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Beratung nur noch nach Voranmeldung

Sozialamt Beratung nur noch nach Voranmeldung

Seit Anfang des Monats hat das Marburger Sozialamt seine Sprechzeiten neu geregelt. Kritiker fürchten weniger Service für die Kunden.

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Das Sozialamt in Marburg berät seit Anfang des Monats Klienten nur noch nach telefonischer 
Terminabsprache.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. „Ab dem 1. September ist eine Vorsprache ohne eine vorherige Terminabsprache nicht möglich“: Auf dem ausgedruckten DIN-A4-Zettel auf den Fluren des Sozialamts steht in schönstem Amtsdeutsch, was Klienten erregt: eine Abkehr von dem Prinzip, dass jeder Bürger jederzeit zu den öffentlichen Verkehrszeiten Zugang zu jeder Dienststelle der Verwaltung haben sollte.

Die Begründung der städtischen Pressesprecherin Sabine Preisler: „Mit der Terminvereinbarung sollen für die Bürgerinnen und Bürger lange Wartezeiten auf dem Flur entfallen.“ Man habe mit der „Bestellsprechstunde“ in der Abteilung „Hilfe in besonderen Lebenslagen“ „schon seit vielen Jahren sehr gute Erfahrungen gemacht“ und wolle diese jetzt auch auf die Beratung in der Grundsicherung, zu der die Sozialhilfe gehört, ausweiten.

Der Sachbearbeiter könne den Termin bereits individuell vorbereiten, die Gesprächssituation sei entspannt und für den Bürger oder die Bürgerin würden schnelle Ergebnisse erzielt. „Wir können so noch gezielter helfen“, erklärt der Leiter des Fachdienstes Soziale Leistungen, Wolfgang Engler.

Ausnahmen „plausibel darlegen“

Robert Mohme hält diese Regelung für „sehr unsozial“. In einem Schreiben an die frühere Sozialdezernentin Dr. Kerstin Weinbach, das Mohme der OP zur Verfügung stellte, gibt er zu bedenken, dass es häufig einiger Geduld bedürfe, um telefonisch zu Dienststellen zu gelangen. Zudem hätten gerade ältere und auch sozial schwache Menschen Schwierigkeiten damit, ihre Anliegen verständlich zu formulieren.

„Daher ist oft der persönliche erste Kontakt, bei dem im Gespräch mit dem gesetzlich zur Hilfe verpflichteten Sachbearbeiter Anliegen formuliert werden können, wichtig“, gibt Mohme zu bedenken. Ganz soll die Tür des Sachbearbeiters für den Hilfesuchenden aber offenbar nicht verschlossen bleiben. „Wer kommt und plausibel darlegt, warum kein Termin vereinbart wurde, wird selbstverständlich auch beraten“, sagte Preisler auf die Nachfrage der OP.

Neuregelung sei Wunsch der Mitarbeiter

Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD), der zuständige Dezernent, geht auf Nachfrage der OP sogar noch einen Schritt weiter. Natürlich könne es passieren, dass die neue Regelung Kunden davon abhält, Beratung in Anspruch zu nehmen. „Wir brauchen deswegen auch weiterhin ein niedrigschwelliges Beratungsangebot“, sagte Vaupel der OP. „Das Sozialamt muss offen sein für alle Menschen, die unsere Hilfe brauchen.“

Die neue Regelung sei auf Wunsch der Mitarbeiter eingeführt worden, um die langen Warteschlangen auf den Fluren des Sozialamts zu verkürzen. „Die, die kommen und keinen Termin haben, werden nicht nach Hause geschickt“, so das Stadtoberhaupt, das zudem zusagt: „Wenn es wirklich nicht funktioniert, ändern wir die Regelung wieder.“ Mitarbeiter Marburger Gemeinweseninitiativen, die Sozialberatung betreiben, haben nach OP-Informationen bislang noch keine Informationen über negative Auswirkungen der neuen Regelung.

von Till Conrad

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