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Beinarbeit ist Handarbeit

Orthopäde Beinarbeit ist Handarbeit

Mit beiden Beinen fest im Leben stehen. Ohnehin nicht einfach. Noch schwerer aber, wenn das Bein durch eine Krankheit oder einen Unfall amputiert wurde. Zu Besuch beim Prothesen-Hersteller.

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In der Ecke steht ein Bein. Teuer wie ein neuer Kleinwagen. Wohlbemerkt einer, der mit Sonderausstattung kommt. Das Bein verfügt über die ein oder andere technische Spielerei. Ein Mikroprozessor gesteuertes Kniegelenk beispielsweise, das die Beug- und Streckbewegung unterstützt. Ansonsten kann es - technisch gesehen - nicht viel. Aber Technik ist nicht alles. Es gibt Halt. Nicht nur physisch. Auch psychisch. Die Beinprothese ist mehr ,als eine orthopädische Meisterleistung. Sie hilft Haltung zu bewahren und wiederzufinden.

Holzprothesen gehörender Vergangenheit an

Sie kann den festen Stand im Leben wiedergeben. Und manchmal - manchmal muss sie trotzdem zur Wartung in die Werkstatt. Hier ein paar Schrauben nachgezogen, da der Schaft wieder an den Stumpf angepasst. Es ist ein Handwerk. Eines, das Fingerspitzengefühl im Umgang mit dem Material und mit dem Kunden verlangt. Gunnar Beck beherrscht dieses Handwerk. Seit über 25 Jahren arbeitet er als Orthopädie-Techniker-Meister. Er hat sogar schon Sportler zu den Paralympics in Athen begleitet. Dieses Kapitel gehört zu den Glanzseiten seines Berufes. Die Schattenseiten hingegen können niederschmetternd sein. Schon unzählige Male hat er an Krankenbetten gesessen und mit jungen und alten Patienten über ihr neues Leben mit Prothese gesprochen. Beck nimmt Illusionen. Er ist ein Freund der knallharten, unbequemen Realität. „Mit einer Prothese bekommt man nicht einfach einen neuen Arm oder ein neues Bein und kann alles wieder so machen wie früher. Es ist ein Hilfsmittel.“

Aber eines, das Normalität und Alltag wieder geben kann. Eines, in das Orthopädie-Techniker-Meister Beck viel Zeit investiert. An die 80 Stunden braucht er, um eine individuelle Beinprothese anzufertigen. Die Kunst, so der 44-Jährige, sei es, die Prothese optimal an die Bedürfnissen des Trägers anzupassen. „Ich muss vorher klären, für was genau die Prothese genutzt werden soll.“ Müssen viele Treppen gestiegen werden? Wie ist die körperliche Verfassung? Jede Prothese ist ein Einzelstück. Besonders viel Zeit nehme der Schaft, der Übergang zwischen Stumpf und Prothese, in Anspruch, erklärt der 44-Jährige. „Die größte Herausforderung ist es, den zu modellieren. Da kann man alles richtig oder alles falsch machen“, sagt Beck. Manchmal weiß er schon während des ­Arbeitsprozesses, dass die Prothese nur selten zum Einsatz kommen wird. Stattdessen wird sie in der Ecke landen. Verstaubt und ausrangiert. Manchmal, so beobachtet der 44-Jährige, scheint mit der Amputation auch Lebenswille verloren gegangen zu sein. Trotzdem: Gunnar Beck spricht von einem sinngebenden Beruf. „Wenn die Menschen zufrieden den Laden verlassen - das ist schon ein gutes Gefühl.“

Mit 16 begann er seine Lehre. Damals war technischer Schnickschnack noch Zukunftsmusik. Statt Kunststoff und Karbon wurde Holz verarbeitet. „Damals habe ich aus einem viereckigen Holzklotz einen Schaft geschliffen“, erinnert sich Beck. Ein wahrer Handwerksberuf eben. „Eines ist in all den Jahren gleich geblieben: Ich muss mal grob und mal feinfühlig arbeiten.“ Mit dem Material - und mit den Kunden. „Es gibt viel Entwicklung in diesem Berufsfeld.“ Was heute als Standard zählt, war vor einigen Jahren noch undenkbar. „Wenn man bei einer Armprothese einzelne Finger bewegen kann - was will man mehr?“, fragt Beck. Im nächsten Atemzug gibt er sich selbst die Antwort: man will weiter weg von dem Gefühl eines Fremdkörpers. Das Trage-Gefühl sollte natürlich sein. Die Optik nicht. Zumindest nicht zwingend. Denn auch in der Orthopädie-Technik gibt es Modetrends. Älteren Kunden, so Beck, sei die „Kosmetik“ um die Prothese wichtig. Sie wollen nicht, dass man die Prothese auf den ersten Blick erkennt. Mit beigem Stoff werden Wade und Knie nach modelliert. Jüngere Kunden seien da mutiger. Sie verzichten häufiger auf die Verkleidung. Frei nach dem Motto: „Zeigen was man hat - wenn man schon nichts hat.“ Beck mag diese Einstellung. Mag es, wenn Menschen zu ihrer Behinderung stehen. „Es kommt doch drauf an, was man daraus macht.“

Viele Amputationendurch Gefäßerkrankungen

Etwa 50000 Amputationen gibt es jährlich in Deutschland. Vom kleinen Finger bis zum Bein. „Viele Betroffene sind schon älter. Gefäßerkrankungen und Diabetes sind die Hauptursache“, weiß Beck. Unfälle eher die Ausnahme. Es sind Schicksale und Lebensgeschichten, die in der kleinen Werkstatt im Weidenhäuser Sanitätshaus erzählt werden. Zwischen schweren Maschinen, Winkeln, Bohrern und Schleifgeräten stapelt sich auch die Hoffnung. Hoffnung auf einen Hauch Normalität und Alltag. Hoffnung darauf, das alte Leben wiederzubekommen. Beck arbeitet nicht mit dem Material Hoffnung. Er verwendet lieber eine Extraportion Realität. Das gibt den besseren Halt „Es wird nicht wie früher“ - betont er. Nicht unbedingt schlechter. Einfach anders.

von Marie Lisa Schulz

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