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Blinde liebt den Kick des Lebens

Porträt Blinde liebt den Kick des Lebens

Auf zum nächsten Adrenalin-Schub: Rita Schrolls Leben ist geprägt von der Lust am Abenteuer. Die 50-Jährige tobt sich aus bei Rafting, Skifahren - und bei Flugübungen im Windkanal.

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„Wann immer ich die Zeit habe, bin ich eng mit meiner Hängematte befreundet“, sagt Rita Schroll. Da die 50-Jährige aber ein eher umtriebiges Leben führt, sich seit Jahren – sowohl beruflich als auch im Ehrenamt – um behinderte Frauen und Gewaltopfer kümmert, erhält sie heute das Bundesverdienstkreuz. Foto: Björn Wisker

Marburg. Dabei ist die gebürtige Bochumerin beruflich und ehrenamtlich voll eingespannt. Nach ihrer Schulzeit an der Blindenstudienanstalt (1976 bis 1984) und dem Studium in Frankfurt, startete sie ihre Karriere als Kümmerin: Frauenbeauftragte in der hessischen Metropole, später Projektleiterin in Wetter, Sozialdienst des Uni-Klinikums, Chefin des hessischen Koordinationsbüros für behinderte Frauen in Kassel - gerade der Blick auf die Benachteiligten liegt Schroll am Herzen.

„Mein Anliegen ist es, Frauen zu fördern, zu stärken und sie erkennen zu lassen, was sie alles können.“ Das Beispiel dafür lebt die 50-Jährige. Wann immer es die Zeit zulässt, saugt sie Abenteuer auf: Body-Flying, Jet-Boot, Skifliegen am Seil, Hundeschlittenrennen - „ich bin neugierig auf das Leben. Und Ich will alles mitmachen, was Blinde erleben können“, sagt sie. Da gebe es - trotz Assistenzen - zwar Grenzen. Aber bis an diese möchte sie gehen. Segeln und Surfen? Kein Problem. „Die Vehemenz von Wind und Wetter zu spüren, ist faszinierend.“ Nur vor Bungee-Jumping und Fallschirmspringen schrecke sie zurück. „Das ist mir dann doch zu rasant.“ Schon als Kind spürte sie das Bedürfnis, all das zu machen, was ihre - sehenden - Geschwister und Cousins treiben. Sie wollte nicht aufstecken, setzte sich etwa auf ein Fahrrad und übte so lange, bis sie zielsicher fahren konnte - nach Gehör, auf einem vom Papa umgebauten Rad. „Kinder-Honda“ habe das Vehikel geheißen.

Heute erhält Schroll im Rathaus das Bundesverdienstkreuz. Natürlich nicht für ihr umtriebiges Privatleben, sondern für ihren - beruflichen wie ehrenamtlichen - Kampf für Blinde und Behinderte. Sie plädiert etwa dafür, dass der Umgang von Gesunden mit Beeinträchtigten unbefangener wird. „Ein normaler Umgang, zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen ist mir ein großes Anliegen.“ Es gehe um eine innere Haltung. Beide Gruppen müssten etwa lernen, Nein zu sagen, Grenzen zu ziehen. Auch Gesunde - denn die sollten nicht verschämt jede Forderung Behinderter akzeptieren.

Ein Auszug aus Schrolls Ehrenamts-Engagement: Blindenbund, Behindertenbeirat, Kulturloge, Hospiz, DVBS, Kundenbeirat Deutsche Bahn, Notruf Marburg. „Für mich ist es stets wichtig gewesen, mich in verschiedenen Bereichen ehrenamtlich einzubringen. Dieses Engagement hat für mich schon zu sehr vielen interessanten und bereichernden Begegnungen geführt“, sagt sie. Und ja, auch ihr Tag habe nur 24 Stunden. „Oft geht bei all dem auch ein bisschen Nacht drauf.“

Und wenn doch Zeit ist, geht es für Schroll wieder zum Sport. Für zwei Aktivitäten sucht sie derzeit noch eine Partnerin: Jogging und Tandemfahren. „Wenn jemand Lust hätte, da mitzumachen, würde ich mich freuen.“

von Björn Wisker

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