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Begleitung auf der Suche nach Sinn und Identität

Konfirmandenarbeit Begleitung auf der Suche nach Sinn und Identität

Junge Menschen für den christlichen Glauben und die Zugehörigkeit zur Kirche zu begeistern - das ist eines der zentralen Ziele der Konfirmandenarbeit. Die Landeskirche zeigt dazu neue Wege auf.

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Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Die Evangelische Kirche Kurhessen-Waldeck nimmt das 475-jährige Bestehen der Konfirmation im Jahr 2014 zum Anlass, neu über Konfirmandenarbeit nachzudenken. „Das aktuelle Konzept dafür stammt aus dem Jahr 1988/89“, erklärt Pfarrerin Claudia Rudolff, Studienleiterin für Konfirmandenarbeit in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW).

Fast 25 Jahre alt ist die so genannte Rahmenverordnung zum Konfirmandenunterricht - in dieser Zeit hat sich viel verändert. „Im Blick auf die Jugendlichen veranschaulicht allein deren Mediennutzung den Wandel ihrer Lebenswelten“, nennt Rudolff ein Beispiel, „soziale Netzwerke wie Facebook, PC-Nutzung, Handy oder Smartphone sind für Jugendliche mittlerweile selbstverständlich und prägen ihr Leben, waren aber zum damaligen Zeitpunkt nicht geläufig oder noch gar nicht erfunden.“ Oder der Wandel in der Schullandschaft: Die Einführung des verkürzten Gymnasialgangs G 8, die Ausweitung der Ganztagsschulen mit ihrem Nachmittagsprogramm - alles Dinge, die sich auf die Konfirmandenarbeit auswirken, wie Rudolff verdeutlicht.

Die EKKW hat sich in den Jahren 2007 bis 2009 an der ersten bundesweiten Studie zur Konfirmandenarbeit beteiligt - Konfirmanden und Eltern wurden befragt. „Die Auswertung hat es nahegelegt, von der Konfirmandenarbeit als einem Erfolgsmodell mit Verbesserungspotenzial zu sprechen“, erklärt Rudolff. Die Ergebnisse dieser groß angelegten Untersuchung mit 11000 Konfirmanden, 5700 Eltern und 1500 Mitarbeitern sind eingeflossen in den Entwurf für ein neues Konzept zur Konfirmandenarbeit. Darin will die Kirche das, „was sich bewährt hat, aufnehmen und weiterführen, aber auch neue Antworten formulieren“, sagt Rudolff.

90 Prozent evangelischer Jugendlicher melden sich an

Der Entwurf für das Konzept wurde von einem Beirat erarbeitet. Seit September 2012 wird er nach und nach in allen Kreissynoden vorgestellt - im Kirchenkreis Kirchhain war Rudolff schon zu Gast. Bis Herbst 2013 geben alle Synoden ihre Stellungnahme ab, die der Beirat dann sichtet. „Gegebenenfalls wird die Konzeption dann überarbeitet“, sagt Rudolff und kündigt an, dass das neue Programm im Frühjahr 2014 von der Landessynode beraten und verabschiedet werden soll.

90 Prozent der evangelischen Jugendlichen in Deutschland melden sich zum Konfirmandenunterricht an. Das geht aus der bundesweiten Studie hervor. „Die Gesamtzufriedenheit mit der Konfirmandenarbeit ist sowohl bei Jugendlichen als auch Eltern sehr hoch“, führt Rudolff aus. Die Studie habe gezeigt, dass das kirchliche Angebot „als inklusives Bildungsgeschehen, schulform- und milieuübergreifend“ geschätzt werde.

Die Gemeinschaft in der Konfirmandengruppe, die Begegnung mit Jugendlichen aller Schulformen und das Wiedersehen mit früheren Grundschulfreunden: 70 Prozent der befragten Konfirmanden gaben in der Studie an, dass sie dies besonders schätzen. „Die Studie zeigt auch, dass die Zufriedenheit mit der Konfirmandenarbeit steigt, wo Teamer und Ehrenamtliche mitwirken“, fasst Rudolff zusammen. Deutlich wurde durch die Befragung, dass die meisten Jugendlichen (58 Prozent) den Gottesdienst langweilig finden. „Dort, wo aber Konfirmanden am Gottesdienst beteiligt werden, steigt ihre Zufriedenheit“, weiß Rudolff. Deshalb macht die Konzeption konkrete Vorschläge, wie die Jugendlichen am Gottesdienst beteiligt werden können: indem man sie die Glocken läuten oder mit dem Pfarrer den Pslam verlesen lässt, sie an Fürbittengebeten beteiligt oder passend zum Predigtthema Inhalte aus ihrer Konfi-Arbeit vorstellen lässt - so, wie dies in vielen Gemeinden schon geschieht.

In der Befragung haben die Jugendlichen angegeben, dass sie etwas über Gott und Jesus Christus lernen wollen, über Taufe, den Sinn des Lebens und Freundschaft. „Dabei beklagen sie, dass ihre Fragen und Themen oft nicht vorkommen. Als Aufgabe für die Konfirmandenarbeit ergibt sich, dass die Lebensrelevanz des christlichen Glaubens für die Jugendlichen erkennbar und erfahrbar gemacht werden soll“, sagt Rudolff und wählt das Thema Taufe als Beispiel. Es biete sich an, um mit den Jugendlichen über ihre Identität zu sprechen, über Stärken und Schwächen - „und darüber, dass sie durch die Taufe Gottes Kind werden“.

Neue Organisationsformen, freieres Arbeiten

Die Konfirmandenarbeit in den Kirchengemeinden wird sich weiter wandeln durch das neue Konzept. „Eine wesentliche Veränderung ist etwa, dass neben dem wöchentlichen Unterricht nun weitere Organisationsformen möglich sind und nicht mehr durch das Landeskirchenamt genehmigt werden müssen“, erläutert Studienleiterin Rudolff und führt aus: „Konfirmandentage und Konfi-Camps sowie eine an das achte Schuljahr angepasste Konfirmandenarbeit und KU3/8 stehen gleichberechtigt nebeneinander.“ „KU 3/8“ steht dabei für eine Konfirmandenzeit, die in zwei Phasen aufgeteilt werden kann - eine davon vorgezogen in die Grundschulzeit, die andere in der siebten und achten Klasse.

„Wer aber die gesamte Konfirmandenzeit, die 60 Zeitstunden umfassen soll, komplett in das achte Schuljahr legt, sollte dann erst kurz vor Schuljahresende konfirmieren. Dazu muss die Landesynode den Konfirmationstermin, der bisher zwischen Ostern und Pfingsten liegen soll, freigeben“, sagt Rudolff.

Die Dauer der Treffen soll bei mindestens 60 Minuten liegen - empfohlen werden 75 bis 90 Minuten. „Nur so ist es möglich, liturgische Formen und geistliche Elemente in Anfangs-und Abschlussrituale aufzunehmen“, weiß die Pfarrerin, die eine vielfältige und abwechslungsreiche Gestaltung des Konfirmanden-Unterrichts empfiehlt.

von Carina Becker

Vier Fragen an: Claudia Rudolff

OP: Warum hat die EKKW fast 25 Jahre lang gewartet mit der Neuauflage des Konzepts für die Konfirmandenarbeit – wäre innerhalb der kirchlichen Gremien eine fortlaufende Überarbeitung und Kritik künftig sinnvoll und denkbar?

Claudia Rudolff: Die Landeskirche konnte gut mit der alten Konzeption leben. Nach und nach haben Veränderungen zur Neukonzeption geführt. Ein vom Rat der Landeskirche eingesetzter Beirat hat drei Jahre lang an der Konzeption gearbeitet. Es wäre wünschenswert, wenn die Synodalen in den Kreissynoden diese Konzeption zum Anlass nehmen, auch in ihren Kirchenvorständen über die Konfirmandenarbeit in ihrer Gemeinde zu diskutieren und Anregungen aufzunehmen. Der Kirchenvorstand, so betont es die Konzeption, verantwortet ja mit der Pfarrerin oder dem Pfarrer die Konfirmandenarbeit in der Gemeinde.

OP: Zwischen real existierenden Lebenswelten und dem Leben am Computer in virtuellen Netzwerken: Wie gut müssen die Pfarrer, die den Konfirmanden gegenüberstehen, diese neuen Lebensräume und Kommunikationsstrukturen ihrer Schüler kennen und mit ihnen umgehen können? Anders gefragt: Ist das eigene Facebook-Konto für einen Pfarrer Pflicht?

Rudolff: Das Kapitel vier der Konzeption widmet sich der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen. Dort gibt es auch ein Kapitel zu PC-Nutzung und der Bedeutung von sozialen Netzwerken. Die Verantwortlichen in der Konfirmandenarbeit dürfen die Bedeutung dieser sozialen Netzwerke für die Jugendlichen nicht leugnen. Es ist auch sinnvoll, die Arbeit mit den neuen Medien punktuell in die Arbeit mitaufzunehmen. Die Pfarrerin oder der Pfarrer kann über Facebook mit seiner Gruppe kommunizieren, ich halte es aber für nicht zwingend notwendig. Dennoch halte ich es für am wichtigsten, dass in der Konfirmandenarbeit Raum ist für Begegnungen, Gespräche  und Auseinandersetzungen in der Gruppe. Kein soziales Netzwerk kann „echte“ Begegnungen ersetzen.

OP: Wie gelingt es im Konfirmandenunterricht, die christliche Botschaft und biblische Inhalte in die heutige Welt zu transportieren und für die Jugendlichen greifbar zu machen? Und wie gelingt es, die nachwachsende Generation so für das Leben in der Kirche und ihre Werte zu begeistern, dass sie über den Konfirmandenunterricht hinaus dabei bleibt?

Rudolff: Die Inhalte der Konfirmandenarbeit haben sich gewandelt und sind im Wandel. Es geht nicht mehr um bloßes Katechismuswissen, das die Konfirmanden lernen. Die Lebenswelt der Jugendlichen generiert auch neue Fragen und Themen, die ebenfalls in der Konfirmandenarbeit zur Sprache kommen sollen. Lebensweltliche Themen und Traditionsorientierung müssen sich so verschränken, dass die Lebensrelevanz den Jugendlichen deutlich wird. Ziel der Konfirmandenarbeit ist es, Kindern und Jugendlichen zu ermöglichen, ihre Lebenswirklichkeit im Horizont christlichen Glaubens wahrzunehmen und zu gestalten. 

OP: Was erwarten die Jugendlichen selbst von der Konfirmandenarbeit?

Rudolff: Sie geben an, an Themen wie Freundschaft, Sinn des Lebens und Gerechtigkeit Interesse zu haben. Sie suchen in den Pfarrerinnen und Pfarrern sowie den Mitarbeitenden authentische, glaubwürdige Gesprächspartner. Deshalb erscheinen Organisationsformen, bei denen gemeinsames Leben, Arbeiten und Feiern exemplarisch gelingt – etwa auf Freizeiten oder längeren Camps – geeignet. Solche Erfahrungen wecken  bei Konfirmanden eigenes Engagement, auch nach der Konfirmation dabei zu bleiben oder selber als Teamer tätig zu werden. Die Verknüpfung von Konfirmandenarbeit und Jugendarbeit ist eine gute Möglichkeit, Jugendliche einen Ort auch nach der Konfirmation in der Gemeinde finden zu lassen. 

  • Claudia Rudolff ist 50 Jahre alt, seit 1990 Pfarrerin der evangelischen Landeskirche und seit 2003 Studienleiterin für Konfirmandenarbeit in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Sie ist verheiratet und hat zwei Töchter.

Hintergrund: „KU3/8“: Eine neue Form der Konfi-Arbeit

Cölbe steht in den Startlöchern für „KU3/8“: Künftig geht‘s schon im Grundschulalter los mit der Konfirmandenzeit. Pfarrerin Annette Hestermann bereitet die Umsetzung mit ihrer Kirchengemeinde vor. Der erste Durchlauf ist von April bis September geplant. Hestermann sieht darin nicht nur die Möglichkeit, dem durch G 8 und Ganztagsschule verändertem Alltag der Jugendlichen gerecht zu werden, sondern auch die Chance, Kindern früh bei ihren Fragen zur Identität und der eigenen Entwicklung zur Seite zu stehen. „Außerdem fällt die Integration behinderter Kinder in jüngeren Gruppen leichter – die Jugendlichen stecken noch nicht in der Pubertät, wo sie sehr mit sich selbst beschäftigt sind.“ Hestermann will den frühen Start nutzen, um die Eltern stärker einzubinden, etwa bei der Vorbereitung monatlicher Familiengottesdienste. „Wenn die Kinder erst älter sind, wollen sie das nicht mehr.“Auch in anderen heimischen Kirchengemeinden werden in der Konfirmandenarbeit neue Wege eingeschlagen und beschritten. Etwa im Kirchspiel Oberrosphe, Unterrosphe, Göttingen, wo die vorgezogene Konfi-Arbeit bereits läuft.

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