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„Bis 1945 hat sich nicht viel verändert“

1200 Jahre Michelbach „Bis 1945 hat sich nicht viel verändert“

„Am besten, wir ziehen Siebenmeilenstiefel an“, erklärte Hartmut Wild, bevor er die Geschichte Michelbachs von der ­prähistorischen Zeit bis heute darstellte.

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Lehrer Johannes Kornmann inmitten seiner Schüler 1912. Damals gehörte auch Obst- und Gartenanbau zu den Schulfächern und die Zahl der Schläge zur Züchtigung war je nach Anlass genau festgelegt. Sechs Schläge bekam beispielsweise, wer im Nachmittagsgottesdienst gelacht hatte und acht, wer den Lehrer nachäffte.

Quelle: Privatsammlung Stephan Muth

MIchelbach. Mehr als drei Jahre lang hat der ehemalige Pfarrer das Pfarrarchiv des Ortes ausgewertet, mittelalterliche Handschriften in der Murhard‘schen Bibliothek in Kassel sowie im Staatsarchiv Marburg studiert.

Wer sich die Michelbacher Geschichte lieber in Filzpantoffeln zu Hause zu Gemüte führen wolle, könne das mit der im kommenden Jahr bei den Marburger Stadtschriften erscheinenden Chronik tun, sagte Hartmut Wild. Neben Michelbachern aus dem Arbeitskreis Dorfchronik sind an der Erstellung auch Marburger Historiker beteiligt.

Zum 1200-jährigen Bestehen des Ortes erscheint nicht nur die Chronik, sondern im Juni wird auch groß gefeiert. Um schon mal darauf einzustimmen, veranstalteten der „Förderverein 1200 Jahre Michelbach“ und das „Kultur­café Michelbach e.V.“ am Samstag im vollbesetzten Bürgerhaus einen Abend mit zwei Vorträgen zur Geschichte. Neben Wild erzählte auch Stephan Muth aus dem Arbeitskreis von der Entwicklung des Ortes im Laufe der Zeit. Dazu legte er beispielsweise eine Karte aus dem Jahr 1738 mit einer aus 1945 übereinander. Das Erstaunliche: „Bis 1945 hat sich nicht viel verändert“, sagte Muth. Rund 400 Einwohner zählte das Dorf.

Mutterkirche für zahlreiche Filialorte

Dennoch hatte Michelbach durch die Martinskirche mal große Bedeutung: Sie war die Mutterkirche für zahlreiche Filialorte im Umkreis. Dass sie so groß wurde, war möglicherweise Guntram von Marburg zu verdanken, der mit dem Bau der Kirche im Jahr 1190 offiziell sein Patronat begründete. „Die Kirche brauchte eine standesgemäße Mindestgröße“, erklärt Wild.

In den vergangenen 800 Jahren wurde lediglich der Turm der Kirche umgebaut, im 14. Jahrhundert wurde er erhöht. Gebrannt hat er nie, denn die Turmbalken stammen noch heute aus dem Jahr 1219.

Im Laufe der Jahrhunderte war die Kirche immer wieder auch Anlaufstelle für Flüchtlinge und Hilfsbedürftige, wie nach dem 30-jährigen Krieg, der zwei Drittel der Mitteleuropäer das Leben kostete. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es im ganzen Dorf eng, weil Sterzhausen für die dort einquartierten Amerikaner evakuiert wurde und 1949 auch noch Vertriebene aus dem Sudetenland hinzukamen. Die meisten von ihnen waren Katholiken, sodass bis 1954 in der Martinskirche die Messe gelesen wurde.

Heute ist die Martinskirche in der Region die älteste durchgehend für den Gottesdienst genutzte Kirche.

von Freya Altmüller

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