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Behinderten-Lobbyist geht von Bord

Lebenshilfe Behinderten-Lobbyist geht von Bord

Mit einem feierlichen Festakt wurde Dr. Bernhard Conrads am Freitag im historischen Saal des Marburger Rathauses als Bundesgeschäftsführer der Lebenshilfe verabschiedet.

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Der Bundesvorsitzende Robert Antretter (von links), Dr. Bernhard Conrads mit der Ehrenmitgliedsurkunde und seine Nachfolger Klaus Lachwitz und Ulrich Bauch.Uwe Badouin.

Quelle: Uwe Badouin

Marburg. 30 Jahre lang war Dr. Bernhard Conrads für die in Marburg und Berlin ansässige Bundesvereinigung Lebenshilfe tätig, 20 Jahre davon als Bundesgeschäftsführer. Jetzt geht der bundesweit geschätzte Lobbyist für die Belange geistig behinderter Menschen von Bord – aber nicht ganz: Conrads ist Mitorganisator des Weltkongresses von Inclusion International 2010 in Berlin, er bleibt Vizepräsident von Special Olympics Deutschland und Mitglied des Kuratoriums der Deutschen Behindertenhilfe „Aktion Mensch“.

Conrads hat in den vergangenen drei Jahrzehnten den großen Sozialverband maßgeblich geprägt – sowohl innerhalb der Verbands-Strukturen als auch in der Öffentlichkeit. Und dies scheint ihm ausgesprochen gut gelungen zu sein, wie die große Zahl der Gratulanten im Rathaussaal und die Lobeshymnen der Redner zeigten, in denen viel Wehmut mitschwang.

„Es ist noch nicht lange her, seit Menschen mit Behinderung in verantwortungsvoller Funktion sind. Sie haben sich dafür eingesetzt“, sagte etwa Achim Wegmer, einer von drei Behinderten im Bundesvorstand der Lebenshilfe, bei der Begrüßung an die Adresse des Jubilars. Conrads wurde am Freitag eine Woche nach seinem 65. Geburtstag ein weiteres Mal gefeiert – diesmal nicht von Familie und Freunden, sondern von politischen und beruflichen Weggefährten.

Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) würdigte ihn als Mann, der sich stets für den Abbau von Vorurteilen eingesetzt habe. Vaupel betonte: „Marburg ist dankbar und auch ein wenig stolz, dass die Bundesvereinigung Lebenshilfe hier beheimatet ist.“ Den Umzug zentraler Teile nach Berlin könne er nachvollziehen, er bedaure ihn gleichwohl, denn Marburg sei ein ausgezeichneter Standort für Selbsthilfeorganisation.

Der international anerkannte Sozialrechtler Klaus Lachwitz (63) hat 27 Jahre an der Seite von Conrads in der Geschäftsführung der Bundesvereinigung gearbeitet. Gemeinsam mit Geschäftsführer Ulrich Bauch (44) wird er künftig eine Doppelspitze in der Bundesgeschäftsführung bilden. Die Bundesvereinigung vertritt die Interessen von 135.000 Mitgliedern, die 16 Landesverbänden und 527 örtlichen Vereinigungen organisiert sind. In 3.200 Einrichtungen fördern und begleiten 60.000 Mitarbeiter 170.000 behinderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene.

„Kämpfen und beschützen, behüten ohne einzuengen, das ist unsere Aufgabe“, sagte Lachwitz. So hat auch Conrads seine Aufgaben aufgefasst. Lachwitz charakterisierte ihn als Mann, der nie polarisiert, sondern stets um Kompromisse gerungen habe. Als zentralen Charakterzug hob er Conrads Talent hervor, zu versöhnen.

Der Bundesvorsitzende der Lebenshilfe, Robert Antretter, würdigte Conrads als „einen der erfolgreichsten Leistungsträger unserer Organisation seit ihrem Gründer Tom Mutters“. Conrads war nach Mutters erst der zweite Bundesgeschäftsführer in der 51-jährigen Geschichte der Bundesvereinigung. Mutters, der die Lebenshilfe 1958 in Marburg gründete, konnte an der Feier nicht teilnehmen.

Als der Unternehmensberater Conrads 1979 zur Lebenshilfe wechseln wollte, nannte ihn sein damaliger Chef einen „Sozialspinner“. „Dieser Mann sollte Recht behalten, auch wenn er vom Sozialspinner vermutlich eine andere inhaltliche Vorstellung hatte als die, die Bernhard Conrads anschließend für die Menschen mit Behinderung praktizierte“, sagte Antretter. Conrads habe mit großem Geschick soziale Netzwerke gesponnen und Politik und Gesellschaft für die Belange der Menschen mit geistiger Behinderung gewinnen können. So hat etwa die Aktion Mensch (früher Aktion Sorgenkind) seit 1977 Zuschüsse in Höhe von mehr als 401 Millionen Euro für Lebenshilfeeinrichtungen bewilligt.

Mit dem Namen Conrads verbunden sind unter anderem der Aufbau der Lebenshilfe-Struktur in den neuen Bundesländern und der Lebenshilfe-Medienpreis Bobby. Conrads wurde für seine Verdienste zum Ehrenmitglied ernannt.

Seinen besonderen Dank richtete der Geehrte an seine Familie und die Gruppe der „Süßen Frauen“ vom Bremer Blaumeier Atelier, die die Gäste empfingen und zwischen den vielen Reden unterhielten. Für die Lebenshilfe blicke er zuversichtlich in die Zukunft.

von Uwe Badouin

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