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Bouffier: „Wehret den Anfängen“

Holocaustgedenktag Bouffier: „Wehret den Anfängen“

Wo sich Bürger vor Ort persönlich für die Erinnerung an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte – Nazizeit und den Holocaust – einsetzen, wirkt es am intensivsten. Deshalb sind solche Initiativen die wertvollsten.

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Quelle: thorsten richter

In der Würdigung von Gedenkstätten, Bürgerinitiativen und Geschichtswerkstätten waren sich alle einig. Gut hundert Besucher waren gestern Mittag zu der nichtöffentlichen Veranstaltung des Landtags und der kommunalen Spitzenverbände zum Holocaustgedenktag ins Marburger Kreishaus gekommen.
Hauptredner der Gedenkfeier war der emeritierte Kasseler Professor Dietfrid Krause-Vilmar, zugleich Mitgründer der Gedenkstätte Breitenau im nordhessischen Guxhagen. Er forderte die Politik auf, die Erinnerungskultur der vielen ehrenamtlich entstandenen und betriebenen Gedenkstätten und Geschichtswerkstätten weiter und stärker finanziell zu fördern, weil sie zur politischen Bildung, die bei uns zu Recht als Aufgabe des Staates begriffen werde, unverzichtbar seien.
Dies hatten auch Ministerpräsident Volker Bouffier und Landrat Robert Fischbach betont. „Gegen die Verbrechen der Nazis können wir heute nichts mehr tun. Aber gegen das Vergessen müssen wir alles tun“, sagte Bouffier und lobte die Arbeit der Ehrenamtlichen, die sich an vielen Orten in Hessen dafür engagierten. Als Beispiel wurden gestern der Förderverein der Landsynagoge Roth und das Dokumentationszentrum (DIZ) in Stadtallendorf herausgehoben, über deren Arbeit derzeit eine Ausstellung im Foyer des Kreishauses informiert (die OP berichtete). Bouffier: „Damit bekommt das Grauen ein Gesicht, die jungen Generationen können sich vor Ort mit konkreten Geschehnissen auseinandersetzen und Lehren daraus ziehen.“ Es sei auch richtig, dass es Rechtsextremismus nicht nur in Deutschland gebe und gegeben habe. Dies dürfe aber nicht als Einladung verstanden werden, Naziverbrechen zu relativieren. Das sei gefährlich, weil es Gleichgültigkeit fördere, „das schleichende Gift für die Demokratie“. Drum riet Bouffier: „Wehret den Anfängen!“ Auch Fischbach hatte darauf hingewiesen, dass unsere freie Gesellschaft nicht so selbstverständlich sei, wie sie uns heute oft vorkomme.

Adam Strauß enttäuscht von der Begrüßungsrede

Herabgesetzt fühlte sich trotz des feierlichen Rahmens Adam Strauß, der Präsident des hessischen Landesverbands Deutscher Sinti und Roma. Gastgeber Robert Fischbach sei zwar in seiner Ansprache auf die Juden eingegangen, Sinti und Roma seien dagegen nicht vorgekommen. „Es ist beschämend“, sagte Strauß, „ich bin in dieser Stadt geboren, es tut mir sehr weh, wenn man dann nicht einmal begrüßt wird.“ Das passe aber zu der Stellung, die Sinti und Roma noch heute in der Gesellschaft hätten, klagte Strauß. Laut einer Emnid-Umfrage wollten 68 Prozent der deutschen Bevölkerung auch heute noch „nichts mit uns zu tun haben“. Gerade der im Kreishaus mehrfach zitierte Ex-Bundespräsident Roman Herzog habe aber auch gesagt, es gebe nur eine Opfergruppe, die mit den Juden gleichgestellt werden dürfe: Sinti und Roma.
„Es tut mir leid, wenn er das so empfunden hat“, entschuldigte sich Fischbach, doch habe er in seiner Begrüßung alle mit eingeschlossen.

von Michael Agricola

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