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Brandblasen und gezogene Zähne

Friseurberuf im Wandel der Zeit Brandblasen und gezogene Zähne

Neue Haarfarbe oder ein moderner Schnitt: Heute gehen Männer und Frauen zum Friseur, um sich verwöhnen und ein neues Styling verpassen zu lassen. Früher ließen Kunden sich im Salon außerdem die Zähne ziehen.

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Rolph Limbacher, Obermeister der Marburger Friseure, besitzt eine mehr als 100 Jahre alte Einrichtung eines Friseursalons. Historisch sind auch die Werkzeuge zum Rasieren.Fotos: Patricia Grähling

Quelle: Patricia Graehling

Marburg. Die Geschichte der Oberhessischen Presse reicht 150 Jahre zurück. Die Berufe der Redakteure, Schriftsetzer und Drucker sind nicht viel älter - gemessen am Alter des Friseur­handwerks. „Es ist einer der ältesten Berufe der Welt“, sagt Rolph Limbacher, Obermeister der Marburger Friseurinnung. Mehr als 6000 Jahre vor der Geburt Christi habe es schon Menschen gegeben, die sich um die Haare ihre Kunden gekümmert haben.

Zu der Zeit, in der die OP auf den Markt kam, war der Beruf der Friseure noch breiter gefächert als heute. Limbacher erklärt, dass die Männer damals jeden Tag zum Friseur gingen und sich rasieren ließen. Sonntags machten die Friseure dann besonders früh auf: „Alle wichtigen Leute sind vor der Kirche zur Rasur gegangen“, erklärt der Obermeister. Einwegklingen gab es damals noch nicht und die Rasur mit dem scharfen Messer wollte gelernt sein. Daher bezahlten die Männer eben im Salon für glatte Wangen.

„Die Männer hatten beim Friseur eigene Kästchen“, erklärt Limbacher und zeigt auf kleine Schubfächer in einer mehr als 100 Jahre alten Wand aus einem alten Friseursalon. Dieses Friseurmöbel besteht aus Holz, großen Spiegeln, kleinen Regalen mit Türen aus geschliffenem Glas - und Schubfächern mit kleinen Nummern darauf. In den Kästchen lagen etwa die Pinsel, die bei der Rasur verwendet wurden. „Wer viel Geld hatte, der hatte hier sogar sein eigenes Rasiermesser liegen“, sagt Limbacher.

Renaissance des Rasierens

Mit der Erfindung des Gilette-Sicherheitsapparates im Jahr 1901 bekamen die Friseure aber nach und nach weniger Rasur-Kundschaft: „Man konnte sich ohne größere Schäden daheim rasieren“, erklärt Limbacher. Mit Einführung der Einwegklingen wurde es noch weniger.

Heute ist das Rasieren schon lange nicht mehr Teil der Ausbildung zum Friseur. „Derzeit gibt es aber eine Renaissance“, sagt der Obermeister der Marburger Friseure. So gebe es wieder vermehrt Rasier-Seminare für Friseure. Auch in Marburg gibt es wieder drei „Barber-Shops“, die sich auf männliche Kunden spezialisiert haben. „Da gibt es dann Whiskey, im Fernsehen läuft NTV und Autozeitungen oder der Playboy liegen aus“, sagt Limbacher. Rasuren gehörten da natürlich auch zum Programm. Die Trennung nach männlicher und weiblicher Kundschaft sei vor 100 Jahren noch üblich gewesen, in den vergangenen Jahrzehnten allerdings nicht mehr.

Gerade für die Frauen war der Friseurbesuch laut Limbacher teilweise „brandgefährlich“: „Im 18. Jahrhundert wurde der erste elektrische Föhn entwickelt“, berichtet er. „Das waren aber eher Flammenwerfer.“ 1910 folgte eine weitere heiße Erfindung: Die Dauerwelle wurde mit einem elektrischen Gerät voller Kabel gemacht. Die einzelnen Kabel wurden an die Lockenwickler angeschlossen und mit Hilfe von Strom aufgeheizt. Wer eine modische Dauerwelle wollte, musste Brandblasen am Kopf in Kauf nehmen. „Die Dauerwelle konnten wir in der Branche übrigens heute nicht mehr wiederbeleben.“

Perücken herstellen zählt nicht mehr zur Ausbildung

Zum Glätten oder Wellen der Haare wurden Zangen erhitzt und dann die Haare hindurchgezogen. Ein Onduliereisen zum Locken der Haare wurde beispielsweise mit Kohle gefüllt. „Friseure hatten früher sehr viele Brandblasen an den Fingern.“

Verschwunden aus der Ausbildung ist auch das Herstellen von Perücken und das Knüpfen von Haarteilen. „Es ist nicht mehr bezahlbar für den Kunden und daher nicht mehr gefragt“, erklärt Limbacher. Sein Großvater, der ebenfalls Friseur war, hatte hingegen noch viele Haarteile geknüpft - allerdings für Puppen.

Was hat sich noch für Friseure geändert? Da muss Limbacher nicht lange überlegen: „Heute ist alles viel schneller geworden.“ Der Rokoko habe Jahrzehnte angedauert - so lange waren die gleichen Kleider und Frisuren modern. „Heute gibt es zwei Mal im Jahr neue Frisuren­trends. Bei manchen Mode­ketten wechselt die Kollektion alle zwei Monate.“

Derzeit modern: Der sogenannte „Undone“-Look. Die Frisur soll laut Limbacher gepflegt aussehen und schick, aber eben nicht so, als komme man direkt vom Friseur - eben irgendwie unfertig. Und bei den Männern werde die Männlichkeit wieder modern: Keine langen Ponys, sondern maskuline Schnitte. „Das sieht man auch derzeit bei unseren Nationalspielern sehr gut.“

Blickt man mehr als 100 Jahre zurück, haben die Friseure übrigens viel mehr aufgegeben als das Rasieren und das Knüpfen von Perücken: „Früher haben wir noch Zähne gezogen und kleine chirurgische Eingriffe, den Aderlass oder Schröpfkuren übernommen.“ Zähne ziehen würden noch heute Friseure in Indien am Straßenrand. „Wir haben das irgendwann aufge­geben.“

Im Mittelalter und in den Jahrhunderten zuvor zogen die Friseure laut Limbacher von Dorf zu Dorf, um ihre Dienste anzubieten. Dann kamen die Bade­häuser. „Der Bader, der Barbier und der Wundarzt waren im Prinzip das Gleiche: der Friseur.“ Allerdings kam der dann irgendwann in Verruf, da man in vielen Badehäusern nicht nur Haarschnitte, Bäder und Schröpfkuren bekommen konnte, sondern auch Liebesdienste.

von Patricia Grähling

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