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„Bin sicher, dass Verbraucher mitziehen“

Milchpreis „Bin sicher, dass Verbraucher mitziehen“

Dass zu viel Milch auf dem Markt ist und der Preis daher seit drei Jahren fällt, darüber waren sich am Freitagabend im Gasthof Carle sechs Diskutanten beim Podium zur Milchkrise einig.

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Dieter Müller (von links) und Stefan Mann vom Bund Deutscher Milchviehhalter, Kreisbauernverbandsvorsitzende Karin Lölkes, Europaparlamentarier Martin Häusling (Grüne), Landtagsabgeordneter Kurt Wiegel (CDU) und Dr. Helmut Otto, Fachbereichsleiter Ländlicher Raum und Verbraucherschutz beim Landkreis, der auf die europäische Herkunft eines scheinbar deutschen Milcherzeugnisse hinwies.Foto: Manfred Schubert

Quelle: Manfred Schubert

Cappel. Auch das europaweite Hilfsprogramm, das seit dem 1. Oktober Milchviehhalter entschädigt, die auf Antrag ihre Milchmengen reduzieren, wird die Höfe kaum retten. Denn statt zuvor 21 bekommen die heimischen Erzeuger demnächst 23 Cent pro Kilogramm Milch. Das ist weit entfernt von den seit Jahren erhobenen Forderungen nach mindestens 40 Cent.

Im heimischen Landkreis gibt es nur noch 145 Milchviehhalter. Was geschehen müsste, damit nicht noch mehr von ihnen aufgeben müssen, dazu gab es unterschiedliche Ansichten. Zum Podium eingeladen hatte die Fachstelle Kirche im ländlichen Raum der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Pfarrer Karl-Günter Balzer moderierte. Der Cappeler Pfarrer Wolf Glänzer übernahm die Rolle „Anwalt des Publikums“. Die Zuhörer konnten ihre Beiträge und Fragen aufschreiben, die Zettel wurden gesammelt und von Glänzer vorgetragen. Ein Verfahren, das nicht allen Teilnehmern gefiel. Viele hätten es vorgezogen, selbst sprechen zu dürfen. Einige nutzten nach dem Ende der zweistündigen Podiumsdiskussion die Gelegenheit, direkt mit den Beteiligten oder auch miteinander weiter zu diskutieren. Einen Vertreter des Handels hatte Balzer nicht aufs Podium bekommen, diverse Unternehmen hatten abgesagt, einzig Theo Gutberlet (Tegut) wäre gekommen, aber der Termin passte nicht. Vom Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) waren Stefan Mann, der stellvertretende Bundesvorsitzende aus Ebsdorfergrund, und Dieter Müller, stellvertretender BDM-Landesvorsitzender aus Marburg, mit dabei. „Ich sehe nur die Möglichkeit, uns als Landwirte zusammenzuschließen und eine europaweite flexible, an den Markt angepasste Mengensteuerung zu schaffen. Wenn die Anforderungen von gesetzlicher Seite und vor allem vom Handel an die Erzeuger immer höher werden, muss dieser auch bereit sein, dafür zu zahlen“, sagte Mann. Auf Verhandlungen mit den Molkereien setzte er wenig Hoffnung, denn die würden stets dasselbe verdienen, einzig die Erzeuger seien an einem höheren Preis interessiert.

Karin Lölkes, Vorsitzende des Kreisbauernverbands Marburg-Biedenkopf betonte, keine Verbraucherschelte betreiben zu wollen, bedauerte aber, dass sich eine „Geiz-ist-geil-Mentalität“ durchgesetzt habe. Viele seien nicht bereit, für gute Lebensmittel das zu zahlen, was diese wert seien. Sie betonte, der Handel müsse nicht vorschreiben, wie Tierwohl umzusetzen sei: „Wir in den bäuerlichen Betrieben lieben unsere Tiere, behandeln sie gut. Wir sind mit ihnen verheiratet, sie haben Familienanschluss rund um die Uhr.“ Sie glaube, es werde schwierig, eine Mengenregelung durchzusetzen. Man werde mit den Molkereien andere Kontrakte aushandeln müssen.

Martin Häusling, Biolandwirt aus Bad Wildungen, der als agrarpolitischer Sprecher der Fraktion Grüne/EFA im europäischen Parlament in der Opposition sitzt, forderte als ersten Schritt: „Lasst uns von dieser wahnsinnigen Freihandelsideologie wegkommen. Agrarpolitik lässt sich nicht internationalisieren, deswegen müssen wir den Milchmarkt regulieren dürfen.“

Auch brauche man mehr Regionalisierung, das machten die Italiener und Franzosen, nur die Deutschen kriegten das nicht hin. In Regionen wie Südtirol würden regionale Produkte höher geschätzt, man bezahle mehr dafür. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass unser Volk bei 20 Cent mehr für die Milch verarmt. Ich bin sicher, wenn wir deutlich machen, was an den Landwirten alles dranhängt, dass die Verbraucher mitziehen“, sagte er.

Kurt Wiegel, Landwirtschaftsmeister aus dem Vogelsberg und agrarpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion Hessen, gab zu Bedenken, bei den Freihandelsabkommen gehe es vor allem um die Industrie, er wisse nicht, ob die Bauern da das Zünglein an der Waage seien. Es könnten auch nicht alle zu Direktvermarktern oder Biolandwirten werden, dann breche der Markt ebenfalls zusammen. Ein Fehler sei es, im Studium den angehenden Landwirten nicht beizubringen, dass man sich um den Markt kümmern müsse. Er klagte: „Wir haben in Hessen in vielen Bereichen aufgegeben, keinen richtigen Schlachthof mehr. Wir haben uns extensiviert, damit war die Menge weg.“

Dr. Helmut Otto, Leiter des Fachbereichs Ländlicher Raum und Verbraucherschutz beim Landkreis, fand, allein die Mengesteuerung könne das Problem nicht lösen, auch der Absatz sei wichtig. „Wenn einer wachsen will, soll ich dem abraten? Das haben wir lange genug gemacht, im Norden machen sie es andersherum. Wir wollen in der Region Betriebe haben, die Landwirtschaft betreiben“, unterstrich er. Diversifizierung als eine Möglichkeit könne auf viele Arten und unterschiedlichen Wegen für die Betriebe gelingen. „Nicht nur in landwirtschaftlichen, sondern in allgemeinbildenden Schulen sollte auf dem Lehrplan stehen, dass man Nahrungsmittel wieder wertschätzt. Es ist ein Problem, dass man 44 Prozent der Lebensmittel wegwirft“, sagte Otto, der dafür zustimmenden Applaus sowie den Zuruf aus dem Publikum erhielt, man solle damit schon im Kindergarten beginnen.

Unter den Zuhörern war auch der vorherige Bauernverbandsvorsitzende Erwin Koch. Er fühlte sich angesichts der Diskussion an den 9. April 1983 erinnert, an dem im überfüllten Cappeler Bürgerhaus der Staatssekretär Wolfgang von Geldern die Einführung der Milchquote und einen Garantiepreis von einer D-Mark für die Bauern verkündet habe. „Ich meldete damals bereits Bedenken an, dass das nicht funktionieren würde, und heute, nach 33 Jahren, höre ich immer noch den gleichen Blödsinn. Die EU sollte aufhören, alles über einen Kamm scheren zu wollen. Landwirtschaft ist der einzige voll harmonisierte Wirtschaftsbereich der EU. Wir brauchen eine Flexibilisierung, wir können nicht in allen EU-Staaten den gleichen Preis für Milch und anderes haben wollen“, ärgerte sich Koch am Ende der Veranstaltung.

von Manfred Schubert

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