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Bundespräsident will bessere Schulbildung für Flüchtlinge

Asylbewerber Bundespräsident will bessere Schulbildung für Flüchtlinge

Die Adolf-Reichwein-Schule in Marburg wird ab dem nächsten Schuljahr eine von 18 hessischen Schwerpunktschulen, die für Deutschunterricht zugunsten junger Flüchtlinge eingerichtet wird. Das bestätigt das Kultusministerium auf OP-Anfrage nach dem Besuch von Bundespräsident Joachim Gauck in Gießen.

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Bundespräsident Joachim Gauck (2. v. links) und Friedrich-Feld-Schulleiterin Annette Greilich sprechen mit jungen Flüchtlingen wie Abdi Rahman.

Quelle: Frank Rumpenhorst / dpa

Gießen. Die schwarze Limousine rollt auf den Schulhof. Die Fahne mit dem Bundesadler auf dem Auto weht im Wind. Bundespräsident Joachim Gauck öffnet die Tür, und die Schüler der Friedrich-Feld-Schule beginnen zu kreischen, zu klatschen. Das Staatsoberhaupt bricht zu Beginn seines Gießen-Besuchs mit dem Protokoll, geht hinüber zu den Jugendlichen- und steht plötzlich in einem Selfie-Gewitter. Dutzende Jungen und Mädchen schießen mit ihren Smartphones ein Foto von sich mit Gauck, haben sie es, klatschen sie sich mit ihren Freunden ab: High five, gib mir fünf! Ein Politiker als Popstar.

Bundespräsident spricht mit Flüchtlingen

Dabei saßen die eigentlich wichtigen Akteure am Donnerstag wenige Meter weiter in einem Klassenraum. Einer von ihnen ist Abdi Rahman. Vor zwei Jahren kam er nach monatelanger Flucht aus Somalia in Deutschland an, minderjährig, ohne Eltern, ohne Geld, ohne einen Brocken der Sprache zu verstehen. „Ich, wir Neuankömmlinge insgesamt, haben hier Sicherheit, Essen, eine Wohnung - und damit alles, was man zum Leben braucht“, sagt er. Später wird Joachim Gauck ihn und andere Schüler, die an der kaufmännisch-beruflichen Schule neben Deutsch auch Ethik und weitere Fächer lernen, fragen, ob sie igrendwann in ihre Heimatländer zurückkehren wollen.

In der Heimat haben viele keine Zukunft

„Die Chancen auf Bildung, auf einen Beruf habe ich nur hier, und diese Möglichkeiten sind dieselben wie für deutsche Kinder. Ich will nicht zurück“, sagt Rahman. Ähnlich geht es Trifa Muhammadi aus dem Iran und Abel Bahta aus Eritrea. „Zuhause gibt es für mich als Kurdin keine Zukunft, wir haben ja nicht mal ein Land“, sagt Trifa. Bahta hingegen ist, wie die Hälfte der Teilnehmer an dem in Mittelhessen einmaligen Projekt „Dazulernen“, über das Gauck sich informierte, ein sogenannter unbegleiteter minderjähriger Flüchtling (umF). In dem schulischen Konzept wird jeder junge Flüchtling in einer Klasse von einem in etwa gleichaltrigen deutschen Schüler betreut. Das gemeinsame Deutschlernen funktioniert unter anderem mit selbstentworfenen Arbeitsblättern, Kreuzworträtseln und Würfelspielen.

Verständnis für Flüchlinge ist gewachsen

Martin Klein hat ein Brett gebaut, das „Mensch ärger dich nicht“ gleicht. Er stellt Hasan aus Pakistan und Mammadou aus Mali Fragen. „Was magst du nicht?“, fragt der 16-Jährige den jungen Afrikaner. Dieser zögert, überlegt, traut sich nicht so recht, zu sprechen. Martin hilft, animiert, ermutigt seinen Flüchtlings-Freund. „Schau, ich mag Mathematik nicht, auch keine Tomaten. Was magst du nicht?“ Ein Lächeln huscht über Mammadous Lippen: „Ich mag keine Schiffe“, sagt er leise. Nach Ansicht von Bundespräsident Gauck ist das Verständnis für Flüchtlinge in den vergangenen Jahren in Deutschland jedoch gewachsen.

„Die Einstellung der Bevölkerung hat sich doch positiv verändert zugunsten derer, die Aufnahme suchen“, sagt er anlässlich des Besuchs kurz vor dem Weltflüchtlingstag am Samstag. In Ballungszentren gebe es zwar Probleme, „aber aufs Ganze gesehen ist es doch imponierend, wie viel Verständnis, Aufnahmebereitschaft und Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung vorhanden“ sei. „Wir sehen oft nur die Problemlagen, aber nicht die Kraft und die Energie, die in diesen Menschen steckt. Die bringen uns auch etwas.“

Abschlussgespräch mit Studenten

Jedoch solle jedem klar sein, dass „die Lasten angesichts des Flüchtlingszuwachses für unsere Gesellschaft schwerer werden, nicht leichter“. Angesichts der oft dramatischen Erlebnisse gerade junger Asylbewerber und der nötigen Integrations- und Erziehungsarbeit, müsse sich jeder „stärker als bisher Gedanken machen, wie man selbst und individuell helfen kann“. Eine „Hauptsache-uns-geht- es-gut-Haltung ist nicht akzeptabel“, sagt Gauck.

Wahrlich gut geht es Elham Mohammadi, die vor drei Jahren aus dem Iran flüchtete. Die 20-Jährige spricht problemlos Deutsch und hilft nun anderen. „Ich als Migrantin weiß wie es ist, von null, aus dem Nichts die Sprache zu lernen“, sagt die Hilfslehrerin. „Es ist aber nicht nur so, dass sie Deutsch und wir über ihre Kulturen lernen. Wir erfahren über das Üben mit ihnen auch mehr über Deutsch als unsere eigene Sprache und Identität“, sagt Berufsschüler Martin Klein.

Zum Abschluss seines Gießen-Besuchs sprach Gauck mit Studenten, die sich an der Justus-Liebig-Universität in der Flüchtlings-Rechtsberatung „Refugee Law Clinic“ engagieren.

von Björn Wisker

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