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Blinde Eltern, sehende Kinder

"Ich sehe was, was du nicht siehst" Blinde Eltern, sehende Kinder

Das Familienfoto, für das sie sich an diesem Tag im Garten aufstellen, werden Metim und Wencke Gemril nie zu sehen bekommen. Das Ehepaar ist blind. Für ihre drei Kinder legen sie trotzdem Fotobücher an.

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Marburg. Seit ihr Vater die gut versteckte Käsestange im Badezimmer gefunden hat, weiß Thora: Papa ist zwar blind – beobachten kann er sie trotzdem. Er weiß einfach alles. Wo sie ist, was sie tut, ob sie Grimassen schneidet oder grinst. Und die Mama? Die ist ebenfalls blind. Und ebenfalls allwissend. Zumindest in Thoras Augen.

Die Dreijährige ist sehend – genau wie ihre beiden Brüder Myxin (8 Jahre) und Gavan (zehn Monate). Ihre Eltern Metim und Wencke Gemril hingegen sehen nichts. Kein Hell und Dunkel, keine Schatten, keine Umrisse. Sie sehen nicht, dass eines der Kinder die Tapete mit einem blauen Buntstift verziert hat, sehen nicht, wer beim Mensch-Ärger-Dich-Nicht schummelt.

Minderjährig, blind und schwanger

Ihre Blindheit war für Metim (42) und Wencke (26) Gemril nie ein großes Thema – stets Alltag. Als Wencke zum ersten Mal schwanger wurde, schaltete sich trotzdem das Jugendamt ein. Nicht, weil Zweifel bestanden, dass blinde Eltern ein Kind großziehen ­können, sondern weil Wencke noch minderjährig war.

Jung Mutter zu werden – an sich schon eine Herausforderung. Aber Stillen, Wickeln, Füttern ohne Augenlicht? Für Außenstehende oftmals eine unmögliche Vorstellung. „Wir haben uns darüber nie einen Kopf gemacht. Andere Eltern schaffen das ja auch“, sagt Wencke, während sie den Brei für Gavan anrührt.

Vater Metim greift nach dem krabbelnden Kleinkind. „Einer von uns weiß immer, wo er ist.“ Anfangs hatten sie den Kindern Glöckchen umgebunden. Das Bim-Bim im Dauertakt habe aber irgendwann genervt. Mit einer routinierten Bewegung wickelt er den kleinen Gavan eng in ein Handtuch ein. „Man muss die Arme unter Kontrolle halten. Jeder von uns hat seine eigene Taktik beim Füttern. So kann er aber nicht im Essen rumpantschen“, erklärt Wencke. Brei und eine Schüssel Wasser werden auf den Tisch gestellt.

Dann wandert ein Löffel nach dem anderen in den weit aufgesperrten Kindermund. Ein bisschen Brei geht daneben, ein bisschen Geschrei bleibt nicht aus. Füttern eben. In der Wasserschale macht sich Wencke immer wieder die Hände sauber. Brei muss man nicht sehen, um zu wissen, dass er unappetitlich aussieht.

Schreibtisch in rosa - „Papa, bist du blind?“

Oben rein – unten, nun ja, bleiben wir bei der Wahrheit – raus. Wie funktioniert das? Blind ein Kind wickeln? „Manchmal muss man eben ins volle Leben greifen“, scherzt Metim Gemril. Er hat sich abgewöhnt, auf gut Glück die Windel zu wechseln. Und wer gewickelt werden muss, der wird eben schnell abgebraust. Auf Nummer sicher. Kleine Tricks, die ihr Leben als Eltern erleichtern.

Es klingelt an der Tür. Myxin schlurft an den Eltern vorbei. Öffnet. Seine Schulfreunde  wollen zum Spielen hereinkommen. Brav murmeln sie „Hallo“. Schnell haben auch die Nachbarkinder gelernt: Hier muss gesprochen werden. Winken, nicken, mit dem Kopf schütteln – im Hause Gemril sind diese Gesten wirkungslos.

Myxin schleust seine Freunde am Esstisch vorbei. „Da sind welche von der Zeitung“, sagt er gelangweilt. So recht verstehen kann er die Aufmerksamkeit um seine Familie nicht. „Wir sind doch normal.“ Ja, das sind sie. Eine ganz normale Familie – mit nicht ganz normalen Alltagsherausforderungen.

Mut, Nerven und die Bereitschaft nach Hilfe zu fragen

„Die Grenzen merken wir immer wieder. Wenn wir auf große Spielplätze gehen, haben wir einfach den Überblick nicht mehr“, erzählt Metim Gemril. Auch kleinere Tagesausflüge mit zwei blinden Erwachsenen und drei Kindern erfordern Mut, Nerven und die Bereitschaft, nach Hilfe zu fragen. „Aber wir fragen nicht unsere Kinder. Sie sollen nicht unsere Augen ersetzen. Wenn sie es uns anbieten, dann nehmen wir das an. Aber wir wollen das niemals ausnutzen. Das sind Kinder – und die sollen eine solche Verantwortung nicht tragen“, stellt der 42-Jährige klar.

Myxim und Thora kennen die Regeln. An der Hand gehen, wenn sie mit den Eltern das Haus verlassen. Antworten, wenn sie etwas gefragt werden. Nur ein einziges Mal, da hätte sich Myxin einen sehenden Vater gewünscht. An dem Tag, als er einen schweinchenrosanen Schreibtisch geschenkt bekam.

Metim Gavan erinnert sich: „Den hatte ich im Internet ersteigert. Ich bin nicht auf die Idee gekommen zu fragen, welche Farbe der haben könnte.“ Der Schreibtisch wurde umgetauscht, Myxins Welt war wieder in Ordnung. Seiner Einschulung sahen seine Eltern – wie soll es anders sein – gelassen entgegen. „Anfangs haben wir uns den  Kopf zerbrochen, wie wir ihm bei den Schulaufgaben helfen können“, erinnert sich Wencke. „Aber das hat sich alles erledigt. Myxin liest die Aufgabenstellung vor, wenn er Hilfe braucht.“ Thoras Weinen unterbricht die Erzählung der Eltern. Mama Wencke fühlt schnell nach.  Echte, große Tränen. „Mama, der Myxin hat...“ Sie seufzt.

Manchmal ist es gut, nicht alles zu sehen.

von Marie Lisa Schulz

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