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Belgischer Historiker sucht Zusammenarbeit

Dinant Belgischer Historiker sucht Zusammenarbeit

Neben einer Delegation der Stadt Marburg besuchten auch die Naturfreundejugend und die Kameradschaft Marburger Jäger die Gedenkfeiern zum 1. Weltkrieg in Dinant.

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Schlichte Kreuze erinnern auf dem französischen Soldatenfriedhof oberhalb von Dinant an die Opfer der Schlacht um die belgische Kleinstadt 1914.Foto: Till Conrad

Dinant. „Im Gedenken an die Kriegsverbrechen - mit der Bitte um Entschuldigung und Versöhnung“ stand auf den Schleifen des Kranzes, den Heinrich Löwer und Dr. Kerstin Weinbach vergangene Woche auf dem Soldatenfriedhof oberhalb der belgischen Kleinstadt Dinant niederlegten (die OP berichtete). Der Magistrat und die Stadtverordnetenversammlung gedachten der Schreckenstage vor genau 100 Jahren. Beim Vormarsch der deutschen Truppen durch Belgien Richtung Paris war es am 15. August 1914 zu heftigen Kämpfen um Dinant gekommen und am 23. August zu einem Massaker an der Zivilbevölkerung mit 674 Toten und der Zerstörung der Stadt. Die Stadt Marburg erkennt diese Taten ausdrücklich als Kriegsverbrechen an, die Bundesrepublik Deutschland entschuldigte sich im Jahr 2001 ausdrücklich dafür.

Unter anderem wegen dieses Kriegsverbrechens war es in Marburg zu einer intensiven Debatte über die Rolle der „Marburger Jäger“ gekommen, die sich an der Aufstellung eines Gedenksteins in Ortsteil Bortshausen entzündet hatte.

Auch die Marburger Naturfreundejugend waren mit einer kleinen Delegation in Dinant, um der Opfer zu gedenken. Gemeinsam mit Vertretern der belgischen Naturfreundejugend legte die Marburger Delegation unter der Leitung von Dr. Sabine Wendt im Ortskern einen Blumenstrauß am Gedenkstein für die zivilen Opfer der Schlacht und des Massakers nieder. Die Bundesorganisation der Naturfreunde hatte im Vorfeld vergeblich eine Geste der Bundeskanzlerin gefordert: „Warum fehlt ihr die Fähigkeit zu trauern, warum schweigt sie zur Kriegsschuldfrage?“, schrieb der Bundesvorsitzende Michael Müller.

Für die Kameradschaft Marburger Jäger war Herbert Gassen nach Dinant gereist. Laut Pressemitteilung überreichte er Dinants Bürgermeister eine Spende für das Denkmal für den damaligen in der Schlacht um Dinant verwundeten Lieutenant Charles de Gaulle, dem späteren Präsidenten Frankreichs. In seiner Pressemitteilung sagte Gassen weiter, dass die Begegnungen mit vielen Bürgern der Stadt Dinant in „freundschaftlicher Atmosphäre“ verlaufen seien. Gassen stellte sich als Sohn eines aktiven Angehörigen des Kurhessischen Jägerbataillons Nr. 11 vor. Ausdrücklich lehnte der Bevollmächtigte eine „gegenseitige Bekanntmachung“ mit Vertretern der Stadt ab, die ihm „nicht persönlich bekannt“ sind. Anlass ist wohl die Aufforderung der Stadt an die Kameradschaft Marburger Jäger, den Stein in Bortshausen zu entfernen, gegen die sich die Kameradschaft gerichtlich wehrt; Hintergrund ist die Einordnung der Rolle der Marburger Jäger und der Umgang mitdieser Rolle durch die Kameradschaft.

Der belgische Historiker Professor Axel Tixhon, der in Dinant geboren und aufgewachsen ist und an der Universität von Mamur Neuere Geschichte mit einem Schwerpunkt „Geschichte des Ersten Weltkriegs“ erforscht, sagte im Gespräch mit der OP zu dieser Rolle, die Studie der Marburger Geschichtswerkstatt, die von der Stadt in Auftrag gegeben worden sei, sei eine „sehr gute Arbeit“. Er verwende sie als Lehrmaterial an der Universität. Tixhon beschäftigt sich derzeit unter anderem mit der Frage, warum das Kurhessische Jägerbataillon Nr. 11 „urplötzlich“ in einer sonst ausschließlich sächsischen Armee aufgetauscht sei. Zur Frage der Beteiligung Marburger Jäger an Exekutionen am 23. August 1914 verwies er auf mündlich weitergebene Hinweise von Soldaten aus der sächsischen Armee, die mindestens einen Ort im Stadtzentrum identifizierten, an denen Zivilisten aus Dinant von Kommandos auch unter Beteiligung des Jägerbataillons erschossen worden seien. Weitere Forschungen seien notwendig, sagte Tixhon, der Interesse an einer Zusammenarbeit mit der Marburger Geschichtswerkstatt bekundete.

In den vergangenen Wochen hatten wiederum aus Marburg auch mehrere Stadtverordnete, Geschichtswerkstatt, Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und Naturfreundejugend ihr Interesse an einem Besuch in Dinant bekundet.

von Till Conrad

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