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Besuch bei den "Schwaben" Tunesiens

Reise nach Sfax Besuch bei den "Schwaben" Tunesiens

Der Kontakt zum Partnerverein funktioniert bereits. Er soll aber noch weiter ausgebaut werden.

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Die alte arabische Medina und die von den französischen Kolonialherren auf der Meeresseite errichtete Neustadt stehen sich gegenüber. Foto: Stefan Diefenbach-Trommer

Sfax. Die etwa eine Million Einwohner der zweitgrößten tunesischen Stadt gelten als konservativ, quasi als die Schwaben des nordafrikanischen Landes.Denn sie halten ihr Geld zusammen und prassen nicht mit Wohlstand - sofern sie welchen haben. Touristen kommen selten in die Industriestadt am Mittelmeer. Wer will, kann in Sfax orientalisches Flair finden oder auch urbanes Leben, ebenso Armut am Stadtrand und Oliven-Plantagen. Das Spannendste jedoch ist ein zivilgesellschaftlicher Aufbruch nach dem arabischen Frühling, ein vielfältiges privates Engagement für die Stadt und für die eigenen Perspektiven.

Auch die Städtepartnerschaft ist nach vielen Jahren Bestand im Aufbruch, vor einigen Monaten hat sich in Marburg der „Freundeskreis Marburg-Sfax“ als Verein gegründet. Doch während Marburger einfach mit Reisepass und Flugticket nach Tunesien reisen können, gibt es in die andere Richtung Hürden: Der Reisepreis ist im Verhältnis zum Einkommen sehr viel höher, und für die Einreise muss zunächst ein Visum beantragt werden, welches das deutsche Konsulat oft verweigert.

Der 26-jährige Malek gehört zu denen, die den Aufbruch, die Revolution in Tunesien ermöglichten: 2011 wurde ihm zweimal der Facebook-Account gehackt, weil er dort von den Protesten berichtete und den Demonstranten Hinweise gab, wie sie sich gegenüber der Polizei verhalten und Gewalt verhindern können. Er verbarrikadierte sein Wohnviertel gegen Schlägerbanden, die von der Regierung bezahlt wurden, seine Eltern brachten Essen zu den Barrikaden. Malek ist Optimist: Nein, natürlich habe die Revolution ihre Ziele nicht erreicht. Regierende kümmerten sich weiter zu sehr um ihre eigenen Belange, wüssten zu wenig um die Bedürfnisse der Bevölkerung. „Wir sind auf dem Weg, es ist ein Übergangsprozess, der Zeit braucht“, sagt Malek. Bis heute ist er vernetzt mit Aktivisten des Aufstands, die mit kleinen Initiativen Sfax weiterentwickeln.

Die Revolution bedroht gesehen hat Malek vor allem durch die islamische Partei Ennahda. Vor der Parlamentswahl hat er mit Freunden und Familie gesprochen und immer wieder für die Wahlteilnahme geworben.

Mehrheit stimmt für säkulare Parteien

Als am 26. Oktober gegen 21.30 Uhr die erste Prognose auf dem Fernsehbildschirm erscheint, braucht es ein paar Minuten, bis von ihm und seinen Freunden eine große Anspannung abfällt: Eine ganz überwiegende Mehrheit hat für säkulare Parteien gestimmt, vor allem für das Bündnis „Ruf Tunesiens“ (Nidaa Tunis). Der Weg zu Freiheit und Demokratie geht weiter.

Der 24-jährige Moez fühlt sich noch lange nicht frei: Es sind eher die Traditionen, die ihn in Sfax behindern. Moez ist Musiker, spielt am liebsten Jazz und war im März mit der Band „Nostalgia“ beim MaNo-Festival in Marburg. Kneipen, in denen musiziert und sich getroffen wird, die fehlen ihm in Sfax. Mit seiner Musik kann er kaum auftreten, es fehlt an Möglichkeiten und an Publikum.

Sfax-Bilder sollen in Marburg ausgestellt werden

Doch Moez hat selbst einen Raum für Freiheit geschaffen: In seiner privaten Musikschule „Evoria“ im Stadtzentrum unterrichten er und Freunde Gitarre, Klavier, Violine und Gesang. Sie schaffen sich selbst damit ein Einkommen und für sich und andere einen der wenigen Treffpunkte für junge Leute außerhalb der Öffentlichkeit, in dem sie ihren Lebensstil teilen können.

Der Fotograf Hucem zeigt mit Begeisterung die Medina, die historische Altstadt von Sfax: Sie stammt aus dem 9. Jahrhundert, ist so gut erhalten wie wenige andere arabische Altstädte und ist noch heute der Ort für Handwerker und Geschäfte, der Platz der Souks. Hucem und andere möchten dieses nahezu einzigartige Ensemble zusammen mit der Neustadt, welche die französischen Kolonialherren im 19. und 20. Jahrhundert auf der Meeresseite vor der Medina errichteten, als Weltkulturerbe anerkennen lassen.

Schon heute arbeitet Hucem an der Aufwertung der Medina, ermutigt Restaurants, ihr Angebot zu erweitern, und möchte Stadtführungen organisieren. Doch die Stadtverwaltung gibt keine Genehmigung für kommerzielle Führungen.

Hucems Bilder von Sfax will der Freundeskreis Marburg-Sfax in Marburg ausstellen. „Die zahlreichen Gespräche vor allem mit jungen Menschen waren intensiv, ernsthaft und sehr darauf orientiert, Stadt und Land voranzubringen“, fasst Susanne Lohmiller ihre Eindrücke zusammen, die Vorsitzende des Freundeskreises in Marburg. „Der Kontakt zum Partnerverein funktioniert, es wird in Zukunft auch mehr und breitere Kontakte zu Initiativen der Zivilgesellschaft geben.“

Der Verein „Nahawand“ organisiert ein Musik- und Kulturfestival in Sfax, die Leute von „Outdoorsports“ klettern auf Felsen und in Höhlen, aus der Stadtverwaltung plant Wahid Hentati für 2016 den Auftritt von Sfax als arabischer Kulturhauptstadt - es gibt viele Anknüpfungspunkte für Vereine in Marburg. Der Freundeskreis Marburg-Sfax will die Kontakte herstellen. Manches wird auf persönlicher Ebene passieren: Der 13-jährige Theo beschließt während der Sfax-Reise: „Ich möchte von meiner Schule aus einen Austausch oder wenigstens Kontakte übers Internet mit Schülern in Sfax organisieren.“

Stefan Diefenbach-Trommer (Journalist und Arabist, Mitglied des Freundeskreises)

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