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Beschwerlicher Weg zum Schwimmbad

Behindertenbeirat fordert Bushaltestelle Beschwerlicher Weg zum Schwimmbad

Schwimmen gehen, ohne einen beschwerlichen und nicht ungefährlichen Fußmarsch auf sich nehmen zu müssen – das ist für sehbehinderte Marburger nicht ganz einfach. Es fehlt eine direkte Busverbindung zum Aquamar.

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Gerne würde Dr. Heinz Willi Bach vom Marburger Behindertenbeirat an der Haltestelle am Aquamar in einen Stadtbus steigen können. Der Volkswirt fordert eine verbesserte Erreichbarkeit des Schwimmbades für seh- und gehbehinderte Menschen.

Quelle: Ina Tannert

Marburg. Dr. Heinz Willi Bach vom Behindertenbeirat treibt gerne Sport, würde auch viel häufiger schwimmen gehen, die behindertengerechten Angebote des Aquamars nutzen – der Weg zu dem beliebten Freizeitbad ist dem Marburger jedoch einfach zu beschwerlich.

Bach verfügt nur noch über wenige Prozent seiner Sehkraft. Das Innere des Schwimmbades wurde blindengerecht gestaltet, regelmäßig gibt es Aqua-Jogging-Kurse für Sehbehinderte, lobt der Hochschuldozent das Angebot. „Das Aquamar ist das öffentliche Schwimmbad der Stadt, behinderte Menschen kommen jedoch nur schlecht dorthin“, kritisiert der Volkswirt. Sehbehinderte Menschen sind auf den Transport mit öffentlichen Verkehrsmitteln angewiesen, die Stadtwerke lehnten es bislang  ab, etwa eine bestehende Buslinie vom Erlenring über das Schwimmbad zu leiten.

Die Linien 3 und 6 halten regelmäßig in der Nähe des Aquamars, ohne einen komplizierten Fußweg ist das Bad jedoch nicht zu erreichen, kritisiert Bach. Von Westen her sind Fußgänger auf die Überquerung der Lahn über den „Hirsefeldsteg“ angewiesen. Von der anderen Seite her gilt es von der Cappeler Straße aus die Stadtautobahn über die Fußgängerbrücke zu überqueren. Viele hundert Schüler der Blindenstudienanstalt, sehbehinderte Studenten und Bürger würden um den Genuss einer blindengerecht konzipierten, doch schwer erreichbaren Freizeitgestaltung gebracht.

Das Problem betreffe gleichfalls Senioren, kleinere Kinder, Gehbehinderte, „alle Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind“, sagt Bach. Besonders in der kalten Jahreszeit sei die einsame Strecke über die Fußgängerbrücken gefährlich. Vor allem der hölzerne Hirsefeldsteg kann bei Frost äußerst tückisch werden, weiß Bach. Bei Nässe und Minusgraden vereisen die Holzbohlen, sehbehinderte Menschen bemerken dies nicht sofort, „das ist eine richtig gefährliche Situation.“

Vorwurf: Magistrat „zeigt sich hartleibig“

Hat man es über den Steg geschafft, warte als neues Hindernis ein schlecht beleuchteter Weg entlang des Uni-Sportgeländes auf die Fußgänger, der von Blinden nach Verlassen des Bades wiederum schlecht zu finden sei. Der großzügige Parkplatz vor dem Aquamar wurde nicht mit Orientierungshilfen wie etwa Leitlinien für Sehbehinderte versehen, erklärt Bach. Neben der allgemeinen Anbindung kritisiert der Marburger zudem die bestehenden Fahrtzeiten, wie etwa an der Haltestelle „Auf der Weide/Aquamar“. Diese wird lediglich bis 19.40 Uhr bedient. Das Schwimmbad hat wochentags jedoch bis 22 Uhr, am Wochenende bis 21 Uhr geöffnet.

In den vergangenen Jahren hat sich der Marburger Behindertenbeirat bereits mehrfach an den Magistrat gewandt, die direkte Anbindung des Aquamars an den ÖPNV beantragt. „Die Anträge wurden abgelehnt, man zeigt sich hartleibig“, erklärt Bach. Dabei sei genug Platz auf dem Gelände der Einrichtung, eine ausreichend große Haltestelle ist sogar direkt am Eingang vorhanden. Eine Anbindung an den Stadtbusverkehr sei jedoch nicht möglich: „Diese Haltestelle dient aktuell ausschließlich dem Schulverkehr für den Schwimmunterricht im Aquamar und wird nur nach vorhergehender Beauftragung durch die Stadt im freigestellten Schülerverkehr bedient“, erklärt der Magistrat. Das Aquamar sei mit den beiden oben genannten Haltestellen zudem ausreichend an den öffentlichen Linienverkehr angeschlossen.

„Eine darüber hinausgehende Verbindung wurde bereits vor Jahren getestet. Allerdings hat sich gezeigt, dass eine Auslastung dafür nicht gegeben war“, berichtet die Stadt. Die Anbindung auf Probe nach der Eröffnung des Bades im Jahre 2002 war eine gute Idee, die Maßnahme jedoch nicht ausreichend beworben, widerspricht Bach.

Der Hochschuldozent  hat mehrere Lösungsansätze für das Problem aufgestellt.

Vorschlag: Linie 10 oder 20 am Aquamar starten lassen

So könnten die Stadtwerke etwa die Erlenring-Linien mit einbeziehen oder auch die Linien 10 oder 20 am Aquamar beginnen beziehungsweise enden lassen – anstelle wie derzeit am Hauptbahnhof. Dem widerspricht die Stadt: Eine Veränderung der Linien „ist nicht angedacht und nach aktuellem Stand nicht realisierbar“. Für die dafür erforderlichen Schleifenfahrten über das Schwimmbad entstünde ein „erheblicher finanzieller Mehraufwand“.

Daneben würde sich „die Reisezeit für den weitaus überwiegenden Teil der Fahrgäste, die das Aquamar nicht besuchen möchten, um sechs bis acht Minuten verlängern“, teilte die Stadt mit. Aufgrund der Platzverhältnisse auf dem Schwimmbad-Parkplatz seien zudem Konflikte mit Falschparkern und damit Auswirkungen auf den gesamten Linienweg programmiert. Mit einer Umleitung der Linien 10 oder 20 würde man wiederum „die Universitätsbibliothek vom Hauptbahnhof abhängen und Städtetouristen die Möglichkeit nehmen, vom Hauptbahnhof direkt zum Schloss zu fahren“.

Die fehlende Anbindung habe jedoch gleichfalls Folgen für den Publikumsverkehr im Aquamar, sagt Bach. In den vergangenen Jahren nehme das sehbehinderte Klientel dort kontinuierlich ab, „der Weg ist einfach zu mühsam und gefährlich“, erklärt das Beiratsmitglied.

Die OP hat bei den Stadtwerken nachgefragt, ob nicht ein Anruf-Sammel-Taxi (AST) zum Aquamar fahren könne. Darauf antwortete die Pressestelle der Stadtwerke: „Das AST verbindet die Marburger Stadtteile mit der Innenstadt, wenn am Abend und am Wochenende keine regulären Linienbusse mehr verkehren. Tagsüber fährt kein AST.“ Auf erneute Nachfrage der OP sagte Stadtwerke-Geschäftsführer Norbert Schüren aber zu, noch einmal über die Frage nachzudenken, ob ein Bedarfsverkehr auf andere Art und Weise organisiert werden kann.

Am 15. September will der Behindertenbeirat über einen weiteren Antrag beraten.

von Ina Tannert
und Michael Arndt

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