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Betreuungskosten "Frage der Moral"

Widerstand gegen Gebühren Betreuungskosten "Frage der Moral"

Helena Urdelowicz gehört zu den Müttern, die gegen die Erhöhung der Betreuungsgebühren kämpfen. Das Thema Bildungsgerechtigkeit ist in ihrer Biografie angelegt.

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Helena Urdelowicz im Gespräch mit der Oberhessischen Presse: „In der Debatte um die Kinderbetreuungskosten sind keine Visionen der Politik erkennbar.“Fotos: Tobias Hirsch

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Die kleine Helena war gerade erst wenige Monate alt, als ihre Mutter sich 1981 in Berlin in einer Kindertageseinrichtung niederließ und damit drohte: „Ich gehe hier erst wieder weg, wenn meine Tochter einen Betreuungsplatz bekommt.“ Zu diesem Zeitpunkt war die Familie gerade erst aus Breslau nach Berlin gekommen, General Wojciech Jaruzelski hatte zuvor im Kampf gegen die Gewerkschaft Solidarnosc das Kriegsrecht ausgerufen.

Auf Bildung war in der Familie von Helena schon immer geachtet worden. Die Groß­mutter, alleinerziehende Frau, Mutter dreier Kinder, hatte dafür gesorgt, dass die Mutter eine ordentliche Ausbildung bekam.

Nun also die kleine Helena, die ihren Krippenplatz bekam - „aber der war kostenfrei“, erzählt die Frau, deren Mutter „jeden Cent in meine Bildung steckte“, die Politikwissenschaften studierte und heute als Bildungsreferentin beim Landesfeuerwehrverband arbeitet - halbtags, denn Helena Urdelowicz hat ein Kind.

„Leider nur eines“, fügt sie hinzu, „aber ein zweites und ein drittes können mein Partner und ich uns nicht leisten.“

Würde Arbeit aufgeben, dann aber bei Null rauskommen

Helena Urdelowicz rechnet vor: Gemeinsam verdienen ihr Partner, ein Handwerker, und sie rund 2600 Euro netto, neben 600 Euro Miete für eine kleine Kellerwohnung müssen von diesem Einkommen zwei Autos finanziert werden - eines braucht der Partner, der auf Montage arbeitet, ein anderes sie, um ihr Kind zu versorgen. 200 Euro gehen derzeit für den Ganztags-Betreuungsplatz für ihr Kind inklusive Mittagessen drauf. Zudem muss sie noch ihren Bafög-Kredit abbezahlen. „Urlaub können wir uns schon jetzt nicht leisten.“

Würden die Betreuungskosten tatsächlich steigen, so sagt Urdelowicz, „würde ich meine Arbeit aufgeben, weil ich dann bei Null rauskomme - nur habe ich dann leider keine Rentenansprüche.“

Helena Urdelowicz kämpft deswegen dagegen an, dass die Stadt ihre Betreuungsgebühren erhöht. Gemeinsam mit anderen Müttern (und wenigen Vätern) ist sie in der „Initiative gegen die Erhöhung der Betreuungskosten in Marburg“ aktiv. „Das ist eine Frage der Moral“, sagt sie.

Gebührenfreie Bildung - dazu gehöre für sie auch die Betreuung in Kindertagesstätten - ist für Helena Urdelowics eine Kernforderung, und sie kann Argumente wie die von Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) nicht mehr hören, der mit dem Sachzwang des maroden städtischen Haushalts argumen­tiere, um so höhere Gebühren zu rechtfertigen. „Defensiv und nicht integer“ sei das.

Vor allem nervt sie, dass in einem Papier des Magistrats die Erhöhung der Betreuungskosten „unter ferner liefen“ erwähnt werden, gemeinsam mit den Abfallgebühren oder der Spielapparatesteuer. „Das ist respektlos“, sagt sie, „es wird so getan, als wäre eine Erhöhung nicht mit erheblichen Problemen für Betroffene verbunden.“ Kinderbetreuung, das bedeutet für Urdelowicz auch Spracherwerb, Sozialisation, warmes Essen: „Das darf Kindern nicht verwehrt werden, weil die Eltern das nicht bezahlen können.“

„Kinder dürfen nicht zum Luxus werden“

Dabei zählen ihre Familie und sie mit ihrem Familieneinkommen statistisch gesehen zum „Mittelstand“. Gerade den, und das ist derzeit auch die Diskussion in den Fachausschüssen des Parlaments, die die vom Magistrat geforderte Gebührenerhöhung beraten müssen, treffen die Erhöhungspläne aber besonders - weil das Familieneinkommen zu hoch ist für eine Befreiung von den Gebühren, die Erhöhung aber dennoch jeden finanziellen Spielraum nimmt.

Viele Mütter, die wie sie nach Marburg zugezogen sind, können sich zudem nicht auf das vielfach noch funktionierende Hilfsgeflecht in der Familie verlassen. „Wir sind Binnen­emigranten, ohne das soziale Netzwerk Familie vor Ort.“

„Kinder dürfen nicht zum Luxus werden“, sagt Urdelowicz deswegen und zieht einen etwas schrägen Vergleich: Hunde oder Pferde seien Luxus, auf die die Stadt demnach deutlich höhere Steuern erheben könne, ehe sie höhere Gebühren für die Betreuung nimmt.

Was Helena Urdelowicz besonders aufregt, ist die Tatsache, dass in der Debatte um Kinderbetreuungskosten keine Visionen erkennbar sind. Auch in Marburg werde gerne mit dem Finger auf das Land oder den Bund gezeigt, wenn es um die Frage gehe, warum Kinderbetreuung nicht kostenfrei für die Eltern ist. „Kinderbetreuung kostenfrei zu stellen oder zumindest deutlich günstiger zu machen, ist eine kommunale Aufgabe“, sagt sie. „Und wenn man dazu keine Ideen hat, dann muss man eben in der Verwaltung gucken lassen, wo es gute Vorbilder gibt.“

Ein Kernproblem der Gesellschaft

In der Initiative werden solche Visionen diskutiert. Kurzfristig will man sich zunächst weiter gegen die Erhöhung der Gebühren wehren - laut und konsequent, so wie neulich, als sich Eltern das Rederecht in der Stadtverordnetenversammlung erstritten. „Wir kommen wieder“, kündigte Lisa Schröter, eine der Mitstreiterinnen von Helena Urdelowicz, damals an. Bis dahin will Urdelowicz mit allen Fraktionen im Marburger Stadtparlament gesprochen haben.

Bis dahin wird es sicherlich auch noch die ein oder andere öffentlichkeitswirksame Aktion gegeben haben. Helena Urdelowicz nimmt derweil Kontakt mit SPD-Mandatsträgern außerhalb von Marburg auf und hat schon erste Rückmeldungen: „Viele Sozialdemokraten sind entsetzt“, sagt sie und hofft, dass dieses Feedback Eindruck auf die Marburger SPD und den Magistrat macht. Sie selbst sagt, sie sei „als Arbeiterkind, als Migrantin enttäuscht von der SPD“ und hofft auf Einsicht bei den Mitgliedern des Stadtparlaments, die letztendlich über Gebühren zu entscheiden haben.

Letztendlich, so fasst sie ihre Argumente in einem Satz zusammen, geht es um ein Kernproblem dieser Gesellschaft: „Kinder, Familien und Eltern zur Kasse zu bitten für etwas, was andernorts umsonst ist, für etwas, was sie nicht zu verantworten haben,ist sehr kurzfristig gedacht, schadet der Demografie und dem sozialen Frieden, der arbeitenden Bevölkerung und der Gleichstellung der Geschlechter.“

von Till Conrad

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