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Bordell-Bilanz spaltet die Experten

"Erotic Island" Bordell-Bilanz spaltet die Experten

Kriminalitätsschwerpunkt ja oder nein? Zehn Jahre nach Eröffnung des „Erotic Island“ fällt die Bilanz über die Auswirkungen des Bordellbetriebs unterschiedlich aus. Der Oberbürgermeister etabliert jedenfalls einen neuen Kurs.

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Party und Protest: Das „Erotic Island“ in Wehrda feiert heute seinen zehnten Geburtstag, doch in einigen Teilen der Stadt – wie hier an der Mosaikschule – haben Unbekannte die Werbeplakate des Betreibers in den vergangenen Tagen mit provozierenden Schriftzügen überklebt.

Quelle: Björn Wisker

Marburg. „Alle Befürchtungen, die wir gegen die Eröffnung des Bordells hatten, sind eingetroffen“, sagt Inge Hauschildt-Schön von der „Bürgerinitative gegen Bordell“ (BI). In Marburg habe die Organisierte Kriminalität Einzug gehalten, was im Zuge mehrerer Gerichtsverfahren - unter anderem wegen Menschenhandel, Messerstechereien und Körperverletzungen - deutlich geworden sei. Die Aktivisten der BI kämpfen seit dem Bauantrag 2005 gegen Prostitution in der Universitätsstadt im Allgemeinen und das Sex-Haus im Speziellen. Es sei in Marburg selbstverständlich geworden, Frauen als Ware anzubieten. „Bedauerlich“, sagt sie.

Die Polizei schätzt die Lage anders ein. „Sowohl das Bordell an sich, wie auch der örtliche Nahbereich bilden keinen Kriminalitätsschwerpunkt. Eine Steigerung der Milieukriminalität gibt es nicht. Wir verzeichnen keine signifikanten Schwierigkeiten“, sagt Jürgen Schlick, Polizeisprecher auf OP-Anfrage. Seit Bestehen des „Erotic Island“ würden regelmäßig Kontrollen, auch gemeinsam mit dem Ordnungsamt durchgeführt. Größeres Problem für die Sicherheitskräfte: „Für uns ist es eine Herausforderung, ein Vertrauensverhältnis zu den Prostituierten aufzubauen, welches oft durch sprachliche Barrieren und Angst vor Repressalien belastet ist.“

Hauschildt-Schön prangert mittlerweile vor allem das „aggressive Plakatieren“ - wie auch anlässlich der heute stattfinden Zehnjahres-Feier im Bordell - an.

Besonders an Stellen wo viel Auto- und Busverkehr herrsche, Tausende Kinder und Jugendliche vorbeikommen, habe das massiv zugenommen. Seit Jahren weise man das Ordnungsamt darauf hin, getan habe sich wenig - bis zum Amtsantritt von Dr. Thomas Spies (SPD).

Geplante Erweiterung des Bordells ist abgelehnt

Der OB hat zuletzt einen neuen Kurs bei der Betrachtung des „Erotic Island“ eingeschlagen. „Plakate für einen Puff haben auf der Straße nichts verloren, schon gar nicht an Schulwegen“, sagt das Stadtoberhaupt auf OP-Anfrage. „Wir werden alle rechtlichen Mittel der Gefahrenabwehrverordnung zu Hilfe nehmen, um die Plakatierung zu verhindern.“ Auch bei anderen Aspekten geht Spies repressiver vor: Die auf dem Dach des Bordells in der Siemensstraße installierte Palme, die höher ist als es das Baurecht zulässt, musste entfernt werden. Nach OP-Informationen haben die Bordellbetreiber zuletzt zudem mehrere Bauanträge zur Erweiterung des Gebäudes gestellt. Eine Erweiterung des Barbereichs und disco-artige Tanzflächen sind offenbar das Ziel. Die Bauanträge waren lange in der Schwebe, OB Spies erklärt diese nun für erledigt: „Das wurde abgelehnt.“

Darüber hinaus kümmere man sich weiterhin um die Sozialbetreuung der Sexarbeiterinnen. 2015 führte die Organisation „Frauenrecht ist Menschenrecht“ (FIM), die kurz nach der Bordell-Eröffnung von der Stadt mit dem regelmäßigen Besuch in der Einrichtung beauftragt wurde, 277 Gespräche. Aktuell sind es nach Angaben der Verwaltung 236 Informationstreffen mit Prostituierten in Marburg. Etwa 20 Frauen sind laut FIM jeweils auch außerhalb des Bordells etwa bei Behördengängen oder Arztbesuchen betreut und begleitet worden. Ehemals in der Universitätsstadt arbeitende Prostituierte schätzen die Wirksamkeit dieser Sozialpädagogen-Betreuung kritisch ein: „Wenn die kommen, schließen alle die Türen, schicken sie weg. Die klappern die Zimmer in ein paar Minuten ab und gehen weg, bekommen vom strengen Regime im Laden nichts mit“, sagte eine damals 20-jährige Bulgarin in einer OP-Reportage. FIM bestreitet das. Der Marburger Whistleblower, Markus Pohl, ein im Rotlichtmilieu tätiger 48-Jähriger, hatte 2013 mit seinen Einblicken in den Bordellalltag - samt Verstrickungen der „Hells Angels“ ins Geschäft - eine neue Debatte um das „Erotic Island“ ausgelöst.

von Björn Wisker

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