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Bei Infektionsverdacht in Quarantäne

Windpocken im Flüchtlingslager Bei Infektionsverdacht in Quarantäne

Mediziner erläutern nach dem Ausbruch von Windpocken im FlüchtlingsCamp in Cappel die Gefahren, die von der Infektionskrankheit ausgehen. Flüchtlinge, Menschen aus Krisengebieten seien „häufig nicht geimpft“.

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Im Flüchtlings-Camp auf dem Sportplatz entlang der Umgehungsstraße ist ein Bewohner an Windpocken erkrankt. Die Behörden fürchten eine Ausbreitung der Infektion in den kommenden Tagen. Ein Quarantäne-Zelt ist eingerichtet.

Quelle: Björn Wisker

Marburg. „Eine Ärztin war nach Bekanntwerden des ersten Falls sofort vor Ort, erkannte aber bislang bei keinem anderen Symptome“, sagt Gabriele Fischer, Sprecherin des Regierungspräsidiums Gießen. Aufgrund der Inkubationszeit, die Medizinern zufolge zwischen 10 und 21 Tagen liegt, lasse diese erste Untersuchung aber keine Prognose für den Verlauf im Cappeler Flüchtlings-Camp zu. Die Behörde rechnet mit einem Anstieg der Fallzahlen in den kommenden Tagen. Sollten ab sofort bei Bewohnern Windpocken-Symptome auftreten, werden sie in ein Quarantäne-Zelt verlegt, um die Virus-Verbreitung zu minimieren.

Nur wer im Flüchtlings-Camp nachweislich immun gegen die Krankheit ist, könne noch aus der Einrichtung in eine andere Stadt verlegt werden. Problem: Während Windpockenimpfungen in Deutschland zu den Standardimpfungen gehören, werden sie in Krisen- und Kriegsgebieten kaum durchgeführt. „Das Gesundheitssystem in diesen Ländern steht kopf“, erklärt Professorin Annette Becker von der Abteilung für Allgemeinmedizin, Präventive und Rehabilitative Medizin an der Philipps-Universität. Daher sei davon auszugehen, dass Menschen aus Krisengebieten „häufig nicht geimpft“ sind. Das bestätigt auch Gabriele Fischer, fußend auf Erfahrungen in der Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen.

Die Hilfseinrichtungen in der Nachbarschaft des Camps sind über den Krankheits-Ausbruch informiert: „Mitarbeiter  des DRK sowie die ehrenamtlichen Helfer wurden auf die allgemeinen Impfempfehlungen aufmerksam gemacht“, sagt Markus Morr, Landkreis-Sprecher auf OP-Anfrage.

2014 haben Ärzte nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) deutschlandweit mehr als 22 000 Windpockenkranke gemeldet – das waren mehr als doppelt so viele Infektionen wie im Jahr 2013. Jedoch muss die Erkrankung auch erst seit Inkrafttreten des Infektionsschutzgesetzes im März 2013 den Behörden gemeldet werden. Beim RKI geht man davon aus, dass es vor der allgemein empfohlenen Impfung (im Jahr 2004) rund 750 000 Erkrankte pro Jahr gab.
„Windpocken treten sehr häufig auf, sind aber harmlos“, sagt Professor Stephan Becker, Direktor des Instituts für Virologie an der Philipps-Universität. Nur in höchstens 0,1 Prozent der Fälle komme es zu Komplikationen wie Lungen- oder Hirnhautentzündungen.

Marburger Mediziner raten zu Nach-Impfungen

„Die Infektion im Flüchtlings-Camp stellt keine Gefahr für die Marburger Bevölkerung dar“, sagt er. Aufgrund der hohen Ansteckungsgefahr raten aber sowohl er als auch Annette Becker den Marburgern dazu, ihren Impfschutz zu überprüfen und sich eventuell nachimpfen zu lassen. Dies trifft insbesondere auf die zu, die vor der Einführung der Windpockenimpfung (vor 2004) geboren wurden. Zudem sollten Schwangere und immungeschwächte Menschen den Kontakt zu Infizierten „unbedingt vermeiden“, sagt Annette Becker.

Hintergrund: Windpocken sind eine Erkrankung, die durch Tröpfcheninfektion übertragen werden. Sie treten vorwiegend bei Kindern im Vorschulalter auf, weshalb man sie auch zu den Kinderkankheiten zählt. Die Infizierten leiden im Wesentlichen unter Fieber und einem charakteristischen, juckenden Hautausschlag mit wasserklaren Bläschen. In den meisten Fällen verläuft die Infektion harmlos. In seltenen Fällen können Komplikationen in Form von bakteriellen Entzündungen der Haut, sogenannten „Superinfektionen“ und, bei Erwachsenen, Lungen- und Hirnhautentzündungen auftreten. Einmal durchlebt, führen die Windpocken bei der Mehrzahl der Infizierten zu einer lebenslangen Immunität. Der Erreger der Windpocken ist das sogenannte Varizella-Zoster-Virus. Etwa 20 Prozent der Menschen, die eine Infektion durchgemacht haben, erkranken nach Angaben der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft in ihrem weiteren Leben mindestens einmal an einer Gürtelrose. Bei einem geschwächten Immunsystem, auch bedingt durch Stress, können demnach diese Viren reaktiviert werden, was die Gürtelrose verursacht.

von Björn Wisker
und Ruth Korte

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