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Blista bildet nun auch IT-Fachkräfte aus

Expertenforum „Zukunft der Arbeit“ Blista bildet nun auch IT-Fachkräfte aus

In Marburg leben 1400 blinde Menschen. Sie bereichern die Stadt. Sie treten selbstbewusst auf. Das ist ein Verdienst der Deutschen Blindenstudienanstalt (Blista), die dieses Jahr ihr 100-jähriges Bestehen feiert.

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Die Blindenstudienstalt (Blista) richtet zu ihrem 100-jährigen Bestehen ein Expertenforum aus.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Man muss das so ganz krass sagen: Vor 100 Jahren standen blinde und stark sehbehinderte Menschen am Rande der Gesellschaft. „Bis zum Ersten Weltkrieg waren Blinde arme Schweine“, sagt der streitbare Heinz Will Bach. Er ist 2. Vorsitzender des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS). Blinde wurden kaserniert und von der Umgebung abgeschottet. Eine Teilnahme am gesellschaftlichen Leben war nicht möglich.

Als im Weltkrieg viele Menschen, darunter auch viele Akademiker, ihr Augenlicht verloren, ließen diese sich die Marginalisierung nicht mehr gefallen. Sie gründeten im Frühjahr 1916 die Vorläuferorganisation des DVBS und im Herbst 1916 die Blista.

Blista umfasst vier Bereiche

Seither hat sich viel getan. 
Blinde sind inmitten der 
 Gesellschaft angekommen. Ein Meilenstein war sicherlich der 
Import des Blinden-Langstocks (in den 1970er-Jahren aus den USA nach Marburg), mit dem sich Sehbehinderte nicht mehr stochernd, sondern souverän und sicher ihre Umgebung und Laufrichtung ertasten können.

Die Blista umfasst vier Bereiche. Im Gymnasium können Blinde und Sehbehinderte bis zum Abitur gelangen. Einmalig für Deutschland. Die rund 270 Schülerinnen und Schüler wohnen teils im Internet auf dem Blista-Campus, teils in Wohngruppen in der Stadt. Weitere Bereiche sind berufliche Ausbildungsgänge, Reha-Einrichtungen für Jung und Alt sowie die Bibliothek und Hörbücherei.

Mit einem Expertenforum „Zukunft der Arbeit“ versuchte die Blista eine Positionsbestimmung. Hauptschwerpunkt ihrer Arbeit und auch Überzeugungsarbeit ist die Integration der Blinden in der Arbeitswelt. Da arbeiten die rund 400 Mitarbeiter an gleich zwei Fronten: Sie müssen die körperlich eingeschränkten Sehbehinderten fürs Berufsleben motivieren und auch Berührungshemmungen bei potenziellen 
Arbeitgebern auflösen.

„Barrieren entstehen im Kopf. Inklusion entsteht in der 
Begegnung“, sagt Christian Mittermüller vom Hessischen 
Ministerium für Soziales und Integration. Sein Ministerium fördert die Inklusionsprojekte mit 600.000 Euro. Mittermüller kann nur dafür werben, dass behinderte Menschen am Arbeitsplatz nicht nur Hilfsempfänger sind, sondern durch ihre soziale Kompetenzen, ihr spezifisches Know-how auch etwas geben können. „Aus Vielfalt entsteht Kreativität. Und das ist der 
Motor für Neues.“

Härtetest fängt
erst nach der Schule an

Diese Erfahrung machte beispielsweise auch Reinhard Wagner vom Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport. Erst ein Sehbehinderter als Praktikant in der IT-Abteilung öffnete den dortigen Mitarbeitern die Augen für die spezifischen Bedürfnisse von behinderten Menschen. Wagner ist auch Vorstand im Unternehmensforum Rhein-Main. Seit dem Jahr 2014 gibt es dort das Projekt Inklusion, wobei schon 40 Ausbildungsplätze an behinderte Menschen vergeben wurden.

„Bislang wird Inklusion immer nur für die Schule diskutiert“, stellt Blista-Direktor Claus Duncker (Foto: Martin Schäfer) fest. Doch für sehbehinderte Menschen fängt danach der Härtetest erst an. „Nach der Schule haben die Leute noch 50 Berufsjahre vor sich“, sagt Duncker. Von rund 36.000 blinden Menschen im erwerbsfähigen Alter haben nur 30 Prozent eine feste Stelle im ersten Arbeitsmarkt. „Wir stehen vor großen Herausforderungen“, sagt Duncker.

Die Blista versucht daher, beispielsweise mit dem Projekt 
„Inklusion und Innovation“ die Blinden und Sehbehinderten auf den ersten Arbeitsmarkt vorzubereiten. „Wir beraten die Menschen und planen Integration und Jobsuche“, sagt Projektleiterin Ute Mölter. Das Auftreten bei einer Bewerbung wird genauso geübt wie die sozialen Kompetenzen. „Die Teilnehmer sollen Experten in eigener Sache werden, nämlich ihrer Sehbehinderung“, sagt Mölter.

Digitalisierung ist „Segen und Fluch zugleich“

Entsprechend selbstbewusst treten die blinden und sehbehinderten Menschen auf. Mit der Wirtschaftsförderung Kompass aus Frankfurt entwickelt die Blista Konzepte, wie Blinde eigene Unternehmen gründen können. Andere Projekte widmen sich dem Übergang von der Schule in den Beruf, etwa durch eine duale Ausbildung. „Das 
garantiert die maximale Übernahmechance“, erläutert Susanne Patze vom Frankfurter Projektpartner Fokus-Arbeit.

Große Herausforderung auch für Blinde ist die Digitalisierung. Sie ist Segen und Fluch zugleich, sagte Blista-Direktor Duncker. Einerseits erleichtere sie die 
Informationsbeschaffung über das Internet. Andererseits sind viele Programme, Web-Seiten und Softwaretools nicht barrierefrei. Doch gerade der Bedarf an IT-Fertigkeiten steigt. Denn auf dem Arbeitsmarkt wird die Digitalisierung zu mehr Jobs führen, sagt Hans-Peter Klös (Foto: Martin Schäfer), Geschäftsführer vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln auf der Tagung.

Der in Marburg promovierte 
Volkswirt meint, dass viele 
Innovationen in der Digitalwirtschaft, etwa rund ums Smart Home, die Autonomie von behinderten Menschen in ihrer Umgebung erhöhen können. Gleichzeitig brauchen sie aber auch die digitalen Skills für die moderne Arbeitswelt.

Das hat auch die Blista erkannt. Sie bildet nun auch IT-Fachkräfte aus. Die ersten 30 Auszubildenden starten dieses Jahr. Sie lernen neben der kaufmännischen Seite auch das Programmieren. Über sogenannte 
Screen-Reader und Blindenschrift-Zeilen ist das kein Problem. Da Arbeitgeber immer häufiger auch Erfahrungen mit der Software SAP fordern, wird auch das jetzt ins Curriculum integriert.

von Martin Schäfer

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