Volltextsuche über das Angebot:

26 ° / 13 ° Regenschauer

Navigation:
Benimm dich!

Kleine Knigge Schule Benimm dich!

Was Knigge empfiehlt, ist Gesetz. Alles quatsch, sagt der Marburger Knigge-Trainer Bertram Kasper. Es geht nicht um Gesetze sondern um Bauchgefühl.

Voriger Artikel
Keine Almosen sondern ein Recht
Nächster Artikel
Stötzel führt Fraktion
Quelle: Grafik: Nicola Uhlen

Manche nennen es Eiertanz – andere Etikette. Manche nennen es ein Schauspiel – andere schlichtweg Anstand. Bertram Kasper ist lizensierter Kniggetrainer. Er nennt es „Manieren“. Kasper, Geschäftsführer der Innovative Sozialarbeit GmbH“, schult Führungskräfte, Arbeitnehmer und Jugendliche in „Benimm“. Tausende Regeln kennt er. Und doch will er nur eine einzige Nachricht vermitteln: „Benimm macht nicht eng sondern frei.“
Bertram Kasper hat diesen Blick. Ein Blick, dem nichts entgeht. Aufmerksam – aber nicht durchbohrend. Wach – aber nicht gehetzt. Er beobachtet sein Umfeld. Sein Gegenüber. Die ganze Situation um sich herum. Glaubt man ihm, ist genau das der Schlüssel zu angemessenem Verhalten. „So lange ich mit offenen Augen herumlaufe, bekomme ich mit, welches Verhalten geht und welches nicht“, erklärt er. „Eine der wichtigsten Grundregeln ist, dass ich mich frage, wo ich mich befinde und mit wem ich unterwegs bin.“

Wer ist hier der König?

Eines macht der Kniggetrainer gleich klar: Nicht für jede Situation gibt es eine feste Regel. Wer unsicher ist, so der 50-Jährige, sollte nicht lange hadern. Lieber gleich fragen. Einfach frei heraus. Einfach ehrlich: „Wie soll ich mich verhalten? Wie ist hier die Kleiderregel? Wird sie geduzt oder gesiezt?“ Meist reiche aber auch die eigene Intuition, um eine Situation richtig einzuschätzen, gibt sich der zweifache Familienvater zuversichtlich.
Ein paar Leitlinien gibt es aber doch. Die Sache mit dem persönlichen „Du“ und dem höflichen „Sie“ beispielsweise. „Niemals sollte der Rangniedere dem Ranghöhreren das Du anbieten“, erklärt Bertram Kasper. Bei gleicher Position in einem Unternehmen hat der Ältere das Hoheitsrecht.

Und dann wäre da noch der Stolperstein mit der Begrüßung. Wer gibt eigentlich wem zuerst die Hand? Eine Frage, auf die der Kniggetrainer keine direkte Antwort weiß. „Das hängt auch wieder davon ab, mit wem sie wo unterwegs sind“, erklärt er. Ein Händedruck könne aber eine entscheidende Frage klären: Wer ist hier eigentlich der König. „In der Regel gibt der Ranghöhere dem Rangniederen die Hand. Dieser Moment des Wartens – ob der andere die Hand ausstreckt oder nicht – ist immer wieder spannend“, so Kasper. Regeln sind aber dafür da, um gebrochen zu werden. Hat jemand ein Anliegen – dann könnte er in der Position sein, die Hand zu reichen. Trifft er aber als Gast auf seinen Gesprächspartner, könnte die Hand-Schüttel-Hoheit wiederum auf Seiten des Gastgebers liegen. Aber wenn wiederum... Moment. Stop. Schluss. Welche Regel gilt denn nun, Herr Kasper? Der 50-Jährige grinst. Keine. Irgendwie. Und doch alle. Ort und Situation – darauf kommt es an. Und auf ganz viel Bauchgefühl.

Verschlüsselte Fragen – verschlüsselte Antworten

Bauchgefühl – das ist es auch, was in der nächsten Situation helfen könnte. Der Chef lädt zum Essen ein. Was genau darf eigentlich bestellt werden? Das teure Rinder-Filet oder doch nur der günstige Vorspeisenteller? Wein oder Wasser? Häufig, so Kasper, gebe der Gastgeber Hinweise, die es zu entschlüsseln gelte.
Wählt er selbst das Rinderfilet – dazu noch einen Nachtisch, abgerundet mit einem edlen Burgunder, dann ist klar: Hier ist Zeit und Geld eingeplant. Empfiehlt der Gastgeber ein Gericht, dann ist der Kostenrahmen automatisch abgesteckt. Was aber, wenn diese Hinweise fehlen? Einfach fragen: „Was darf ich bestellen?“ Kasper schüttelt den Kopf. Bloß nicht. Nicht in diesem Fall. „Das geziemt sich nicht“, sagt er tadelnd. „Ich kann Brücken bauen.“ Durch indirekte Fragen. Das beiläufige erkunden, wie viel Zeit für das gemeinsame Mittagessen eingeplant sei, könnte Aufschluss über die Anzahl der Gänge, die bestellt werden dürfen, geben. Eine halbe Stunde bedeutet: ein Gang. Mehr als eine Stunde hingegen könnte zumindest noch einen Blick in die Nachtischkarte erlauben. Direkter hingegen die Frage, welche Empfehlung der Gastgeber aussprechen würde. Verschlüsselte Fragen – verschlüsselte Antworten. Ein Eiertanz. Wieso einfach, wenn es auch kompliziert geht?
Weniger kompliziert sind hingegen folgende feste Regeln: Zahnstocher am Tisch benutzen ist ein Tabu. Das bestellte Essen nicht aufzuessen erlaubt. Das Essen ohne zu probieren liegenlassen – das gilt als verpönt. Hähnchen im Restaurant mit der Hand essen wiederum als zulässig – zumindest dann, wenn mit dem Gericht gleichzeitig ein Tuch und eine Schüssel Wasser gereicht werden. Und Alkohol? Alkohol ist geduldet. Nur lallen nicht.
Und auch beim Thema Small-Talk meldet sich der Knigge-Rat zu Wort. Ungezwungen soll es sein, niemals aber zu persönlich. Schwere Themen wie Gesundheit oder Politik sollten vermieden werden. Gespräche über Sport und Wetter hingegen gehen immer.
Kasper erzählt. Von Regel, Empfehlungen und Fettnäpfchen. Von innerer Freiheit und Sicherheit, die durch den richtigen Benimm vermittelt werden. Und dann reicht er zur Verabschiedung die Hand. Er, der Gastgeber. Sein Händedruck ist genau so fest, dass er noch Sekunden später zu spüren, so locker, dass er keinesfalls schmerzhaft ist. Angenehm. Einprägend. Auch so ein Knigge-Ding.

Hintergrund:

  • Der Deutsche Knigge-Rat, der sich aus ehrenamtlichen Mitgliedern zusammensetzt, hat sich zum Ziel gesetzt, den respektvollen Umgang von Menschen zu fördern. Die Mitglieder treffen sich regelmäßig, um zeitgemäße Empfehlungen zu geben.
  • Was in Deutschland als „manierlich“ gilt, kann in anderen Kulturen verpönt sein. Deshalb gibt es nicht nur Knigge-Schulungen sondern auch sogenanntes „Cross-Culture-Training“. Laut Knigge gilt jedoch: Die Kultur des Gegenübers hat Vorrang.

von Marie Lisa Schulz

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr