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Bürger-Internet soll ausgebaut werden

Freies WLAN Bürger-Internet soll ausgebaut werden

Whatsapp schreiben, Facebook checken, Zeitung lesen: In der ganzen Stadt könnte es künftig Gratis-W-Lan geben. Realisiert werden soll das über mehrere Netzwerk-Knotenpunkte, die Privathaushalte zur Verfügung stellen.

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Mittels Router-Vernetzung soll es nach Piraten- und SPD-Willen in der ganzen Stadt freies, von den Bewohnern selbst bereitgestelltes W-Lan geben.

Quelle: Björn Wisker (Archiv)

Marburg. Mobiler Internet-Zugang für alle zu jederzeit, kostenlos bereitgestellt, ohne Registrierung und zusätzlich zum bestehenden, aber stationären Hotspot-System der Kommune an zentralen Plätzen - das ist das Konzept, das die Piratenpartei mit der SPD auf den Weg gebracht hat. Die Mehrheit in der Stadtverordnetenversammlung hat einem entsprechenden Antrag zuletzt zugestimmt.

Das Prinzip: Jeder Nutzer in einem sogenannten Freifunknetz stellt seinen Router anderen Teilnehmern für den Datentransfer zur Verfügung. Es lassen sich für alle Nutzer Daten, etwa Text, Musik und Filme, über dieses Netz übertragen. Kurzum: Jeder hat - ohne einen klassischen Internet­anbieter wie etwa Telekom oder Unitymedia dazwischen zu schalten - vollen Zugriff zum Internet, kann Whatsapp nutzen, auf Homepages lesen, Browserspiele zocken. Der dezentrale Aufbau des Freifunks soll Nutzern zudem Anonymität und Überwachungsfreiheit gewährleisten. Zentral für die Umsetzung des Freifunksystems ist die Anschaffung Hunderter Netzwerkrouter, die OpenWRT-fähig sind. Bis zu 1300 dieser Geräte sollen nach Berechnung der Piratenpartei mit Hilfe eines kommunalen Förderprogramms angeschafft werden. Alle Marburger, die sich am Ausbau dieses Netzwerks beteiligen, würden über dieses Anreizsystem Dreiviertel des Technik-Kaufpreises erstattet bekommen - mit Ausnahme der thüringischen Stadt Gera gibt es solche öffentlich geförderten Bürgernetze deutschlandweit kaum.

„Das Programm ist nicht dazu gedacht, eine Flächenabdeckung herzustellen. Es soll als Kristallisationskeim dienen, damit Menschen im Rahmen einer Graswurzelbewegung für freie Netze in Eigenregie mit einsteigen“, sagt Dr. Michael Weber, Piraten-Stadtverordneter. Die Initiative sei als eine Anschubförderung für eine Idee gedacht, die allen Bewohnern - nachdem es sich herumgesprochen habe - nützen könnte.

Wie viele Router für eine möglichst flächendeckende Versorgung der Innenstadt und angrenzender Bereiche nötig sind, ist aber unklar - es dürften Tausende sein. 49 Knotenpunkte sind bislang aktiv, vor allem zwischen Oberstadt und Neuer Kasseler Straße beteiligen sich vereinzelt Bewohner und Ladenbesitzer am Freifunk.

Eine Reichweitenausdehnung des Netzes würde der Marburger Freifunkgemeinschaft zufolge aber auch gelingen, indem hochgelegene Sendestandorte mit geeigneter Technik ausgerüstet werden: das Schloss, Uni-Heizkraftwerk, Spiegelslustturm, Kirchtürme, Affenfelsen oder Gebäude am Ortenberg. „So könnten Richtfunkstrecken aufgebaut werden, um Außenstadtteile oder gar Gemeinden im Landkreis direkt anzubinden“, sagt Weber. Wie gut das Netz im Laufe der Zeit werde, wie viele Versorgungslücken es letztlich gebe, hänge aber von der Mitmachbereitschaft jedes Stadtbewohners ab.

Kritik an Unitymedia, das ähnliches Modell verfolgt

Ein ähnliches, wenngleich privatwirtschaftliches W-Lan-Vorhaben treibt derzeit Unitymedia voran. Das Unternehmen informiert seine Kunden in diesen Tagen per Post darüber, dass auf ihren Routern ein zweites ­W-Lan-Netz aktiviert wird. Bis zu 1,5 Millionen öffentliche Ver­bindungsoptionen sollen auf diese Weise hessenweit bis zum Sommer entstehen.

Eine Wahl haben die Kunden nicht - das zweite W-Lan-Netz wird über ein Software-Update automatisch aktiviert. Wer das nicht will, muss dem Kabelanbieter aktiv widersprechen, schriftlich, telefonisch oder im Online-Kundenportal (siehe Artikelende). Verbraucherschützer kämpfen momentan gegen dieses Vorgehen. Das Unternehmen will aber nach eigenen Aussagen an seinen W-Lan-Plänen festhalten.

Unitymedia-Kunden können über das Online-Kundenportal - unter „Meine Produkte/Internet/WifiSpot sperren” - ihren Router vorsorglich gegen die Öffnung für Dritte schützen. Kundentelefon: 0800 / 700 11 77.

von Björn Wisker

Hintergrund: Störerhaftung vor dem Aus
Bislang schränkte die Störerhaftung den Ausbau von freien Internetzugängen ein. Sie besagt, dass Betreiber offener Netze dafür verantwortlich sind und rechtlich belangt werden können, wenn illegale Aktivitäten – etwa das Herunterladen von Filmen oder Musik – über ihr Netzwerk geschieht. Schon vor der Installation des W-Lan im Flüchtlingscamp in Cappel 2015 wurde befürchtet, dass das Angebot für kriminelle Aktivitäten missbraucht werden könnte. Doch noch im Laufe dieses Jahres soll die Störerhaftung, die ohnehin seit Jahren umstritten ist, in dieser Form abgeschafft werden.
"Bin ich schon drin?“ OP erklärt das Freifunk-Konzept

Was ist Freifunk?

Menschen, die einen Internetanschluss haben, teilen diesen mit allen anderen ohne irgendwelche Beschränkungen und vernetzen ihre Geräte untereinander. So entsteht ein Netz zwischen den einzelnen Freifunkern und gleichzeitig entsteht ein immer größeres Areal, in dem man kostenlos im Internet surfen kann.

Wieso teilen Leute ihre private Internetverbindung?

Netzaktivisten, von denen es viele auch in der Marburger Piratenpartei gibt, wollen, dass niemand vom Internet ausgeschlossen ist sie sehen darin auch eine Form von Sozialpolitik. Es soll jeder, auch wenn er es sich eigentlich nicht leisten kann, im Netz surfen können. Anschlussbesitzer geben zwar einen Teil ihrer bezahlten Bandbreite ab doch nur wenige nutzen tatsächlich die volle Leistung ihrer Internetleitung. Selbst wer Fernsehen in HD-Qualität über das Internet schaut, spürt im Regelfall keinen Geschwindigkeitsverlust.

Wie funktioniert Freifunk grundsätzlich?

Wer mitmachen will kauft einen entsprechenden Router, steckt ihn in eine Steckdose und schließt sie an den Router seines Hausnetzes an. Das ausgestrahlte Freifunk-­W-Lan-Signal ist für jeden kostenlos nutzbar ohne Zugangs-Code, Zeitlimit oder Volumenbeschränkung. Der Datenverkehr fließt über eine getrennte Tunnelverbindung, einen komplett vom Hausanschluss getrennten Kanal mit eigener IP-Adresse.

Ist es riskant, seinen Internetanschluss mit anderen zu teilen?

Noch gilt ja und nein doch bald ist gibt es kaum noch Gefahren. Grundsätzlich haftet der Täter, also derjenige, der die Rechtsverletzung begangen hat. Der­jenige, der nur Betreiber ist, kann allenfalls nach den Grundsätzen der Störerhaftung in Anspruch genommen werden. Die Störerhaftung die aber im Laufe des Jahres abgeschafft wird besagt, dass derjenige, der einen Internetanschluss für andere bereitstellt, dafür haftet, wenn diese anderen darüber Rechtsverletzungen begehen. Diese Norm hat bislang zur Konsequenz, dass im Gegensatz zu anderen Ländern, in denen offenes W-Lan selbstverständlich ist in Deutschland kaum ein Geschäftsmann den Kunden einen kostenlosen Internetzugang anbietet.

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