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Biogas gefährdet ohne Güllebonus

Erneuerbare Energien Biogas gefährdet ohne Güllebonus

Der Präsident des Hessischen Bauernverbandes sprach mit heimischen Anlagenbetreibern und Vertretern des Landkreises über geplante Absenkungen der Einspeisevergütungen für Strom aus Biogasanlagen.

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Auf dem Bioenergiehof von Stefan Lölkes (von links) kritisierte Hessens Bauernpräsident Friedhelm Schneider Pläne für nachträgliche Senkungen der Einspeisevergütung. Dabei war auch der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes, Erwin Koch.

Quelle: Manfred Schubert

Mellnau. 35 Personen kamen im Bioenergiehof „Vor den Tannen“, der von Stefan Lölkes betrieben wird, zu dem Treffen mit dem Präsidenten des Hessischen Bauernverbandes, Friedhelm Schneider. Hintergrund waren die Vorschläge von Bundesumweltminister Peter Altmaier und Bundeswirtschaftsminister Dr. Philipp Rösler, den Güllebonus für die vor 2009 gebauten Biogasanlagen zu streichen. Für solche Anlagen erhalten die Landwirte den Bonus, wenn sie neben pflanzlichen Stoffen mindestens 30 Prozent Gülle zur Vergärung beigeben. Außerdem sollte die Vergütung für Bestandsanlagen 2014 pauschal um 1,5 Prozent gesenkt werden. Das würde für viele Betreiber das wirtschaftliche Aus bedeuten.

Stefan Lölkes, dessen Biogasanlage das Nahwärmenetz im Bioenergiedorf Oberrosphe mit Abwärme versorgt, erklärte, allein der Wegfall des Güllebonus würde einen Verlust von etwa 100000 Euro im Jahr ausmachen. Die Unsicherheit würde auch den geplanten Bau eines Nachbardorf Nahwärmenetzes in Unterrosphe bedrohen, „weil man heute nicht weiß, was morgen kommen soll“.

Dies und die vorgeschlagene Aussetzung der Vergütung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz bei Neuanlagen in den ersten fünf Monaten, und das schon ab August 2013, gefährde die Energiewende insgesamt, meinte der Vorsitzende des Kreisbauernverbandes, Erwin Koch.

Es sei nicht das erste Mal, dass der Staat den Landwirten gegebene Versprechen nicht einhalte, sagte Koch unter Verweis auf die praktisch zum Erliegen gekommene Biodiesel-Produktion. Da, wo Landwirte zur CO2-Einsparung beitragen könnten, lasse man sie nicht, weil das mit den Interessen internationaler Energiekonzerne kollidiere, mutmaßte er und warnte, dass man für umweltschädliche Energieproduktion wie das Fracking Landflächen in Anspruch nehmen wolle.

Friedhelm Schneider, Präsident des Hessischen Bauernverbandes, forderte Verlässlichkeit von politischen Zusagen in der Demokratie. Bereits durch die Gesetzesänderungen bei Rapsöl und Biodiesel hätten Landwirte ihre Investitionen verloren, damals habe der Bauernverband etwas spät reagiert. Es könne nicht sein, dass Betriebe im Vertrauen auf die Politik geopfert werden. Der Präsident des Deutschen Bauernverbandes habe nun dreimal mit der Bundeskanzlerin gesprochen, sie habe dreimal zugesagt, dass der Vertrauensschutz gelte. Tags zuvor, nach der Protestaktion tausender in Berlin, an der auch heimische Landwirte teilnahmen, sei zugesagt worden, bei bestehenden Anlagen die Vergütungen nicht nachträglich zu kürzen, Änderungen sollen nur für neue gelten.

Auf die kleinen politischen „Schweinereien“ aufpassen

„Jetzt müssen wir aufpassen, dass sie im Nachhinein nicht mit kleinen Schweinereien kommen, mit kleinen Fußnoten, die den ganzen Satz ändern“, mahnte Schneider dazu, weiterhin achtsam zu bleiben. Der Erfolg sei noch nicht in trockenen Tüchern.

Vor den Wahlen müsse man darauf hinweisen, dass man so nicht mit den Bauern umgehen könne. „Bauernstimmen können Wahlen entscheiden, ich bin einer, der auffordert, zur Wahl zu gehen“, warnte Schneider. Biogasanlagen seien wichtig, um die Grundlast beim Energiebedarf abzusichern, tragen zur regionalen Wertschöpfung bei und verbessern die Zusammenarbeit im ländlichen Raum, wenn sie Nahwärmenetze speisen, betonte der Bauernpräsident.

Dr. Helmut Otto, Leiter des Fachbereichs Ländlicher Raum und Verbraucherschutz beim Landkreis, forderte bei der Diskussion zur „Strompreisbremse“ zu beachten, dass der Preis für die Kilowattstunde Strom im gleichen Zeitraum von 14 auf 25 Cent gestiegen sei, in dem der für Öl von 19 auf 96 Cent stieg.

Strom werde nur deshalb an der Börse so billig gehandelt, weil es die Erneuerbaren Energien gebe, ohne sie wäre er mindestens genauso und vielleicht noch teurer. Die Einspeisevergütungen trügen zur Wertschöpfung in unserem Land bei, während das Geld für fossile Energieträger ins Ausland fließe. Strom sei nicht der Preistreiber bei den Energiekosten. Im Moment gebe es zwölf Biogasanlagen im Landkreis, die mit Mais und Gülle arbeiten, und eine Trockenfermentierungsanlage der Stadtwerke Marburg. Sie produzierten in erster Linie 5,732 Megawatt Strom, aber beispielsweise auch die in den Bioenergiedörfern genutzte Wärme. Die erste Biogasanlage entstand 2006. Seit 2012, nachdem die Einspeisevergütungen drastisch zurückgenommen wurden, denke kaum noch jemand darüber nach, größere Anlagen mit mehr als 100 Kilowatt Leistung zu bauen, berichtete Norbert Fett vom Fachdienst Landwirtschaft und Erneuerbare Energien.

Mais wurde 2012 auf 4226 Hektar angebaut, das sind 13,5 Prozent der 31161 Hektar Ackerland im Landkreis. Das sei eine akzeptable Größe. Die weitere landwirtschaftliche Nutzfläche besteht aus 18231 Hektar Grünland.

Erwin Koch wies darauf hin, 1913 seien 41 Prozent der Ackerfläche im Kreis mit Hafer bestellt gewesen, für Energie, nämlich für Mobilität durch Zugtiere. Damals habe niemand von „Verhaferung“ gesprochen.

Bürgermeister Kai-Uwe Spanka (parteilos) ging auf die von der Stadt Wetter mit den Landwirten Stefan Lölkes in Mellnau und Bernd Geißel in Sterzhausen als Biogasanlagenbetreibern aufgestellten Projekte ein, von denn alle Seiten etwas hätten. Man sei mitten im Ausschreibungsverfahren, aber die geplanten Investitionen von sieben Millionen Euro könne man im Moment eigentlich nicht mit gutem Gewissen tätigen.

„Die Einspeisevergütung wird kritisiert und öffentlich diskutiert, aber über die Milliardenkosten für die Entsorgung von Atommüll und den Rückbau der Atomkraftwerke, die die Landschaft noch in Jahrhunderten belasten werden, spricht im Moment niemand“, kritisierte Spanka.

von Manfred Schubert

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