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Blista plant umgekehrte Inklusion

Neues Konzept liegt vor Blista plant umgekehrte Inklusion

Die Verantwortlichen der Marburger Blindenstudienanstalt (Blista) planen ein Pilotprojekt: Die Einbindung von sehenden Schülern in den Unterricht am deutschlandweit einzigen Gymnasium für Blinde und Sehbehinderte.

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Der Unterricht in der Carl-Strehl-Schule richtet sich bisher an Blinde und Sehbehinderte: Lehrer Knut Büttner unterrichtet hier in der ­11. Klasse die Schüler (von links): Pascal, Leon, Enis und Klara.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Die Blista hat bisher ein Alleinstellungsmerkmal; Sie verfügt in der Carl-Strehl-Schule über ein Gymnasium, das blinde und sehbehinderte Schüler aus ganz Deutschland bis zur Klasse 13 besuchen können. Derzeit sind es insgesamt 251 Schüler.

Jetzt plant Blista-Direktor Claus Duncker zusammen mit seinem Team eine Veränderung für die Schule, die mit einer Art umgekehrter Inklusion den Unterricht bereichern soll. Die Idee ist, sehende Schüler aus Marburg oder der Region ebenfalls zum Unterricht zuzulassen – und zwar zunächst einmal in der Mittelstufe, also in den Klassen 7 bis 10.

„Wir wollen einerseits die Schule für Sehende öffnen und andererseits unseren Markenkern – die spezielle Förderung –  erhalten“, erläutert Duncker im Gespräch mit der OP. Deswegen sollte den Blista-Plänen zufolge nach der Konzept-Änderung höchstens ein Drittel der Schüler in den Klassen aus Sehenden bestehen. Diese Höchstquote
solle dafür sorgen, dass eine Klasse nicht aus zu wenig blinden Schülern bestehe.

Gemeinsames Lernen kann bereichernd sein

Doch ein gemeinsames Lernen von blinden und sehenden Schülern auch im Gymnasium könne sich als fruchtbar und bereichernd auswirken, meint der Blista-Direktor.

Denn die Schüler, die von ihren Eltern auf das Blindengymnasium nach Marburg geschickt werden, hatten zuvor in ihrer Regelschule und auch sonst im Alltag natürlich schon Kontakt zu der Welt der Sehenden. „Wir bemühen uns bereits, Angebote im Freizeitbereich zu machen, wie beispielsweise bei Kooperationen mit Sportvereinen oder einem Tanzkurs“, erklärt Claus Duncker. Ganz neu sind jetzt auch Wohngruppen, bei denen Blista-Schüler und sehende Studierende gemeinsam wohnen.

Punktuell nehmen Blista-Schüler in einzelnen Fächern auch schon am Unterricht in anderen Marburger Gymnasien teil. So gibt es einen Musik-Leistungskurs an der Martin-Luther-Schule, der zur Hälfte von Sehenden und Blinden besucht wird.

Möglicher Mehrwert auch für Sehende

Doch eine gemeinsame Beschulung für alle Unterrichtsfächer hätte noch einmal eine ganz andere Dimension.

Bereits seit zwei Jahren ist auf dem Gelände der Blindenstudienanstalt auch die Montessori-Schule untergebracht: eine private Schule mit einem speziellen pädagogischen Ansatz, zu dem das Konzept der Förderung unterschiedlicher Sinne gehört. In dieser Schule, die nach Dunckers Angaben derzeit 38 Schüler hat, gibt es nur zwei Klassen: eine Klasse für die Jahrgangsstufen eins bis drei sowie eine Klasse für die Jahrgangsstufen vier bis sechs. Bisher gab es aber noch keine pädagogische Zusammenarbeit zwischen der Montessori-Schule und der Carl-Strehl-Schule. Von Eltern der Montessori-Schüler sei jedoch die Anfrage gekommen, ob eventuell eine weitere Beschulung ab der Klasse 7 auch in der Carl-Strehl-Schule möglich sein könne. Dieses sei ein Anlass für die Blista-Leitung gewesen, über die Erweiterung des pädagogischen Angebots nachzudenken.

Einen Mehrwert könne eine gemeinsame Beschulung im Gymnasium auch für sehende Schüler haben, meint der Blista-Direktor. So könnten sie von dem spezifischen Lernkonzept profitieren, das alle Sinne miteinbezieht und auch in Sachen Sozialkompetenz Vorteile erwerben. Zudem gebe es sehr gute Lernbedingungen mit gut ausgestatteten Unterrichtsräumen sowie kleine Klassen mit bis zu 12 Schülern, wirbt Duncker für die Idee. „Unser Schwerpunkt ist der individuelle Zugang“, meint der Blista-Direktor. Letzteres könne besonders für Schüler interessant sein, die in den sonst üblichen größeren Klassen mit um die 30 Schülern zu wenig Förderung erhielten und die in größeren Lerngruppen Schwierigkeiten hätten, sich durchzusetzen.

Duncker hofft auf Start ab dem Herbst 2017

Nach zwei Jahren der Vorbereitung des neuen Konzepts wurde es jetzt schon einmal dem Staatlichen Schulamt Marburg vorgestellt. Möglichst bald will Duncker dann den formellen Antrag stellen, um die gemeinsame Beschulung zu ermöglichen. Wenn alles glattgehen würde, dann könnten schon im Herbst 2017 zum Start des nächsten Schuljahrs die ersten sehenden Schüler die Carl-Strehl-Schule besuchen, hofft Duncker.

Davor steht aber erst einmal die Prüfung durch die Genehmigungsbehörden. „Es liegt uns bislang kein Antrag vor. Aber uns ist ein internes Konzept­papier vorgelegt worden“, sagte Arno Bernhardt, Leiter des Staatlichen Schulamts Marburg auf OP-Anfrage. Für den Fall einer Antragstellung wäre das dann ein Antrag auf die „Erweiterung des Angebots einer anerkannten Ersatzschule“, erläutert Bernhardt. Zuständig für eine ausführliche Stellungnahme wäre dann das Staatliche Schulamt Marburg. Die zuständige Genehmigungsbehörde ist das Staatliche Schulamt Friedberg. Geprüft werden muss von den Behörden unter anderem, wie die Leistungsanforderungen in den Fächern gestaltet sind und ob beispielsweise Modifizierungen bei den Abitur-Aufgaben in dem Konzept enthalten sind. Dann müsste auch das hessische Kultusministerium über den Antrag mitentscheiden.

von Manfred Hitzeroth

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