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"Bildung muss kostenlos für alle sein"

Kommunalpolitik "Bildung muss kostenlos für alle sein"

Streit um die Kita-Gebühren: Jana Al-Bkeer, die Zweite Vorsitzende des Stadtelternbeirates, demonstriert am Samstagnachmittag gegen die geplante Erhöhung der Betreuungsgebuhren in Marburg.

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Die Familie Al-Bkeer ist von höheren Betreuungsgebühren besonders stark betroffen.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Die achtfache Mutter ist von hoheren Gebuhren in zweifacher Hinsicht besonders betroffen. Jana Al-Bkeer hat acht Kinder, funf davon sind in der Betreuung: Die Zwillinge Yahya und Mohammad sowie Yousuf werden nach der Schule im Kinderhort neben der Astrid-Lindgren-Schule betreut, Hibah geht in den Kindergarten. Eigentlich sollte im Sommer auch der Kleinste, der zweijahrige Karim, in den Kindergarten kommen, aber Jana Al-Bkeer weiß nicht, so sagt sie, wovon sie die Gebuhren bezahlen soll.

Al-Bkeer hat ein eigenes Dolmetscherburo, sie hat sich vor einem Jahr selbststandig gemacht. Sie konnte dies tun, sagt sie, weil die Betreuungsangebote in der Stadt ihr die Moglichkeit geben, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen.

Täglich um 5 Uhr aufstehen

Das heißt, taglich um 5 Uhr aufstehen, Kinder fur Schule­ oder Kindergarten fertig machen, Fruhstuck fur die Kinder machen, Schulbrote schmieren und zusehen, dass die Kinder um 7.30 Uhr punktlich aus dem Haus gehen. Bis 14.30 Uhr hat Jana Al-Bkeer nun Zeit, im Außendienst Dolmetscherdienste­ zu verrichten. Ab 14.30 Uhr dann sind schon die großeren Kinder wieder im Haus. Die kleineren Kinder haben einen Platz bis 17 Uhr, den Sie je nach Auftragslage auch nutzt. Ab 17 Uhr sind dann alle zu Hause und fordern ihre volle Aufmerksamkeit, nebenbei muss Sie noch ihre Hausarbeit erledigen. Am Abend, wenn alle Kinder schlafen, erledigt Jana Al-Bkeer die zur Selbststandigkeit gehorende Buroarbeit sowie anfallende ­Arbeiten fur den Stadtelternbeirat und arbeitet dann oft bis tief in die Nacht.

Jana Al-Bkeer rechnet vor, dass sie nach einer Erhohung der Betreuungsgebuhren in der vom Magistrat vorgeschlagenen Hohe allein 1300 Euro an Betreuungskosten aufbringen muss, dazu kommen Essensgelder und Ausgaben fur Kleidung, Schulsachen und Sonderposten wie Klassenfahrten und Klassenkassen. Da nimmt es nicht wunder, dass sie sagt: „Selbst wenn die Hortgebuhren nur um 20 Euro steigen wurden, waren das fur unsere Familie zusatzlich 60 Euro fur den Hort und 20 Euro fur die Kita – das konnen wir uns nicht leisten.“ Schon jetzt furchtet sie, den kleinen Karim nicht in die Betreuung geben zu konnen. Sie weiß zwar, dass es fur Familien, die mehrere Kinder in der Betreuung haben, Ausnahmeregelungen gibt, diese aber nicht institutionsuber­greifend sind und dadurch nicht ausreichend greifen.

Ältester Sohn studiert bereits

Die achtfache Mutter – der alteste Sohn, Elias, studiert ­bereits – tritt deswegen auf verschiedenen Ebenen, ob im Stadtelternbeirat oder in der Initiative gegen die Erhohung der Betreuungsgebuhren in Marburg, gegen die Plane des Magistrats ein. Besonders erzurnt ist sie daruber, dass der Magistrat die Gebuhren fur die Betreuung an den Grundschulen schon erhoht und den Beschluss dem Parlament nur zur Kenntnis gegeben hat. Oberburgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) sagt zwar, dass „selbstverstandlich“ die Gebuhren fur die Betreuung an den Grundschulen an die fur die Betreuung an Kitas angeglichen werden – und die sind eben noch nicht beschlossen – aber Jana Al-Bkeer traut dem Frieden nicht.

Inzwischen hat der Widerstand vieler Eltern gegen hohere Gebuhren dazu gefuhrt, dass die ursprunglichen Plane des Magistrats, namlich eine ­Erhohung von rund 80 Euro fur einen Ganztagsplatz, vom Tisch sind. SPD, CDU und „Burger fur Marburg“ schlagen nun eine Erhohung von 20 Euro monatlich ab Januar und weiteren 20 Euro ab 2019 vor. „Kein echter Kompromiss“, sagt Jana Al-Bkeer dazu.

Fur sie kommt eigentlich nur infrage, dass Betreuungsgebuhren in den Kommunen ganz abgeschafft werden. Dazu, das haben Spies und sein Burgermeister Dr. Franz Kahle­ (Grüne) in der Debatte immer wieder betont, musste das Land die Personalkosten ubernehmen. „Den Rest wurden wir schultern“, sagte Kahle in einer­ Sitzung des Jugendhilfeausschusses im Oktober.

Eltern kündigten bereits Abmeldung der Kinder an

Warum soll in Hessen nicht moglich sein, was in Berlin, aber auch im benachbarten Rheinland-Pfalz moglich ist, sagt Al-Bkeer. „Bildung muss kostenlos fur alle sein, das ware das Beste.“ Eltern haben gegenüber dem Stadtelternbeirat bereits angekundigt, ihre Kinder aus den Bildungsstatten herauszunehmen: Sie wollten nicht ­arbeiten, um ihren Verdienst in die Fremdbetreuung ihrer Kinder zu investieren. „Das wurde bedeuten, dass die Chancengleichheit und das gleiche Recht auf Bildung nicht mehr fur alle gelten.“

Sie erinnert speziell die SPD an ihre Forderung im Landtagswahlkampf, Betreuungsgebühren abzuschaffen. Inzwischen gibt es auch bundesweit eine Bewegung fur die Abschaffung der Gebühren, verschiedene Online-Petitionen sind im Umlauf. Und auch Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD), die am Wochenende in Marburg zu Besuch war, fordert die kostenlose Betreuung.

Jana Al-Bkeer fürchtet aber, dass die Marburger Kommunalpolitik sich von diesen Bewegungen nicht beeindrucken lasst. Sie furchtet, dass die Stadt Einnahmeausfalle bei den Kinderbetreuungsgebuhren durch Einsparungen in diesem Bereich ausgleicht – und das bringt sie ganz besonders auf die Palme. „Mit welchem Recht tun sie das unseren Kindern an?“, fragt sie.

von Till Conrad

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