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"Biologische Rattenbekämpfung"

Elisabethkirchen-Uhus "Biologische Rattenbekämpfung"

Manchmal treten Gesetze miteinander in Konflikt. Und es muss entschieden werden, welches Vorrang hat - so, wie jetzt imZusammenhang mit den Elisabethkirchen-Uhus.

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Der noch namenlose Uhu bei Nacht auf dem Dach der Elisabethkirche.

Quelle: Axel Wellinghoff, www.marburger-vogelwelt.de

Marburg. Wenn zum Beispiel in der Stadt Ratten bekämpft werden müssen, dann greift das Infektionsschutzgesetz. Für die Uhus auf der Elisabethkirche ist allerdings das Naturschutzrecht zuständig.

Nun begab es sich, dass ein Anwohner der Karmelitergasse, die parallel zur Ketzerbach verläuft, in der ersten Mai-Hälfte einer Ratte ansichtig wurde. Er schaltete den beim Landkreis angesiedelten Fachdienst Gesundheitsaufsicht und Infektionsschutz ein, also das Gesundheitsamt.

Dieses ist laut dem Hessischen Gesetz über den öffentlichen Gesundheitsdienst sowie dem Infektionsschutzgesetz zuständig für die Anordnung von Rattenbekämpfungen, sagt Kreis-Pressesprecher Stephan Schienbein auf Nachfrage der OP. Er bestätigt, dass das betroffene Areal in der und rund um die Karmelitergasse vom Gesundheitsamt in Augenschein genommen wurde, und zwar am 16. Mai.

Zu dem Zeitpunkt waren die jungen Uhus auf der Elisabethkirche bereits geschlüpft, was allerdings von ihren Beobachtern bewusst geheim gehalten wurde, wie Axel Wellinghoff von marburger-vogelwelt.de sagt.

Am 29. Mai erhielten die betroffenen Anwohner ein von Amtsarzt Dr. Ingo Werner unterzeichnetes Schreiben. Dort wurde ihnen mitgeteilt, dass „ein Befall mit Ratten festgestellt“ worden war. Und es erging die Aufforderung, „durch geeignete Maßnahmen den Missstand selbst abzustellen“.

Vergiftete Ratten sind leichte Beute

Dazu zähle unter anderem die „Beauftragung eines professionellen Schädlingsbekämpfers zwecks Durchführung einer professionellen Rattenbekämpfung“.

Doch am 10. Juni verschickte das Gesundheitsamt ein weiteres Schreiben, in dem mitgeteilt wurde, dass die Rattenbekämpfung vorübergehend ausgesetzt wird. Als Grund wurde das Uhu-Pärchen mit zwei Jungtieren angegeben, die es nach Naturschutzrecht zu schützen gelte. Die Behörde verortete die Uhus zwar im Turm des „Michelchen“. Aber dieser Fehler tut letztlich nichts zur Sache.

Für den Schutz der Uhus auf der Elisabethkirche eingesetzt hat sich nach OP-Informationen besonders der stellvertretende Vorsitzende des Marburger Naturschutzbundes, Eberhard Lübbeke - mithilfe der Unteren Naturschutzbehörde. Seinem Einsatz ist es zu verdanken, dass die Uhu-Elterntiere weiter Ratten jagen können, ohne „durch Nahrungsaufnahme vergifteter Ratten geschädigt“ zu werden, wie es im Aussetzungsschreiben des Gesundheitsamtes heißt.

Um Ratten das Leben in den Städten schwer zu machen, empfiehlt Schienbein, grüne Tonnen stets verschlossen zu halten, keine Essensreste auf den Kompost zu werfen sowie die gelben Säcke fest zu verschließen und so zu lagern, dass Ratten sie nicht aufreißen könnten. Ansonsten setze vorübergehend auch das Gesundheitsamt auf die „biologische Rattenbekämpfung“ durch die Uhus.

Für Moira Behn, in deren Auswilderungsstation Jung-Uhu Philipp lebt, wäre es wichtig, dass weniger Gift in der Schädlingsbekämpfung eingesetzt wird. Für die Biologin und Wildvogelexpertin gilt als gesichert, dass zahlreiche Greifvögel sterben, weil sie vergiftete Nager fressen. Und das betreffe nicht nur Aasfresser wie den Schwarz- und Rotmilan. Sie habe beobachtet, dass vergiftete Ratten, bevor sie verenden, „wie betrunken umher torkeln“ und so leichter zur Beute etwa eines Uhus werden könnten.

Philipps Geschwistertier könnte ein Weibchen sein

Über Philipp berichtet Behn: „Er scheint zu wachsen und sich auch ausreichend zu bewegen, wie man an dem in der Voliere verteilten Gewölle sehen kann.“ Beringt werde Philipp nun doch nicht, um ihm den Stress des Gefangenwerdens zu ersparen. Die Auswilderung werde wahrscheinlich in der ersten Septemberhälfte erfolgen, „sobald Philipp in der Voliere unruhig wird“. Auch das Geschwistertier auf der Elisabethkirche ist wohlauf. Es mache weiter große Flugfortschritte, schwärmt Wellinghoff. Das Muttertier serviere dem Jung-Uhu inzwischen „Krähe am Stück“. Philipp übrigens erhält laut Behn „Taube am Stück“.

Und es gebe gewisse Hinweise wie die große Flügelspannweite, dass das Jungtier auf der Elisabethkirche ein Weibchen sei, bestätigt Marburgs Vogelschutzbeauftragter Martin Kraft. Endgültige Sicherheit könne man aber erst durch einen Gen-Test erhalten. Dazu versuchten die Marburger Vogelfreunde, wie Wellinghoff berichtet, Federn des Jungtieres zu erhaschen und dann an das Labor nach Gießen zu schicken.

von Michael Arndt

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Er hat guten Appetit: der junge Uhu, der in Gefangenschaft leben muss, weil er sich zu weit von den Türmen der Elisabethkirche weg gewagt hat.

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