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Blinde Superheldin steht im Blickpunkt

Lesung Blinde Superheldin steht im Blickpunkt

Eine erblindete Top-Ermittlerin steht im Mittelpunkt des Thrillers "Endgültig", den der Autor zum Abschluss des BlistaJubiläumsjahres am Dienstag beim Krimifestival in der Buchhandlung Lehmanns präsentiert.

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Marburg. Bereits beim Braille-Festival Anfang Juli im Georg-Gaßmann-Stadion anlässlich des Jubiläums „100 Jahre Blista“ las Andreas Pflüger aus seinem Krimi „Endgültig“. Und bei den blinden und sehbehinderten Zuhörern kam Pflügers Lesung so gut an, dass es jetzt zu einer Neuauflage kommt. Das erläuterte Dr. Imke Troltenier, stellvertretende Direktorin der Blista.

Jenny Aaron war Mitglied einer international operierenden Elitetruppe der Polizei. Seit einem misslungenen Einsatz in Barcelona ist Aaron blind, und die damaligen Ereignisse haben sie traumatisiert. Fünf Jahre später erhält Aaron einen Anruf: Die früheren Berliner Kollegen bitten sie um ihre Mithilfe. Ein zu lebenslänglich verurteilter Frauenmörder, gegen den Aaron als junge Polizistin ermittelt hatte, hat im Gefängnis eine Psychologin getötet. Sie entschließt sich, den Fall anzunehmen und sich ihrer Vergangenheit zu stellen.

Autor Andreas Pflüger hat sich bisher nicht nur als Verfasser von Hörspielen und Romanen präsentiert, sondern auch als Autor von zahlreichen Drehbüchern für die TV-Krimis in der Serie „Tatort“. Und so sticht das spannungstechnisch äußerst geschulte Erzähltalent des Autors an vielen Stellen hervor. Obgleich die Geschichte vielleicht ein paar sehr viele unerwartete Wendungen und vielleicht nicht sehr glaubwürdige Überraschungen bereithält, so lebt die Geschichte doch besonders von der facettenreichen Darstellung der Denkmuster und des Verhaltens der blinden Heldin des Buchs. Darauf verwandte Pflüger besondere Anstrengungen.

Um spezielle Verhaltensweisen einer Blinden besonders lebensecht darzustellen, traf Pflüger für die Recherchen zu seinem Buch unter anderem einige Blinde und Sehbehinderte. Zudem machte er sich bei einem Hirnforscher sachkundig.

Das Besondere an der Ermittlerin Jenny Aaron, der Tochter eines ehemaligen Spezialagenten, ist ihr außergewöhnliches Einfühlungsvermögen, das ihr beispielsweise besonders bei Verhören hilft. Begeistert reagierte der Hirnforscher Professor Bernhard Sabel (Universität Magdeburg) vom Savir-Center für Sehbehinderung auf das nun als Krimi veröffentlichte Ergebnis. Aus seiner Sicht ist der Thriller „auch ein Lehrbuch für den Umgang mit Sehverlust“.

Romanheldin als Talentund Daueroptimistin

Jenny Aaron habe zwar besonders viele außergewöhnliche Gaben auf einmal und sei eine Art „Superwoman der Blinden“, meint der Experte für Sehbehinderungen. Sie könne besonders gut hören und fühlen und sich zudem noch überdurchschnittlich gut räumlich orientieren.

Jedoch sei es schon möglich, solche besonderen Leistungen zu erreichen, wenn man Talent und Training paare. Eines ist laut Professor Sabel jedenfalls gewiss: „Aaron zeigt, wie man als Blinde in der Lage sein kann, mit Mut mehr aus sich herauszuholen. Alles, was sie kann, ist realistisch, wenn auch meist nicht in einer Person vereint.“ Die Heldin des Romans sei aber nicht nur ein außergewöhnliches Talent, sondern werde zudem auch noch als Daueroptimistin geschildert.

„Der Leser darf aber nicht auf den Gedanken kommen, dass alle Sehbehinderten so sind wie Aaron“, meint der Hirnforscher. Im Gegenteil: Der Verlust der Sehleistung werde von vielen Menschen nur schwer verarbeitet, vor allem wenn er plötzlich komme wie bei der jungen Ermittlerin. Meistens werde die Erblindung von den Betroffenen aber eher als Feind betrachtet. „Sehende Menschen sind insbesondere von der Innensicht, der Hypersensitivität und den Orientierungsmöglichkeiten meiner Heldin fasziniert“, meint Pflüger. Das bestärke ihn in der Hoffnung, dass der Roman den Blick auf blinde Menschen schärfen und zeigen könne, welch ungeahntes Potenzial es in ihnen zu entdecken gebe.

Vielen Marburgern, die seit Jahren aufmerksam Berichte über die Blindenstudienanstalt verfolgen, werden einige besondere Fähigkeiten der Ermittlerin bekannt sein. Das gilt beispielsweise für das Klicksonar: die Fähigkeit, mit Hilfe eines speziellen Zungenschnalzens sich in seiner Umgebung so zu orientieren, dass man Gegenstände orten und deren Umrisse entdecken kann, ohne sie zu sehen oder zu berühren. Blista-Schüler Dave Janischak gab im Mai 2012 in der TV-Show „Deutschlands Superhirn“ mit Jörg Pilawa faszinierende Einblicke in die Möglichkeiten dieser Technik (die OP berichtete).

Andreas Pflüger liest am Dienstag, 27. September, ab 20 Uhr in der Buchhandlung Elwert/Lehmanns in der Reitgasse aus seinem Buch „Endgültig“. Es ist im Suhrkamp Verlag erschienen. Es hat 459 Seiten und kostet 19,95 Euro. Zusätzlich ist es auch als Hörbuch und in Blindenschrift-Version erschienen.

von Manfred Hitzeroth

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