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Betroffenheit in Marburg

Nach Anschlag in Berlin Betroffenheit in Marburg

Bei einem möglichen Anschlag ist ein Unbekannter am Montagabend mit einem Lastwagen auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin gefahren. Dabei kamen mindestens 12 Menschen ums Leben. Die Betroffenheit ist groß - auch in Marburg.

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Ein Feuerwehrmann steht am Dienstagmorgen in Berlin neben einem beschädigten LKW, mit dem ein Unbekannter am Montagabend auf einen Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche gefahren ist. Foto: dpa

Quelle: dpa

Marburg. Es ist still auf dem Weihnachtsmarkt an der Elisabethkirche. Eine Mutter mit Kopftuch hält ihren Sohn im Arm. Zwei junge Frauen nehmen sich an den Händen.  Kerzenschein erhellt die Gesichter der gut 200 Menschen, die sich gestern Abend vor dem Portal der Elisabethkirche versammelt haben, um den Opfern des mutmaßlichen Anschlags von Berlin zu gedenken.

„Es ist schrecklich, was passiert ist, aber es ist jetzt ganz wichtig extra auf den Weihnachtsmarkt zu gehen und zu zeigen, dass man sich von dem Terror nicht einschüchtern lässt“, betont Pia Tana Gattinger, die zusammen mit  ihrer Kollegin Sabreen Younisa ein Zeichen gegen die Angst setzen will. Sie sind damit nicht allein.

Vertreter aller Marburger Religionen appellieren an  Vernunft und Menschlichkeit. „Die Antwort auf Terror kann nur Offenheit, mehr Zusammenhalt und mehr Menschlichkeit sein“, betont Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies. Viele Marburger haben sich den ganzen Tag über  in ein Kondolenzbuch eingetragen, das in der Elisabethkirche ausliegt. So wollen sie ihre Betroffenheit über das schreckliche Ereignis zum Ausdruck bringen.

"Ich war sehr getroffen und schockiert", sagt Uwe van Elkan. Er ist der Betreiber des Marburger Weihnachtsmarkts an der Elisabethkirche. Er war gestern Abend noch bis 21 Uhr auf dem Markt. "Unter den Schaustellern ging das über Whatsapp schnell rum", berichtet van Elkan. Er habe bereits mit vielen Kollegen in ganz Deutschland gesprochen, aber auch mit den Budenbetreibern auf dem Markt an der Elisabethkirche.

"Wir dürfen nicht aufgeben"

Van Elkan und seine Kollegen beschleicht schon ein mulmiges Gefühl, aber eben keine Angst. "Was sollen wir auch machen, wir dürfen nicht aufgeben."

"In Marburg muss niemand Angst haben", versichert derweil Spies. In der Stadt herrsche generell "ein friedliches Klima". Dennoch werde man die Sicherheitsmaßnahmen an öffentlichen Orten nun verstärken: „Es werden verstärkt Ordnungspolizei und Sicherheitskräfte eingesetzt. Ich bin nicht besorgt, aber sicher ist sicher."

„Wir sind bereits verstärkt bei solchen Veranstaltungen wie etwa dem Weihnachtsmarkt an der Elisabethkirche präsent“, versichert hingegen Marburgs Polizeisprecher Jürgen Schlick gegenüber der OP. Dies geschehe sichtbar durch uniformierte Polizisten und auch durch Beamte in Zivil. Derweil denkt man im hessischen Innenministerium über eine weitere Verstärkung der Polizeikräfte bei Großveranstaltungen nach. 

Dass Angst die Marburger davon abhalten wird, auf den Weihnachtsmarkt zu gehen, glaubt Weihnachtsmarkt-Betreiber van Elkan nicht. Weil man die Bilder aus Berlin nun im Hinterkopf habe, werden jedoch viele Menschen automatisch etwas wachsamer sein, glaubt er.

Bei uns bist Du sicher

Aber es gibt sie eben, die Bilder, die sich in das Gedächtnis brennen. Und in den letzten beiden Tagen gab es dieses Bild des schwarzen Lkws inmitten der zerstörten Verkaufsstände. Mit den schrecklichen Bildern von Anschlägen, wie auf den Weihnachtsmarkt in Berlin, klarzukommen, fällt vielen Erwachsenen schwer. Besonders leiden jedoch die Kinder unter einer Flut an Eindrücken. Wie können Eltern ihren Kindern helfen, mit den vielen Bildern umzugehen?
Kinder und Jugendliche können die Zusammenhänge nicht oder nur schlecht einordnen, erklärt der Friebertshäuser Traumaexperte Dr. Georg Pieper im Gespräch mit der OP. Das Gefühl der Unsicherheit, das auch Erwachsene an solchen Tagen beschleicht, sei bei Kindern deshalb noch ausgeprägter.

Kinder und Jugendliche von Nachrichten fernzuhalten sei nur bis zu einem gewissen Alter möglich. Spätestens in der Schule würden die Kinder mit Informationen und Bildern konfrontiert, die Ereignisse wie der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin produzieren.

Deshalb sei es wichtig, mit den Kindern über diese Ereignisse zu sprechen und dabei auf zwei Dinge zu achten, erklärt Pieper. „Man muss ihnen erklären, dass es böse Menschen gibt, die schlimme Dinge tun.“ In Märchen zum Beispiel gebe es auch immer wieder Verweise auf das Böse. Gleichzeitig komme es darauf an, ein Gefühl der Sicherheit im eigenen Umfeld zu vermitteln. „Je jünger die Kinder sind, desto klarer sollte man ihnen machen: ‚Hier bei uns bist du sicher‘.“
Mit zunehmendem Alter sollte man die Kinder an die Realität heranführen, zu der es auch gehört, mit schlimmen Dingen klarzukommen. „Dabei aber unbedingt die Relationen wahren“, rät Pieper. Die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines terroristischen Anschlags zu werden, ist sehr gering. „Da ist es wesentlich gefährlicher, Auto zu fahren und wahrscheinlicher, beim Wechseln einer Glühbirne von der Leiter zu fallen“, meint Pieper.

Den Erwachsenen rät der Psychologe, auf ihr Medienverhalten zu achten. „Wer permanent zu viele der verängstigenden Nachrichten konsumiert, tut sich selbst nichts Gutes.“ Man sollte sich mit den Ereignissen auseinandersetzen, aber in einer konzentrierten Form. Stets nebenbei Nachrichten zu hören führe zu emotionaler Anspannung. Besser sei es, ein bis zweimal am Tag bewusst hochwertige Nachrichten zu nutzen.
„Wenn man im Anschluss mit einem Partner oder Freund darüber spricht, was die Ereignisse an Gefühlen auslösen, kann man sie besser verarbeiten und zur Ruhe kommen“, erklärt der Traumaexperte.

Kein Verzicht

Häufig beobachtet Pieper eine gewisse Katastrophengier, wie er sie nennt. Erinnerungen, die Betrachter einer Katastrophe mit dem Ort des Geschehens verbinden, kommen schnell unweigerlich auf. Belastend wird es allerdings, wenn sich diese Person dann einrede, selbst einem Anschlag nur knapp entgangen zu sein – weil man zum Beispiel auch einen Berliner Weihnachtsmarkt besuchen wollte, oder einen Monat zuvor einen Ausflug in die Hauptstadt gemacht hat.
„Da sollte man sich auf keinen Fall hineinsteigern. Besser ist es, die Vernunft einzuschalten und sich nicht von der Welle der Emotionen mitreißen zu lassen“, lautet der Rat des Experten. „Erst recht sollte man nicht aus Angst meiden, was man sonst eigentlich gerne gemacht hat. Das schürt die Ängste nur noch mehr“, warnt Pieper

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat mit großer Bestürzung auf die Gewalttat reagiert. S ie kündigte am Dienstagmorgen eine lückenlose Aufklärung und harte Strafen an.

von Philipp Lauer, Hartmut Berge und Ruth Korte und Nadine Weigel

 

Trotz der Ereignisse in Berlin war der Weihnachtsmarkt an der Elisabethkirche gestern gut besucht. Die OP unterhielt sich mit Besuchern über ihre Gedanken und Ängste:

Christinan Wendland, 27 Jahre, aus Niederweimar. „Angst habe ich eher nicht. Es ist passiert, und man kann es nicht ändern. Mit meinem Kind würde ich trotzdem auf den Weihnachtsmarkt gehen. Wenn es passiert, passiert es. Aber was in Berlin geschehe, tut mir sehr Leid“

Andrea Schubert, 49, Lollar. Doris Wagner, 53, Breidenbach. Kirsten Ramlow, 43, Weimar. (links nach rechts) Auch die drei Frauen haben keine Angst. Man dürfte dann eigentlich nirgends mehr hingehen. Außerdem wäre so ein Anschlag wie in Berlin hier auf dem Marburger Weihnachtsmarkt nicht möglich, sind sie sich sicher. Man immer mit einem Anschlag rechnen, sagen sie.

Anderea Cordes, 49, Marburg . „Sicherlich habe ich Angst. Auf größere Weihnachtsmärkte würde ich zurzeit nicht gehen. Aber Marburg ist noch in Ordnung. Größere Ansammlungen von Menschen vermeide ich.“

Alina Verkhovskaya, 28, aus Korbach. „Ich habe keine Angst, weil ich mich von der Angst nicht beherrschen lassen möchte. Sonst müsste man sich daheim verkriechen und könnte gar nicht mehr am Leben teilnehmen.“

Fiona Teske, 23, Marburg. " Ich kann verstehen, dass wegen den ganzen Meldungen die Menschen Angst haben. Aber was ist die Konsequenz daraus? Eigentlich müsste man immer Angst haben, dass was passiert."

Karl van Elkan, 82, Marburg. "Man müsste dann überall Angst haben. Man dürfte keinen Laden mehr betreten und nicht mehr in die Oberstadt gehen. Es kann auch im kleinsten Ort passieren. Jedoch passiert sowas eher in größeren Städten als in der Provinz. Traurig aber war."

Umfrage Ricarda Schick, Fotos: Ibrahim Hussein

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