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Betrunkene halten Rettungswagen am Rollen

Silvester in der Notaufnahme Betrunkene halten Rettungswagen am Rollen

Mit dem beginnenden Verkauf von Raketen und Böllern herrscht wieder mehr Betrieb in den Notaufnahmen von Krankenhäusern. Im Gegensatz zu den Ballungszentren ist der Anstieg an Patienten in Marburg überschaubar.

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Ein in Deutschland nicht zugelassener Feuerwerkskörper explodiert bei einer Demonstration in einer Schweinepfote.Archivfoto

Quelle: David Ebener

Marburg. Drei Tote, viele Verletzte und Brände, die Schäden in Millionenhöhe verursachten: die bundesweite Bilanz der Silvesternacht 2014. Ursache war stets der unsachgemäße Umgang mit Raketen und Böllern, meist in Verbindung mit dem ausgiebigen Konsum von Alkohol.

Gleichwohl gibt es keine belastbaren Statistiken für Sach- und Personenschäden während der Silvesternacht. Die schwersten Unfälle sorgen für Schlagzeilen, Krankenhäuser machen sich zuweilen die Mühe, ihre eigenen Zahlen für die Silvesternacht auszuwerten, in der viele feierfreudige Mitbürger in der Notaufnahme landen.

Auf alle Eskalationsstufen vorbereitet

Die Notaufnahme im Marburger Klinikum verzeichnete etwa 50 Patienten, die in der Zeit von 19 Uhr am Silvesterabend 2014 bis 7 Uhr am Neujahrsmorgen kamen, beziehungsweise gebracht wurden.

Dr. Clemens Kill, Leiter des Zentrums für Notfallmedizin, erklärt, dass an vergleichbaren Tagen, etwa an Samstagen, 35 bis 40 Patienten behandelt würden. „Eine Anhäufung an Fällen wie an Silvester kann es auch in mancher wilden Samstagnacht geben“, berichtet er.

Deshalb müsse man sich auf die Nacht des Jahreswechsels personell nicht besonders vorbereiten. „Bei größerem Schadensereignis an Silvester greifen die gleichen Mechanismen, die wir sowieso haben“, sagt Dr. Kill und betont: „Wir sind auf die möglichen Eskalationsstufen vorbereitet, kommen aber an Silvester mit normalen Vorhaltungen inklusive diverser Rufbereitschaften zurecht.“

Wenn an einem Samstagnachmittag die Leute das erste Mal ihre Rasenmäher anwerfen würden, dann kämen manchmal mehr Leute ins Klinikum, die etwas im Auge hätten, als in einer Silvesternacht.

„Notfallmedizin ist immer ein Stoßgeschäft mit unvorhersagbaren Schwankungen“, sagt er. Um dies bewältigen zu können, gebe es neben der Grundpräsenz Hintergrunddienste, die notfalls aktiviert werden könnten.

In Silvesternächten gebe es in der Regel mehr Notaufnahmen durch Alkohol- und Drogeneinwirkung als durch Verletzungen, weiß Dr. Kill. „Betrunkene halten die Rettungswagen am Rollen“, sagt er.

Erste Alkohol-Einsätze gebe es zuweilen schon um 22 Uhr, das ziehe sich bis in die frühen Morgenstunden, berichtet der Arzt und erklärt: „Wir können jemanden erst wieder entlassen, wenn er in der Lage ist, selbstständig auf sich aufzupassen.“

Wer nicht mehr gehen kann, müsse in der Regel für einige Stunden in der Klinik bleiben und überwacht werden. Wer randaliere, werde auch schon mal zur Ausnüchterung an die Polizei übergeben. „Wir sind als Mediziner nicht befugt, Menschen gegen ihren Willen festzuhalten“, betont Dr. Kill.

Der übermäßige Genuss von Alkohol ist auch Ursache für andere Verletzungen, etwa nach Stürzen oder Schlägereien, und auch der unsachgemäße Umgang mit Feuerwerkskörpern.

In Großstädten sind OP-Teams doppelt besetzt

Oftmals bekomme nicht derjenige, der Böller oder Raketen zünde, etwas ab, sondern daneben stehendes Publikum.

Mehr oder minder schwere Augenverletzungen gehören offenbar zu jeder Silvesternacht. Zu den großen Klassikern zähle es, den Böller mit dem Feuerzeug anzünden, dann das Feuerzeug wegzuwerfen und den Böller in der Hand zu halten.

Schwere Sprengverletzungen kämen in Marburg erfreulich selten vor, sagt Dr. Kill. Wer beispielsweise mit selbstgebastelten Böllern hantiere und sich an der Hand schwer verletze, der müsse davon ausgehen, bleibende Schäden zurückzubehalten.

Vor solchen Verletzungen warnt auch die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie.

Alkohol ist meist mit im Spiel

Eine durchschnittliche Silvesternacht an einem Großstadt-Krankenhaus sieht nach deren Erfahrungen so aus: Etwa 60 Teilverletzungen, wie zum Beispiel abgetrennte Finger oder Fingerglieder, und fünf bis zehn schwere Verletzungen, wie eine zerstörte Hand. Die meisten Verletzten sind junge Männer im Alter bis zu 25 Jahren. Die zweite Haupt-Risikogruppe sind 50- bis 60-jährige Männer.

„Bei beiden Gruppen ist oft Alkohol mit im Spiel. Je mehr Alkohol man im Blut hat, desto leichtsinniger wird man“, erklärt Professor Andreas Eisenschenk von der Deutschen Gesellschaft für Handchirurgie. Die meisten Verletzungen werden durch selbstgebastelte Böller verursacht, berichtet er.

Am häufigsten sind aber Verletzungen eines oder mehrerer Finger sowie Hautverletzungen. Wenn Böller in der Nähe des Kopfes explodieren, kann es auch zu Trommelfellzerstörungen kommen – und wenn sie sich in der Hosentasche entzünden, zu Genitalverletzungen.

Blindgänger: Am Montag geht die Arbeit weiter

In Großstädten sind die OP-Teams meist doppelt besetzt. Ein großes Problem ist bei Böller-Verletzungen, dass Explosionen keine glatten Schnittwunden verursachen, sondern zerfetzte Ränder.

Das macht das Nähen der Wunde schwierig bis unmöglich. „Wenn ein Körperteil verletzt war, wird immer eine Einschränkung bleiben, in Gefühl oder Funktion“, erklärt Eisenschenk.

An Neujahr geht die Arbeit für die Chirurgen weiter. Dann kommen hauptsächlich Kinder, die sich beim Blindgänger-Sammeln verletzt haben.

von Hartmut Berge

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