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Besucher können Attraktionen ertasten

Gästeführungen für Blinde Besucher können Attraktionen ertasten

Bereits seit Frühjahr kann man Gästeführungen für Blinde buchen. Das Konzept haben Dr. Theresia Jacobi und Jürgen Hoffmann mit Hilfe der Blista entwickelt.

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Dr. Theresia Jacobi (links) ist eine der Stadtführerinnen, die Blinde auf eine andere Art und Weise die Sehenswürdigkeiten der Stadt näherbringen.

Quelle: Nadja Schwarzwäller

Marburg. Wie bringt man einem Menschen nah, was genau eine „dreischiffige Halle“ ist, wenn er sie nicht sehen kann? Wie kann ein Blinder die Ausmaße der Elisabethkirche erfassen? Wie sich die Größe und Anordnung von Gebäuden vorstellen? Die beiden Marburger Stadtführer Dr. Theresia Jacobi und Jürgen Hoffmann kamen auf die Idee, blinden und sehbehinderten Menschen Tastmodelle an die Hand zu geben, im wahrsten Sinn des Wortes.

Auf speziell konzipierten Gästeführungen für Blinde bekommt jeder Teilnehmer ein DIN-A-3-großes Modell, auf dem eben zum Beispiel der Innenraum der Elisabethkirche dreidimensional abgebildet ist – Außenmauern, Säulen und andere markante Punkte können ertastet werden und es gibt eine Legende in Braille-Schrift.

„Von außen nach innen beschreiben“

„Je mehr Sinne berührt werden, desto mehr hat der Mensch von einem Erlebnis“, sagt Dr. Theresia Jacobi. Und wenn ein Sinn fehle, dann müssen eben die verbleibenden Möglichkeiten bestmöglich genutzt werden. Im Falle von Sehbehinderten und Blinden müssen Dinge im übertragenen Sinne anschaulich gemacht werden. Durch Hören, Fühlen, Spüren.

„Von außen nach innen beschreiben“, lautet die Devise für die Gästeführer, erklärt Jürgen Hoffmann. Sprache ist ein wichtiges Element. Dabei muss immer die jeweilige Gruppe mit ihren Bedürfnissen im Vordergrund stehen. Ein so genannter „Geburtsblinder“ kann mit der Beschreibung von Farben in einem Gemälde nichts anfangen, ein Mensch, der erst im Lauf seines Lebens seine Sehkraft verloren hat, hingegen schon. Die Dimensionen in der Elisabethkirche kann man zum Beispiel dadurch veranschaulichen, dass man sich von der Gruppe entfernt und von weitem spricht, so Dr. Theresia Jacobi.

Fünf weitere Kollegen sind in Marburg inzwischen geschult, um die speziellen Touren anzubieten. Die mittelalterliche Bergstadt, die Elisabethkirche und ihr Umfeld, das Alltagsleben einer mittelalterlichen Stadt, die Gründungsresidenz des hessischen Landgrafenhauses sowie Altstadt und Gründungsresidenz können als Route gebucht werden.

Kooperation mit 
Blindenstudienanstalt

Wenn man zum Beispiel durch die Dominikanerpforte in die Oberstadt geht, ist es auch für Blinde möglich, die Topographie zu erfassen – Enge und Weite sind buchstäblich spürbar, sagt Dr. Theresia Jacobi. Das Fachwerk kann ebenfalls direkt „begriffen“ werden. Allerdings ist anfassen nicht überall möglich, zum Beispiel in der Elisabethkirche.

Die Konzepte entstanden in Zusammenarbeit mit einem Mobilitätstrainer der Blindenstudienanstalt (Blista). Von dort stammen auch die Vorlagen für die beiden Tastmodelle vom Umfeld des ehemaligen Deutschhausordens und der Elisabethkirche, erzählen die beiden Gästeführer.

Man hätte gern noch weitere Modelle zur Verfügung – das ist allerdings ein finanzielles Problem. Die Produktion von zweimal zwölf Modellen für die jeweiligen Teilnehmer der Führungen wurde über eine Privatspende und aus Mitteln des Vereins „Marburg für alle“ finanziert.

Der Verein, der die Förderung des Tourismus für Menschen mit Beeinträchtigungen zum Ziel hat, entstand nachdem Dr. Theresia Jacobi und Jürgen Marcus 2012 mit dem Jürgen-Markus-Preis der Stadt Marburg ausgezeichnet worden waren. Ihre erste Idee damals war es, touristische Angebote für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen zu entwickeln. Daraus entstanden die Stadterkundungen „Marburg auf leichten Wegen“, die seitdem zum Programm der Marburger Gästeführungen gehören. Die Führungen für Blinde und Sehbehinderte waren nun der konsequente nächste Schritt. Und an einem Konzept für Touren mit Hörgeschädigten wird bereits getüftelt.

von Nadja Schwarzwäller

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