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Blinde Ärztin berät Sehbehinderte

Mitmensch Blinde Ärztin berät Sehbehinderte

Entspannt sitzt Cordula Freifrau von Brandis-Stiehl in ihrem Lieblingssessel in ihrer Marbacher Wohnung. Sie hat sich heute mal ein paar Stunden frei genommen, in der Regel hat sie 14-Stunden Tage, ausgefüllt mit Arbeit in ihrer Praxis und zahlreichen ehrenamtlichen Tätigkeiten.

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Cordula Freifrau von Brandis-Stiehl zeigt stolz das Bundesverdienstkreuz.

Quelle: Ina Tannert

Marburg. Die Ärztin und Psychotherapeutin engagiert sich seit 20 Jahren in der Selbsthilfevereinigung Pro Retina Deutschland, die Menschen mit Netzhautdegenerationen Beratung und Unterstützung bietet. Sie ist selber betroffen, die heute 61-Jährige erblindete bereits während ihres Medizinstudiums.

Diagnose im Jugendalter

Cordula von Brandis-Stiehl wurde am 15. November 1951 in Hamburg geboren. Der Vater war an der Augenkrankheit Retinitis Pigmentosa erkrankt – eine durch Vererbung oder Mutation hervorgerufene degenerative Erkrankung der Netzhaut, die in der Regel zur völligen Erblindung führt. Bei drei der insgesamt fünf Kinder der Familie wurde im Laufe ihres Lebens ebenfalls die vererbbare Netzhautdegeneration festgestellt, auch bei der Tochter Cordula. Die Diagnose erhielt sie jedoch erst mit 17 Jahren. Vorher diagnostizierten verschiedene Ärzte fälschlicherweise nur Kurzsichtigkeit. In ihrer Kindheit breitete sich die Sehschwäche langsam aus, erste Sehlücken im seitlichen und unteren Sichtfeld traten auf. Doch das störte das aufgeweckte Mädchen nicht.

Sie verbrachte eine normale Kindheit, kletterte mit Vorliebe auf Bäume, erzählt sie lachend. Nur mit dem Herunterklettern hatte sie aufgrund der Sehschwäche Probleme. In der Familie fiel das nicht weiter auf, „die einen sahen eben mehr, die anderen weniger“. Man sprach nicht über die Krankheit, diese wurde geradezu totgeschwiegen und das Bild einer „gesunden, nicht erbkranken Familie“ bevorzugt. Erst im Jugendalter, nachdem sie in der Schule zunehmend Probleme bekommen hatte, ging die 17-Jährige selbst in eine Augenklinik. Dort entdeckten die Ärzte schließlich die Vererbungsform der „autosomal dominanten Retinitis Pigmentosa“.

Damals erklärte ihr ein Professor schroff, dass sie in fünf Jahren vollständig erblinden werde, erinnert sich Cordula von Brandis-Stiehl. „Das war natürlich ein Schock und eine absolut rücksichtslose Art, mir das auf diese Weise mitzuteilen.“

Aus dieser Erfahrung zog die junge Frau Konsequenzen. Sie hatte immer den Wunsch gehabt, Medizin zu studieren. Dieses Vorhaben gab sie jedoch zunächst auf. Und das nicht, weil sie blind werden würde: „Ich wollte niemals so gefühllos werden wie dieser Arzt.“ Stattdessen studierte die Naturliebhaberin erfolgreich Biologie, Chemie und Mathematik auf Lehramt. Doch das Interesse an der Medizin ließ sie niemals los. Schon während der Referendarzeit suchte sie daher nach einem Studienplatz, den sie schließlich in Spanien fand. Kurzerhand zog sie in den Süden. Während des Medizinstudiums verschlechterte sich ihr Sehvermögen zunehmend, sie erblindete schließlich vollständig. Das hinderte sie jedoch nicht daran, ihr Studium erfolgreich zu beenden und zurück nach Deutschland zu ziehen. Im Jahr 1991 führte sie ihr Weg nach Marburg, wo sie einige Jahre als Assistenzärztin an einer psychiatrischen Klinik arbeitete. In Marburg lernte sie auch ihren späteren Ehemann kennen.

Um sich selbstständig machen zu dürfen, absolvierte sie eine Ausbildung zur Heilpraktikerin. Es war ein „jahrelanger Kampf“ mit Behörden und Vorurteilen, bis die ärztliche Psychotherapeutin endlich 1999 eine eigene Praxis eröffnete, in der sie bis heute tätig ist.

Schon im Jahr 1993 trat sie Pro Retina Deutschland bei. Seitdem arbeitet sie ehrenamtlich als Beraterin für Sehbehinderte, veranstaltet regelmäßig vereinsübergreifende Gesprächskreise, Wochenend- und Selbsterfahrungsseminare, hält Fachvorträge. Cordula von Brandis-Stiehl initiierte eine Vielzahl an Arbeitskreisen und leitet mittlerweile die Regionalgruppe Mittelhessen von Pro Retina.

Durch die Vereinigung und ihre Praxis betreut sie zahlreiche Betroffene mit fortschreitender Netzhautdegeneration, hilft diesen, mit der Erkrankung zurechtzukommen. Zudem hat sie ein umfangreiches Netzwerk für Aus- und Weiterbildung blinder Menschen aufgebaut sowie den Ratgeber „Wenn die Sehkraft schwindet“ veröffentlicht.

Seit 2007 leitet sie den Fachbereich Psychosoziale Beratung der Pro Retina Deutschland, nahm mit der Vereinigung in den Jahren 2010 und 2012 am Hessentag teil. Im Privatleben ist sie ebenfalls viel unterwegs. In ihrer kostbaren Freizeit hört sie gerne Musik, besucht Opern und Konzerte. Auch auf Reisen geht sie gerne, hat bereits zahlreiche Länder besucht. 

Sie hat sich immer gegen zahlreiche Vorurteile und Einwände von Außen durchgesetzt und ihre Fähigkeiten genutzt, erzählt sie im Interview. „Ich wollte das machen, was mir Spaß macht, und das habe ich erreicht“, kann sie heute stolz sagen. Für ihre umfangreiche Arbeit, ihre vielfältigen Erfolge und ihr großes ehrenamtliches Engagement hat Bundespräsident Joachim Gauck Cordula Freifrau von Brandis-Stiehl das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland verliehen.

von Ina Tannert

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