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Böller wecken mehr als nur Schrecken

Silvesterkracher Böller wecken mehr als nur Schrecken

Es gibt viele Gründe, mit der Tradition des Feuerwerks am Silvesterabend zu brechen - nicht nur finanzielle. Andererseits ist Böllern etwas „höchst demokratisches“, sagt Dekan Burkhard zur Nieden.

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Böller wie dieser bereiten vielen Menschen als Teil des traditionellen Silvesterfeuerwerks Freude. Bei traumatisierten Menschen, wie etwa Kriegsflüchtlingen, können Explosionen hingegen Todesangst auslösen.

Quelle: Tobias Kleinschmidt

Marburg. 129 Millionen Euro haben die Deutschen im vergangenen Jahr für Silvesterfeuerwerk ausgegeben und rund um den Jahreswechsel in die Luft gejagt. Dies meldet der Branchenverband der pyrotechnischen Industrie (VPI). Der Verband rechnet in diesem Jahr mit einem Umsatz in gleicher Höhe.

Kritiker führen Jahr für Jahr an erster Stelle diese hohen Summen ins Feld. Das Geld könnte man ihrer Meinung nach besser anlegen, im besten Fall viel Gutes damit tun.

Dekan wertet Feuerwerk als Zeichen der Freude

Der Marburger Dekan Burkhard zur Nieden relativiert das Argument der hohen Kosten. „Dann müsste man sich bei allem fragen, ob man mit dem Geld etwas sinnvolleres tun könnte. Bei diesem Thema ist der Mensch nur an das eigene Gewissen gebunden“, sagt zur Nieden. Neben dem ästhetischen Aspekt mache ihm auch die Geschichte des Feuerwerks „grundsympathisch“. Früher sei Feuerwerk den Herrschenden vorbehalten gewesen. „Jetzt darf es an Silvester jeder, das macht das Böllern höchst demokratisch.“

Außerdem wertet zur Nieden Silvesterfeuerwerk als Zeichen der Freude. „Ich freue mich mit allen, die sich an Silvester freuen und mit Zuversicht ins neue Jahr schauen.“ Die wohltätige Motivation der Kritiker lässt er nicht außen vor. „Ich freue mich über alle, die auch im neuen Jahr nicht vergessen, anderen etwas Gutes zu tun“, sagt zur Nieden.

Explosionen können an Kriegserlebnisse erinnern

Was bei den einen Freude ausdrückt und weckt, kann bei anderen Menschen ins krasse Gegenteil umschlagen, erklärt der Friebertshäuser Traumapsychologe Dr. Georg Pieper. „Einem traumatisierten Menschen kann ein Feuerwerk mit Explosionen deutlich mehr als einen Schrecken einjagen“, betont Pieper. Traumatisierte Menschen reagieren auf bestimmte Reize, sogenannte Triggerreize nämlich so, dass sie sich wieder in die Gefahrensituation versetzt fühlen. „Das führt zu extremer Anspannung bis hin zu ­Todesangst“, macht der Psychologe deutlich.

Das gelte für alle Menschen mit einem Trauma. So berichtet Pieper von seinen Erfahrungen mit den Schülern, die beim Amoklauf in einer Erfurter Schule im Jahr 2002 erleben mussten, wie ein ganz in schwarz gekleideter Jugendlicher die Klassenräume stürmte und Menschen erschoss. Nicht nur laute Geräusche können Erinnerungen wieder aufleben lassen. „Diese Jugendlichen sind auch lange nach dem Erlebnis vollkommen erstarrt, wenn sie in der Stadt einem schwarz gekleideten Jugendlichen begegnen“, berichtet Pieper. Er hatte die psychologische Betreuung der Schüler damals organisiert.

Sozialarbeiter bereiten in Camps auf Silvester vor

„Alle traumatisierten Menschen reagieren auf Reize, die sie an das Erlebte erinnern. Das sollte jeder wissen, der in diesem Jahr in der Nähe von Flüchtlingsunterkünften Feuerwerk loslassen will“, sagt Pieper.

Ein generelles Böllerverbot vor Flüchtlingsunterkünften wird es nicht geben, heißt es auf Anfrage vom Regierungspräsidium Gießen. „Aber es gibt ein Böllerverbot in den Einrichtungen, niemand darf Feuerwerkskörper mit hineinnehmen“, sagt Gabriele Fischer, die Pressesprecherin des RP. Bei Bedarf würden auch die Taschen kontrolliert. Zudem wurden die Sicherheitsdienste zu besonderer Wachsamkeit angehalten und gebrieft, bei Anzeichen auf fremdenfeindliche Straftaten direkt die Polizei zu rufen, sagt Fischer.

Als Vorbereitung auf die Silvesternacht hält Georg Pieper für sehr wichtig, die Menschen auf die starke Belastung vorzubereiten. „Man muss den Menschen vermitteln, dass sie hier sicher sind“, sagt Pieper. Dafür wurde laut RP in den hessischen Einrichtungen gesorgt. „Die Sozialarbeiter sprechen im Vorfeld mit den Flüchtlingen und sensibilisieren sie dafür, was an Silvester bei uns üblich ist“, erklärt Fischer.

Todesangst: Zittern, Schweißausbrüche und Herzrasen

„Es bleibt trotzdem noch eine starke Belastung. Die Stressphysiologie äußert sich mit Zittern, Schweißausbrüchen und Herzrasen“, erläutert Pieper. Bei den Betroffenen kommen Bilder vom Krieg hoch, von Toten, eventuell von Familienangehörigen und Freunden.

Es finde auch eine sogenannte kognitive Einengung statt - die Menschen können in ihrer Todesangst gar nicht wahrnehmen, dass sie eigentlich in Sicherheit sind, sagt der Traumaexperte.

Pieper ist trotz der möglichen Folgen dagegen, die Gewohnheiten anzupassen. Dies könnte ablehnende Haltungen schüren, befürchtet er. Er selbst habe seit Jahren kein Feuerwerk gekauft. „Die Frage stellt sich eigentlich jedes Jahr. Aber angesichts des Elends, mit dem wir in diesem Jahr konfrontiert werden, überlegt sich der eine oder andere vielleicht, seine Ausgaben um die Hälfte zu reduzieren und die andere Hälfte für die Flüchtlingshilfe zu spenden“, hofft Pieper.

von Philipp Lauer

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