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Behandlung in Tagesklinik erfolgreich

Forschung Marburg Behandlung in Tagesklinik erfolgreich

Magersucht lässt sich in einer Tagesklinik ebenso gut behandeln wie bei einem stationären Klinikaufenthalt. Dies ist das Ergebnis einer Studie, an der die Medizinstatistikerinnen Dr. Nina Timmesfeld und Dr. Astrid Dempfle mitgearbeitet haben.

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Eine junge Frau betrachtet sich in einem Zerrspiegel – mal sehr schlank und mal dicker. Magersucht ist eine Krankheit, an der vor allem Mädchen in der Pubertät leiden. Archivfoto

Marburg. Magersucht (Anorexia nervosa) ist eine Krankheit, an der in den Industrieländern vor allem junge Frauen in der Pubertät zwischen 11 und 18 Jahren leiden. Sie geht einher mit einer rasanten Gewichtsabnahme und weiteren schweren seelischen und körperlichen Folgen. „Magersucht ist die dritthäufigste chronische Erkrankung des Jugendalters“, erklärt die Marburger Medizinstatistikerin Dr. Astrid Dempfle, die die Studie mit verfasst hat.

„Die Krankheit ist grundsätzlich behandelbar, sogar völlig heilbar“, erläutert die Kinder- und Jugendpsychiaterin Professorin Beate Herpertz-Dahlmann (Universität Aachen), die die Studie initiiert hat. Bei Patientinnen mit Magersucht könne Psychotherapie langfristig helfen. Bisher war in der Fachwelt anerkannt, dass zur Behandlung ein vollstationärer Klinikaufenthalt mit einer Dauer zwischen 10 und 20 Wochen notwendig war. Doch die durchgehende Therapie im Krankenhaus bringt auch eine hohe Rückfallquote mit sich, weil die Patientinnen die lange Zeit in der Klinik auch als belastend empfinden können und zwischenzeitlich den Kontakt zu ihrem gewohnten sozialen Umfeld verlieren, womit zusätzliche psychische Probleme verbunden sein können.

Eine Alternative könnte eine Behandlung in der Tagesklinik darstellen, bei der die Patientinnen im Anschluss an einen obligatorischen dreiwöchigen Kliniksaufenthalt zu Beginn dann nur noch immer montags bis freitags von 8 Uhr bis 17 Uhr in der Klinik behandelt werden und ansonsten die restliche Zeit zu Hause verbringen.

Die langwierige und oft schwierige Trennung der jungen Frauen von ihrer Familie und ihren Freunden kann dadurch auf ein geringeres Zeitmaß reduziert werden.

Doch wie wirksam ist die tagesklinische psychotherapeutische Behandlung der Anorexia nervosa? Zur Beantwortung dieser Frage kamen die Expertinnen vom Institut für Biometrie an der Marburger Universität ins Spiel.

Sie waren an der Studie der Aachener Professorin beteiligt, die sechs Jahre lang lief und deren Ergebnisse jetzt in der internationalen Medizin-Fachzeitschrift „Lancet“ veröffentlicht wurden. „Ziel der Studie war es, die Heilungsergebnisse der tagesklinischen und der stationären Behandlung zu vergleichen“, erklärt die Medizinstatistikerin Dr. Nina Timmesfeld, Juniorprofessorin an der Marburger Universität.

Die Forscherinnen hofften darauf, die Effektivität der Behandlung in der Tagesklinik nachzuweisen. „Die tagesklinische Behandlung ist nicht schlechter“, fasst Nina Timmesfeld das Ergebnis zusammen.

Die Marburger Forscherin war maßgeblich daran beteiligt, die Messkriterien für die Studie mitzuentwickeln (siehe Artikel unten). Als hauptentscheidender Punkt für den Erfolg einer Therapie wurde die Gewichtszunahme bestimmt. Das Ergebnis: Die tagesklinischen Patientinnen hatten ein Jahr nach ihrer Aufnahme in das Krankenhaus nicht weniger stark zugenommen als die Patientinnen in der Vergleichsgruppe, die stationär behandelt wurden.

Komplikationen im Therapieverlauf traten nach Angaben von Timmesfeld selten auf und erwiesen sich als gut beherrschbar. In beiden Gruppen seien sie aber gleich häufig gewesen.

Und es gibt noch einen weiteren Pluspunkt der tagesklinischen Behandlung: Sie ist mit einer Kostenersparnis von rund 20 Prozent verbunden.

Noch sind die Daten für die Überprüfung der Patientinnen nach einer Zeit von zweieinhalb Jahren nach dem Therapiebeginn nicht komplett ausgewertet. Doch erste Erkenntnissen deuten darauf hin, dass die Zahl der Rückfälle bei den „Tagesklinik“-Patientinnen offenbar deutlich geringer sein könnte. Das wäre ein weiterer Hinweis darauf, dass dieser Therapieansatz erfolgversprechend sein könnte.

Damit nun die Erkenntnisse aus der Forschung auch flächendeckend in die klinische Praxis umgesetzt werden, müsste die tagesklinische Versorgung von Magersucht-Patientinnen deutschlandweit in die Regelversorgung umgesetzt werden.

Die beiden Marburger Medizinstatistikerinnen haben im Lauf der Studie nicht nur viele Daten erhoben und ausgewertet. „Ich habe auch einiges über die Anorexie gelernt“, berichtet Nina Timmesfeld.

Besonders berührt hat sie, dass einige der an der schweren Magersucht erkrankten jungen Frauen sogar an den Folgen der Krankheit sterben oder so sehr daran verzweifeln, dass sie Selbstmord begehen. Glücklicherweise konnte ein solch dramatischer Krankheitsverlauf bei allen Patientinnen der Studie verhindert werden.

von Manfred Hitzeroth

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