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Blinde Marburgerin berichtet über die WM

Fußball Blinde Marburgerin berichtet über die WM

Funktionieren die Audiokommentare in den Stadien? Wie kommen Rollstuhlfahrer an ihre Plätze? Wie erleben Brasilianer mit Behinderungen die WM? Solche Fragen will die Marburgerin klären.

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Marburg. „Mit 50 000 Menschen im Stadion mitfiebern, mitfeiern und mitjubeln – das ist der Hammer“, findet Mirien Carvalho Rodrigues. Als die blinde Marburgerin zum ersten Mal in Brasilien im Fußballstadion war, hatte sie ein Radio dabei. Die Menschen um sie herum konnten zwar sehen, was weit weg vor dem Tor passiert war, wussten sie trotzdem nicht. Aber Carvalho wusste es. Sie konnte es ihnen sagen.

Vielleicht sind Geschichten wie diese der Stoff, aus dem der Magnet in Carvalho gemacht ist – „ein Magnet, der mich immer wieder nach Brasilien zieht“.

Berichterstattungslücke schließen

Vor einer Weile berichteten brasilianische Medien über mangelhafte Barrierefreiheit in den neuen WM-Stadien. Rio de Janeiros Tourismusbeauftragter, erzählt Carvalho, habe kein Problem gesehen. Behinderte seien nicht die Zielgruppe der Weltmeisterschaft. Da kann sie nur den Kopf schütteln.

Wie es wirklich ist, mit einer Behinderung nach Brasilien zu reisen, um die Weltmeisterschaft zu erleben, will die Marburgerin herausfinden und darüber berichten. „Wie so oft wird im Zusammenhang mit der Weltmeisterschaft über Menschen mit Behinderungen nicht berichtet. Und wenn doch, dann nachts um drei Uhr“, sagt Carvalho. Die Lücke will sie schließen und sie ist für diese Aufgabe geradezu prädestiniert. Carvalho ist Diplom-Dolmetscherin für Portugiesisch und Englisch. Sie liebt Brasilien, ist nicht nur mit einem Brasilianer verheiratet, sondern hat dort auch Freunde, Bekannte und Kontakte. Darüberhinaus ist Carvalho Touristikberaterin für Barrierefreiheit und schult Marburger Gästeführer im Umgang mit Behinderten.

An das totale Chaos hat sie sich gewöhnt

In den vergangenen Tagen hat Carvalho Pläne gemacht, obwohl sie weiß, dass am Ende doch alles anders kommt. „Ich habe keine Vorstellung, wie ich es schaffen werde, in einer Riesenstadt wie Sao Paulo pünktlich um elf Uhr irgendwo zu sein“, sagt sie und lacht. „Im Gegensatz zu Marburg, herrscht in Brasilien das totale Chaos auf der Straße“, sagt Carvalho.

Aber sie habe sich darauf eingestellt. Auf die öffentlichen Telefonmuscheln zum Beispiel. Ihren schmalen Fuß kann Carvalho auf dem Boden mit dem Stock kaum spüren, aber oben ragt das Plastikgehäuse genau in Kopfhöhe auf den Gehweg. Sie hat sich auch daran gewöhnt, dass Bürgersteige ab und an im Nichts enden, oder von Stufen unterbrochen werden.

Alles Hindernisse, vor denen sie in Marburg ihr Führhund warnen würde. Aber dem will sie den brasilianischen Straßenlärm nicht zumuten. „Es ist unglaublich laut dort auf den Straßen – das macht es noch schwerer für Blinde, sich zu orientieren“, sagt Carvalho.

Aber es gibt etwas, das mehr Wert ist als jedes Hilfsmittel: „Ich komme sehr gut mit den Menschen zusammen. Da sagt keiner ‚ich kann grad nicht‘ – in Brasilien finde ich immer einen, der mich mal kurz von A nach B bringt. Und für ein kleines Gespräch bleibt auch immer noch Zeit.“ Auch wenn Brasilien nicht gerade für seine Barrierefreiheit bekannt ist, gibt es dort laut Carvalho einige Leuchtturmprojekte. Das Fußballmuseum ist ihrer Meinung nach ein Paradebeispiel für ein barrierefreies Museum. Und die brasilianische Blindenfußballliga sei schon lange vor ihrem deutschen Pendant gegründet worden.

Diese Orte will sie im Land der Extreme besuchen, aber auch die Behinderten, die ihr Leben lang nicht vor die Tür kommen, die wegen ihrer Behinderung keine Schulbildung bekommen.

Portugiesisch abschalten und gucken, was passiert

Carvalho hat sich schon verschiedene Tests ausgedacht. „Ich will einmal ausprobieren, was passiert, wenn ich Portugiesisch abschalte. Ob ich dann auch mit Englisch weiterkomme“, sagt sie.

Sie will aber nicht nur prüfen, wie sie selbst als Blinde in Brasilien zurecht kommt, sondern auch, ob die Stadien für Rollstuhlfahrer zugänglich sind.

Über diese Erfahrungen schreibt die 45-Jährige ehrenamtlich für das Internet-Portal kobinet-nachrichten.org, ein Nachrichtenportal für Menschen mit Behinderung. Den Flug nach Brasilien musste sie selber finanzieren und hofft deshalb noch auf Unterstützer für ihre Berichterstattung.

Carvalho fürchtet sich nicht vor den Hindernissen und ausreden lässt sie sich schon gar nichts. Sie freut sich auf Brasilien und die WM.
Kontakt: info@mirien-carvalho.net

von Thomas Strothjohann

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