besonders die Fußerkrankungen, die Diabetes mit sich bringen kann und die spezielle Pflege, die Diabetiker-Füße brauchen. Emine Adam-Bolat, Diabetes-Assistentin und Kursleiterin, erklärt den Patienten worauf es ankommt, was es zu beachten gibt und welche Anrechte Diabetiker haben - alles in Türkisch.

Sprachliche Hürden sollen abgebaut werden

Es wird geschwatzt und lebhaft diskutiert. Es wird gelacht und von den eigenen Erfahrungen berichtet. „Spielerisch und in lockerer Atmosphäre lernen die Patienten viel schneller und besser“, erklärt Adam-Bolat. Und vor allem verstehen sie besser. „Es sind auch Analphabeten im Kurs, die können sich gar nicht selbst über die Krankheit und ihre Folgen informieren“, berichtet sie. Und so erläutert die Diabetes-Assistentin nicht nur, dass Diabeti-ker zweimal im Jahr einen kassenrechtlichen Anspruch auf eine professionelle Fußpflege haben, wenn sie eine Diabetische Nervenstörung aufweisen, sondern zeigt auch die entsprechenden Geräte, mit denen ein Arzt die Druckempfindlichkeit, die Sensibilität (siehe Foto unten) und das Kalt-Warm-Empfinden an den Füßen misst. Hürden - sowohl sprachliche als auch kulturelle und zwischenmenschliche - sollen so abgebaut werden.

Immer wieder wandern Karteikarten durch die Hände der Kurs-Teilnehmer, schauen aufmerksame Augenpaare sich die Bilder an und prägen sie sich ein. Fragen werden gestellt, Anworten gegeben - von der Kursleiterin oder den Teilnehmern selbst. Es ist auch der Austausch untereinander, der diesen neuen Kurs prägen soll.

Plötzlich wird es hektisch, ein Patient schiebt seinen Stuhl zurück, bückt sich unter den Tisch und zieht den rechten Schuh aus. Voller Stolz hält er ihn hoch. Es ist ein orthopädischer Schuh, speziell für seine Füße angefertigt. Den habe er von seinem Arzt verschrieben bekommen, erklärt er. Und: Der sei sehr teuer gewesen. „Ich musste aber nur 76 Euro dazuzahlen“, betont er. Die anderen Patienten staunen nicht schlecht. Und einmal mehr ist Adam-Bolat gefragt, zu erklären, dass, wer an Diabetes und den Folgeerkrankungen leidet, finanzielle Unterstützung von seiner Krankenkasse erhält: Beispielsweise in Form von extra angefertigten Schuhen oder Einlagen.

Kursstunden sollen noch erweitert werden

„Es gibt derzeit vier Kursstunden, jeweils zu einem bestimmten Thema“, schildert Adam-Bolat den Aufbau des Projekts. Weitere drei Kursstunden und Themen sollen in Kürze folgen. Thematisch behandelt werden zum einen die Krankheit Diabetes an sich, wie sie entsteht und was dabei im Körper geschieht beziehungsweise nicht geschieht. Zum anderen werden die Bereiche Ernährung, Bewegung, Medikamente und Folgeerkrankungen erläutert. Auch migrantenspezifische Themen wie der Ramadan oder ein Urlaub in der Türkei und der damit verbundene Transport von Insulin im Flugzeug werden besprochen.

Noch ist der Kurs von keiner Krankenkasse als abrechnungsfähige Diabetesschulung anerkannt. „Daran arbeiten wir aber“, sagt Diabetologe Dr. Mathias Brinschwitz, in dessen Marburger Praxis der Kurs stattfindet. Er sei dankbar für die Entwicklung des Angebots, denn besonders türkischstämmige Patienten seien bislang mit Beratungen nicht so richtig erreicht worden, „vor allem wegen der Sprachbarriere“, erklärt er.

Die sechs Teilnehmer, durch die Bank weg alle freiwillig im Kurs, sind von der Beratung begeistert: „Man kann sich aktiv beteiligen“, erklärt eine 38-Jährige: „Dadurch lernt man viel.“ „Und man versteht die Sachen besser, und kann sie sich gut merken“, ergänzt ein 70-jähriger Patient.

Nach gut einer Stunde ist der Kurs beendet. Gemeinsam wird noch aufgeräumt, die Teetassen vom Tisch gestellt und das Gebäck wieder eingepackt. „Bis zum nächsten Mal“, verabschiedet Emine Adam-Bolat die drei Frauen und die drei Männer, während sie die Gesprächslandkarte in einen Ordner heftet: „Güle güle.“

Das Projekt

Diabetes gemeinsam verstehen ist eine von einer Pharmafirma entwickelte Initiative, die in Kooperation mit den Diabetologen Hessen eG angeboten wird.

Die Kurse finden in türkischer Sprache in den Praxen der Genossenschaftsmitglieder statt.

Statt mit einer Frontalschulung versucht das Programm im Dialog mit den Patienten und durch Einbindung spielerischer Elemente, das Verständnis für die Krankheit und ihre alltäglichen Verflechtungen zu stärken.

In Gruppen von bis zu zehn Personen lernen die Patienten, was bei Diabetes in ihrem Körper vorgeht und wie sie sich der Krankheit entsprechend verhalten sollten.

Die Krankheit

Etwa sechs Millionen Menschen in Deutschland geben derzeit an, an Diabetes erkrankt zu sein. Mit einem Anteil von etwa 95 Prozent sind die meisten Menschen am Typ-2-Diabetes erkrankt. Anders als der autoimmunbedingte Typ-1-Diabetes bleibt der Typ-2-Diabetes häufig lange Zeit unerkannt. Die Dunkelziffer ist daher groß. Sie wird auf zwei bis fünf Millionen Menschen geschätzt, die an Diabetes erkrankt sind, aber noch keine ärztliche Diagnose erhalten haben.

Der Diabetes mellitus auch Zuckerkrankheit genannt ist eine Stoffwechselstörung, bei der die Blutzuckerwerte dauerhaft zu hoch sind. Diese Stoffwechselstörung kann unterschiedliche Ursachen haben. Man unterscheidet zwischen zwei Typen:

Der Typ-1-Diabetes ist durch einen Verlust der insulinproduzierenden Zellen bedingt. Die Folge: Dem Körper steht nur noch wenig bis gar kein eigenes Insulin zur Verfügung. Das fehlende Hormon Insulin muss gespritzt werden.

Beim Typ-2-Diabetes produziert der Körper – zumindest in der Anfangsphase – noch viel Insulin. Allerdings ist die Empfindlichkeit der Körperzellen auf das Hormon herabgesetzt. Das heißt die Zellen sind insulinresistent, sie können nicht mehr richtig auf Insulin reagieren. Die Folge davon ist, dass das körpereigene Insulin nicht mehr ausreicht, um den erwünschten Effekt zu erzielen.

von Katharina Kaufmann

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Von Redakteur Katharina Kaufmann

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