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Bewegung hilft Körper und Seele

Motogeragogik Bewegung hilft Körper und Seele

Die Marburger Motologin Dr. Marianne Eisenburger hat das Konzept der "Motogeragogik" entwickelt, das alten Menschen in Pflegeheimen zu mehr ­Lebensqualität durch Bewegung verhelfen soll.

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Alle Teilnehmer dieses Bewegungsspiels sind daran beteiligt, den kleinen roten Ball im Vordergrund durch ihre Bewegungen auf dem gemeinsam gehaltenen bunten Tuch zu halten. Unser Foto entstand im Altenheim St. Jakob auf dem Richtsberg. Fotos: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. . Der Grundstein für das wissenschaftliche Konzept der Motogeragogik wurde Mitte der 80er Jahre mit einer Kleinanzeige in der Oberhessischen Presse gelegt. „In dem Aufruf war zu lesen, dass Senioren für Bewegungsstunden gesucht werden“, erinnert sich Dr. Marianne Eisenburger. Sie suchte für ihre Doktorarbeit an der Marburger Universität über die Bedeutung der Bewegung im Alter Probanden, um ihre wissenschaftlichen Theorien auch in der Praxis zu überprüfen. Von der guten Resonanz auf den Aufruf war die Wissenschaftlerin damals sehr überrascht. „Da haben sich mehr als 30 Menschen gemeldet - vom fitten 65-Jährigen bis zu Leuten, die am Stock gingen“, erinnert sich Eisenburger. Mit der Zeit schälte sich dann ein harter Kern von 10 bis 15 Teilnehmern heraus, mit denen sie sich einmal pro Woche in der Turnhalle des Instituts für Motologie traf. Die Bewegungspädagogin entwickelte zusammen mit den Senioren das Konzept für ein völlig neues Fachgebiet, das sie Motogeragogik (siehe HINTERGRUND“) nennt. Jenseits von Krankengymnastik oder Seniorensport geht es dabei um das Bewegen von Körper und Seele zugleich.

Das Konzept baut vor allem auf die Heilkraft der Bewegung, auch für diejenigen, die in ihrer Bewegungsfähigkeit aufgrund von altersbedingten Beschwerden eingeschränkt sind. „Auch Menschen, die in einer Seniorenresidenz oder in einem Alten- und Pflegeheim leben, brauchen Bewegung, damit ihre Selbstständigkeit nicht noch weiter schwindet“, erläutert Eisenburger die dahinter stehende Philosophie. Was heutzutage selbstverständlich erscheint, war noch Ende der 80er Jahre vergleichsweise ein umwälzendes Konzept. Denn damals waren die Alten- und Pflegeheime vorwiegend eine Art Verwahranstalt für ältere Menschen, wie sich Eisenburger erinnert.

Es gehe aber darum, das Vor-Sich-Dahin-Dämmern der alten Menschen und dem allmählichen Rückzug aus dem Alltag sowie der immer stärker einsetzenden Bewegungslosigkeit entgegenzusteuern. „Diese Bewegungslosigkeit drückt sich nicht allein in motorischen Einschränkungen aus wie dem gehemmten Gang, den kleinen Schritten, den steifen Armen, sondern auch in der Starrheit der Körper, den eingefrorenen Gesichtszügen, den hängenden Schultern“, beschreibt Eisenburger. Wie sich ihre Theorien in die Praxis umsetzen lassen, das hatte Eisenburger damals auch zwischenzeitlich für anderthalb Jahre als Mitarbeiterin in einem Altenheim anschaulich mitverfolgt. Mittlerweile lehrt und forscht sie wieder am Institut für Motologie der Uni Marburg. Doch die Motologin weiß: „Körperliche Einschränkungen, Krankheiten oder Schmerzen bestimmen oft genug den Tagesablauf und bedeuten eine Erschwernis des Alltags. Dann wird jede Bewegung zu anstrengend. Das Leben wird immer bewegungsloser und lebloser. Die Freude und der Lebensmut erlöschen immer mehr, denn Psyche und Motorik hängen eng zusammen“. Das gelte auch und vor allem für kranke und betagte Menschen in Alten- und Pflegeheimen.

Bewegung als Brückezu Demenzkranken

Diesen Kreislauf zu durchbrechen, das hat Eisenburger sich auch für die Beschäftigung mit Demenz- und Alzheimerpatienten zum Ziel gesetzt. „Die jungen und fitten Alten brauchen das nicht. Die sind gut versorgt“, sagt die Wissenschaftlerin.

„Bewegung baut die Brücke zu denen, die wir mit unserer sprachlichen Kommunikation nicht mehr erreichen“, berichtet sie. Die Motogeragogik soll bei den alten Menschen vor allen drei Dinge fördern:

n Die Selbsterfahrung und die Erfahrung des eigenen Körpers, soll gestärkt werden. So sollen Bewegungsaufgaben Anregungen für das Denken bieten „Wir erleben immer wieder, wie Menschen aus ihrer Versunkenheit auftauchen und - zumindest für diese eine Stunde - wieder am Leben teilnehmen“, berichtet Eisenburger.

n Bei der „Erfahrung der dinglichen Umwelt“ geht es darum, dass die alten Menschen im wahrsten Sinn des Wortes mithilfe des sinnlichen Begreifens von Dingen die Welt und die Dinge um sie herum verstehen.

n „Erfahrung der sozialen Umwelt“ lautet das dritte Schlagwort, bei dem es um die Sozialkompetenz geht. Im Mittelpunkt steht dabei „in vielfältigen Formen gemeinsamen Tuns und gemeinsamen Spielens“ das Erleben eines Gruppengefühls und des Eingebunden-Seins in eine Gemeinschaft.

In mehreren Fachbüchern hat Eisenburger ihre Erkenntnisse dargestellt. Zumindest im Marburger Altenheim St. Jakob wird das „Motogeragogik“-Konzept in regelmäßigen Kursen in die Praxis umgesetzt.

Im Gegensatz zu Österreich hat sich die Motogeragogik in Deutschland allerdings noch nicht als flächendeckendes Prinzip zum Nachahmen bewährt. Das liegt nach Einschätzung der Marburger Bewegungsforscherin vor allem daran, dass es an Nachwuchsforschern fehlt, die die von ihr aufgebrachten Ideen weitervermitteln. Denn für die meisten Motologen sei besonders am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn die Beschäftigung mit Kindern spannender als die Anleitung von Kursen in Altenheimen. Trotz dieser Schwierigkeiten setzt Eisenburger aber dennoch darauf, ihre Ideen beispielsweise bei der Weiterbildung von Altenpflegern zu vermitteln.

von Manfred Hitzeroth

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