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Brillen für Schüler in Afrika

OP-Porträt Brillen für Schüler in Afrika

Sie hat ihr Herz an Afrika verloren. Und um den Menschen dort zu helfen, sammelt die Marburgerin Dorothe Hilse Lesebrillen. Die Geschichte einer ganz besonderen Mission.

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Dorothe Hilse bei ihrem Besuch.

Marburg. Manchmal kann jemand den Zeitpunkt ganz genau benennen, an dem sein Leben sich entscheidend verändert hat.

Bei Dorothe Hilse war das eine Reise an Ostern 2010. Eine Delegation ihrer Heimat-Gemeinde in Nordrhein-Westfalen besuchte deren Partnergemeinde im Kongo und Dorothe, damals gerade 18 Jahre alt geworden, durfte dabei sein. Die Eindrücke, Erlebnisse und Begegnungen dort haben sie dauerhaft beeindruckt. Hatte sie zuvor noch Kanada als Ziel für einen „work and travel“-Aufenthalt nach dem Abitur im Kopf gehabt und danach beruflich in den Bereich Eventmanagement gehen wollen, verbrachte sie stattdessen acht Monate in Südafrika und begann dann, in Marburg Politikwissenschaft zu studieren. „Reisen kann ich immer noch, ich möchte etwas bewegen“, erklärt Dorothe.

Heute weiß sie gar nicht mehr so genau, was sie eigentlich für Vorstellungen hatte von Afrika, erzählt die 22-Jährige. „Es ist heiß, es gibt wilde Tiere?“ - das, was man mit dem „schwarzen Kontinent“ eben ad hoc so assoziiert. Das, worauf sie vor Ort tatsächlich traf, das hat sie erst einmal schlucken lassen, sagt sie. „Wir waren mitten im Urwald - kein fließendes Wasser, keine Elektrizität. Die Gerüche sind anders, die Geräusche sind anders und die Menschen reagieren anders“, erzählt die Studentin. Insbesondere viele Kinder hatten noch nie einen Weißen gesehen, insofern war der Besuch der Deutschen natürlich ein Ereignis.

Schüler teilen sich im Unterricht Lesebrillen

Die Armut, die dort herrsche, sei eine viel krassere als die, die man hier kennt. Es gibt keine staatlichen Hilfen. Oft sei sie erschrocken gewesen über die Zustände und habe gedacht: „Das kann es doch eigentlich gar nicht geben“. Und trotzdem wurden sie überall mit Gastgeschenken empfangen, jeden Tag gab es ein Festmahl zu ihren Ehren: „Dort hat die Gastfreundschaft einen ganz anderen Wert“, so Dorothe. Auch das Gemeindeleben hat sie in Afrika anders als in Deutschland erlebt. Die besten Kleider werden für den Gottesdienst aufgehoben. Der kann dann schonmal zwei, drei Stunden dauern - und ist dann wider Erwarten unglaublich lebendig und mitreißend, sagt Dorothe.

Auch über alle Sprachgrenzen hinweg hat die junge Frau sich in Afrika als Teil einer Gemeinschaft erlebt. Und eine ganz andere Art von Luxus kennengelernt: „den Luxus der Dankbarkeit und Lebensfreude“, wie sie es formuliert. Der Kulturschock sei danach gekommen, als sie wieder zurück in Deutschland war. Hier habe sie völlig fassungslos vor dem Überfluss in Supermärkten gestanden und ein Problem damit gehabt, das genießen zu können, was hier eben selbstverständlich ist: fließendes Wasser, abends das Licht anschalten zu können, um ein Buch zu lesen oder einen Computer zu besitzen. Inzwischen habe sie gelernt, dass sie auch über solche Dinge glücklich sein darf. Um die Menschen in Afrika glücklich zu machen, hatte sie nach ihrer Rückkehr 2010 gemeinsam mit ihrem Patenonkel eine Idee. Sie hatte zuvor in so genannten „Écoles d’Alphabétisation des Mamans“ („Mama-Schulen“) erlebt, dass viele der Frauen, die dort eine Schulbildung erhalten, bereits schlechte Augen haben und sich eine ganze Klasse im Unterricht eine einzige Brille teilt. Warum also nicht einfach Lesebrillen, die in Deutschland keiner mehr braucht, sammeln? Ganze Sporttaschen voller Brillen haben über Organisationen oder einen der Geistlichen der afrikanischen Gemeinde, in der Dorothe zu Gast gewesen ist, inzwischen schon ihren Weg nach Afrika gefunden.

Und auch Dorothes Weg führt sie immer wieder dorthin zurück. Nach ihrem Aufenthalt in Südafrika 2011/2012 betreute sie im vergangenen Jahr über die „Vereinte Evangelische Mission“ Kinder in einem Camp in Botswana. Und das Pflichtpraktikum im Rahmen ihres Studiums wird sie im kommenden Wintersemester von Oktober bis März in der Deutschen Botschaft in Südafrika absolvieren. Für die Zukunft hat sie ein klares Ziel: „Ich will anderen Menschen zu einem besseren Leben verhelfen“. Und manchmal funktioniert das schon mit einer Sache, die für uns alle völlig selbstverständlich ist: einer Lesebrille.

von Nadja Schwarzwäller

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