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Boarder rollen Skate-Geschichte auf

Geschichte Boarder rollen Skate-Geschichte auf

Marburgs Skateboard-Szene lebt: Hobbysportler haben Dutzende Fotos aus der Zeit von 1980 bis 2000 gesammelt, die zeigen, wie sich die Stadt zu einer Oase des Trendsports entwickelte.

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Immanuel Griesel (l.) und Frank Balke zählen zum harten Kern der Marburger Skateboard-Szene, die zwischen 1980 und 2000 durch die Stadt rollte. Eine neue Ausstellung in der Gutenbergstraße erinnert an diese Zeit und beliebte Treffpunkte wie etwa das Hörsaalgebäude. Foto:s Björn Wisker / Privat

Marburg. Die Bretter, die ihm die Welt bedeuten, hängen an der Wand. Skateboards begleiten Immanuel Griesel (33) seit seiner Kindheit, in den Tagen, als Boarder noch Rebellen waren. „Es war der Versuch einer maximalen Abgrenzung von anderen Jugendlichen, die etwa Fußball spielten“, sagt Griesel. „Und im Fernsehen sah das immer geil aus. Ich wollte die Tricks auch können.“ Gefühle. die Frank Balke teilt: „Als Fünfjähriger fand ich es immer cool, wie die großen Jungs etwa am Rudolphsplatz abgingen“, sagt der 35-Jährige. Die Freiheit beim Fahren und Springen ist es, die Balke schätzt. Im Fußball gebe es starre Regeln, alles laufe geordnet ab. Beim Boarden sei das anders, „da kann jeder etwas Verrücktes wagen, wenn er Bock drauf hat“. Griesel und Balke zählen zu einem Kern der Marburger Skaterszene, der Dutzende Boarder zählt

Hobby fristet ein verstecktes Dasein

Wehmütig blicken viele zurück auf die Zeit, in denen Skateboarder erst Exoten waren um sich dann im Laufe der 1990er-Jahre zu einem selbstverständlichen Teil des Marburger Stadtbilds zu entwickeln. Junge Leute, die Geländer hinunterbrettern oder jeden Steinquader als Rampe benutzten. Die an Bushaltestellen eine Pirouette drehen oder samt Rollbrett über Bodenwellen stolpern. Heute sieht man diese Szenen selten. Skateboarder verirren sich kaum noch an jene Orte, die einst ihre Hochburgen waren. Dabei sei die Szene über die Jahrzehnte nicht mal geschrumpft, sagt Griesel. Aber seitdem etwa die Treppen am Hörsaalgebäude entfernt wurden, starben die beliebtesten Spots aus. Der Skaterpark am Georg-Gassmann-Stadion ist zwar unterdessen zum Boarder-Treff geworden. Dort üben sie ihre Tricks, rollen von einer zur anderen Seite oder schlagen hart am Boden auf. Aber das Boarder-Lebensgefühl ist ein anderes geworden. Das Hobby ist aus der Öffentlichkeit verschwunden, fristet ein verstecktes Dasein auf Rampen neben abgelegenen Sportplätzen, in Außenstadtteilen und Dörfern rings um Marburg wurden sie hochgezogen. Platz für Stunts - aber ohne Kulisse, ohne Zuschauer. Immanuel Griesel hat sich mittlerweile eine eigene Rampe gebaut. Wie schon vor Jahren, als er mit Freunden eine Halfpipe entlang des Weges zwischen Mensa und Philfak zimmerte. Auf jener wilden Rasenfläche, auf der später die Studentenappartements mit ihren bunten Balkons hochgezogen wurden.

Marburg war schon immer eine Stadt, in der eine eingeschworene Truppe Trends erkennt und am Leben hält. Wenige begründeten einst die Skateboard-Tradition, heute wird sie von Dutzenden am Leben gehalten. „Das war hier von Anfang an speziell, vor allem durch die vielen Studenten kamen viele, gingen viele - es war stets Bewegung drin“, sagt Griesel. Und wenn es in Marburg mal an Boarder-Freunden haperte, fuhren viele nach Kirchhain. „Vermutet man nicht, aber da gabs mal eine richtig große Szene“, sagt Griesel. Der Skaterboom wurde um den Jahrtausendwechsel durch Idole befeuert. Ein Videospiele-Entwickler widmete ab 1999 Tony Hawk, einem amerikanischen Szenestar, eine ganze Reihe Konsolen-spiele. 17 Titel gibt es mittlerweile, millionenfach verkauft, ein virtueller Kassenschlager - und sogleich Inspiration für viele, es auch im echten Leben auf dem Board zu versuchen.

"Die Szene lebt"

Doch die Fotoausstellung im Green Hill Shop in der Gutenbergstraße zeigt ab sofort bis Ende Juni mehr als 100 Amateurbilder aus den Pionierjahren des Sports, die Zeit zwischen 1980 und 2000. „Die Idee entstand, weil wir zeigen wollen, wie das mit dem Skateboarden und der Fotografie zu unserer Jugendzeit so war“, sagt Griesel. Die Schau ist der Versuch, Momente aus einer Epoche festzuhalten, in der Fotos noch nicht zu Hunderten von Digitalkamera-Chips direkt auf Facebook ins Internet strömten. „Heute schießt jedes Kind mit Smartphones andauernd irgendwelche Bilder. Da ist so viel Mist dabei. Wir zeigen, wie sich das Skaterleben in Marburg aus zwei Jahrzehnten“, sagt Griesel.

Um die Ausstellung zu stemmen, zapften sie ihr Skater-netzwerk an. Aus ganz Deutschland sendeten Ex-Marburger Bilder ein: Etwa von dem jungen Mann mit Baseball-kappe, der die Treppe vor dem Hörsaalgebäude entlanggleitet. Ein Motiv, das Frank Balke liebt. Der Fotograf gestaltet die Internetseite www.marburg-rollt.com - ein Online-Szenetreff. Profilbilder sind es aber nicht, die bei der Schau im Shop hängen. Es seien vor allem Schnappschüsse, „auf denen man sieht, wie öffentlich das Skaten in der Stadt mal war“, sagt er.

„Im Skatepark am Gassmannstadion ist immer Betrieb. Das beweist, dass die Szene lebt“, sagt Griesel. Sie habe sich aber verlagert, um nicht zu sagen: sie wurde verdrängt. „Im öffentlichen Raum kommen wir heute leider kaum noch vor“, sagt er.

Hintergrund:

  • Ende der 1950er-Jahre kamen Surfer in Kalifornien auf die Idee, an einem verkleinerten Surfbrett Rollen und Achsen von Rollschuhen anzubringen, um die Surfbewegungen auf der Straße nachahmen zu können.
  • Der Prototyp hieß Asphaltsurfer. 1978 entstand in München Deutschlands erster Skatepark. Anfang der 1980er schien die Bewegung auszusterben. Die Entwicklung der Halfpipe hauchte der Szene ab Mitte der 1980er neues Leben ein.

von Björn Wisker

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