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Brief des Opfers belastet Angeklagten

Prozess gegen Arzt Brief des Opfers belastet Angeklagten

An den Aussagen eines Drogenabhängigen (23), der von einem Marburger Arzt (51) mehrfach sexuell missbraucht worden sein soll, gibt es am Landgericht nach dem ersten Verhandlungstag Zweifel.

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Seit Montag und wohl bis mindestens Ende Mai wird die Berufungsverhandlung gegen einen Arzt dauern.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Ein Grund dafür ist, dass das im Jahr 2012 verstorbene Opfer kurz nach der Strafanzeige mehrere widersprüchliche Aussagen bei Vernehmungen durch Polizisten und Richter machte.

In einem Brief, den das Opfer über einen Sozialpädagogen der Jugendkonflikthilfe (Juko) im Sommer 2012 an die Polizei sendete, schildert der 23-Jährige seine Version. Demnach habe er „Alpträume“ und wache „nachts schreiend auf“, da er von dem Angeklagten „mental und körperlich abhängig“ sei, mehrfach sexuell missbraucht wurde, um Medikamente für seine Suchtbefriedigung zu bekommen. Bei einer von insgesamt drei anschließenden Vernehmungen vor dem Amtsgericht stritt er jedoch wesentliche Inhalte ab. Er sei von Ärzten der Methadon-Ambulanz und Pädagogen der Juko „unter Druck gesetzt worden“ die Anzeige zu erstatten, da er sonst nicht in ein Entzugsprogramm aufgenommen worden wäre. Es habe „keine Medikamente gegen Sex“ gegeben, zudem habe er als Bi-Sexueller „selbst Annäherungen und sexuelle Versuche in Richtung des Arztes gestartet“. Kurz darauf revidierte er diese Aussagen wiederum teilweise.

Nach Angaben von Richterin Isabell Rojahn, die den jungen Mann damals vernahm und am ersten Berufungs-Verhandlungstag am Montag als Zeugin geladen war, wirkte der 23-Jährige bei den Vernehmungen „mal sehr aufgeräumt und gepflegt, dann völlig fertig und verwahrlost“. Auch ein Polizist (34) schilderte dessen wechselhafte Aussagen und unterschiedliches Auftreten.
Zuvor offenbarte sich der Drogenabhängige einem anderen Polizisten. „Völlig spontan erzählte er, was mit ihm gemacht worden sei. Er heulte, war fertig, ihn belastete das offensichtlich und er schämte sich sehr“, sagte der 43-Jährige.

Angeklagter: Der Sex mit dem Opfer war freiwillig

Der 51-jährige Mediziner bestreitet die Missbrauchs-Vorwürfe. Seine „innere Struktur“ sei so, dass er ein „ausgeprägtes Helfer-Syndrom“ habe. „Ich wollte mich um ihn kümmern. So stressig und nervig es auch war, mir ging es bei ihm ums Helfen“, sagte er. Als es „zu Körperlichkeiten gekommen“ war, sei auch in Bezug auf die Medikamenten-Vergabe nach seinem Empfinden „der Patient in den Hinter-, der Freund in den Vordergrund getreten“. Der Geschlechtsverkehr, so sein Verteidiger, sei jedenfalls „einvernehmlich, freiwillig“ geschehen. „Er hatte schon Erfahrungen mit Männern und wollte noch mehr machen“, ergänzte der Internist.

Hintergrund: Das Amtsgericht verurteilte den Arzt  im vergangenen August zu einer Strafe von einem Jahr und zehn Monaten Haft auf Bewährung. Sowohl der Angeklagte als auch die Staatsanwaltschaft legten daraufhin Rechtsmittel ein. Wird ein Urteil rechtskräftig, droht der Arzt seine Zulassung zu verlieren.

Fortsetzung: Montag, 27. April, 9 Uhr

von Björn Wisker

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