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Beethoven hätte auch den PC benutzt

Forschung Marburg Beethoven hätte auch den PC benutzt

Klavier- oder Gitarrenunterricht kann man an jeder Ecke bekommen. Aber wie wird man elektro-akustischer Musiker. Sebastian Berweck ist einer und forscht dazu. Im OP-Interview hat er uns einen Einblick gegeben.

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Marburg. OP: Bei ihren Auftritten sitzen sie am Klavier, setzen aber zusätzlich Computer-Programme und Visualisierungen wie Youtube-Videos ein. Viel Elektro-Kram, viele Kabel auf der Bühne. Wie würden sie jemandem, der das noch nie gesehen hat, beschreiben, wie sich die Musik anhört?

Sebastian Berweck: Zuerst mal ist das nicht meine Musik, sondern Kompositionen von zeitgenössischen Musikern, die ich als Interpret aufführe. Das besondere an elektro-akustischer Musik ist, dass Komponist und Künstler im Prinzip nahezu alle Klänge erzeugen können, die vorstellbar sind. Der Computer kann im Gegensatz zu einem Flügel einfach alles, etwa andere Instrumente reproduzieren. Das bietet eine enorme Fülle an Möglichkeiten, die vielen Musikern auch beängstigend erscheint. Die greifen aus Gewohnheit lieber zum klassischen Instrument.

OP: Mitunter kann das sehr verstörend wirken. Auf Youtube habe ich ein Stück von Maximilian Marcoll gefunden, dass sie aufführen. Es heißt „Samstagmorgen - Berlin Neukölln“. Sie sitzen am Flügel, dann spielen sie eine schwarze Taste auf dem Klavier, der Computer wiederholt das. Dann blättern sie das erste Notenblatt um. Kann Gegenwartskunst nicht einfach schön sein?

Berweck: Das ist das Problem von jeglicher neuer Kunst: Weil eine Musikrichtung neu ist, kennt man sie eben nicht. Man kann nicht mitsingen, im Gegensatz zu Brahms oder Beethoven bleiben die großen Gefühlswallungen aus. Da fremdeln wir alle. Aber: Kunst muss sich ja erneuern. Wenn ein Erfinder etwas Neues macht, etwas entwickelt, dass die passende Antwort auf gegenwärtige Probleme ist, dann stehen wir dem ja auch positiv gegenüber. Man muss als Zuschauer mit einem Entdeckergeist zu einem elektro-akustischen Gegenwartskonzert gehen. Einfach offen sein, für das, was da passiert. Aber es kann durchaus schön sein und viele Zuschauer sind auch regelrecht euphorisch und gehen bei einem solchen Konzert richtig mit.

OP: Sie sind nicht nur Interpret von experimenteller zeitgenössischer Musik, sie erforschen sie auch. Ein recht neues Forschungsfeld. Seit wann gibt es elektro-akustische Musik?

Berweck: Eigentlich schon etwas länger. Im Prinzip seit es die Elektrizität gibt, so um 1752. Auch die Erfindung von Lautsprecher und Mikrofon 1860 war ein wichtiger Meilenstein. 1920 gab es in Berlin erste Konzerte, wo acht Schallplattenspielern auf der Bühne standen und vorher aufgenommene Musik dem Publikum präsentiert wurde. Der Vorläufer der heutigen DJ´s. Richtig angefangen hat es dann direkt nach dem Krieg. Karlheinz Stockhausen ist ein berühmter Vertreter. Er benutzte etwa Oszillatoren aus der Prüftechnik und erzeugte damit Töne.

OP: Heute steht der Computer mit seinen unbegrenzten Möglichkeiten im Mittelpunkt.

Berweck: Ja, irgendwann kam der Computer mit auf die Bühne. Das ist ein ganz natürlicher Prozess gewesen. Natürlich schaut man sich als Künstler immer nach neuen Möglichkeiten um. Und der Computer bietet eben unendlich viele. Beethoven hätte sicher auch am Computer gearbeitet, wenn er heute leben würde. Ein Problem war jahrelang, dass die Rechner viel zu langsam waren. Also musste man vorproduzieren und dann gab es für die Zuschauer Musik vom Band. Ungefähr so langweilig wie Fernsehen. Etwa seit zehn Jahren sind die Künstler in der Lage dank schnellerer Rechner die Musik live auf der Bühne zu erzeugen. Das ist für die Zuschauer wesentlich interessanter. Man will eben auch den Menschen beobachten, der die Musik da macht.

OP: Elektro und Akustik? Ist nicht jedes moderne Konzert das Lautsprecher einsetzt ein elektro-akustisches Konzert?

Berweck: Im Prinzip schon. Die Definition ist durchaus schwierig und ein Knackpunkt. Eigentlich ist jede Musik, die einen Lautsprecher benutzt oder mit Elektrizität arbeitet elektro-akustische Musik. Man kann vielleicht zwischen Kunstform und Unterhaltung unterscheiden. Aber das greift auch zu kurz. Die Musik, die ich mache ist vielleicht im Gegensatz zur Rockmusik und ihren hergebrachten Mustern eine mehr forschende Art Musik zu machen.

OP: Ihre Dissertation befasst sich mit der Reproduzierbarkeit von elektro-akustischer Musik. Ein Stück von Mozart kann ein einigermaßen begabter Klavierschüler mit ein wenig Übung heute ohne Probleme nachspielen. Wie ist das mit elektro-akustischer Musik?

Berweck: Das ist gerade die zentrale Frage für uns Interpreten. Es bedarf einer langen gesellschaftlichen Entwicklung. Für einen Klavierabend ist heute alles perfekt abgestimmt. Man hat einen Konzertsaal mit einem Hallraum von 3 bis 5 Sekunden, ein Top-Instrument und Techniker, die sich mit den Instrumenten und dem Arrangement auskennen. Wenn ich ein Konzert gebe, muss ich erstmal einen Raum finden, der sich eignet. Da muss ich Lautsprecher und eine Leinwand reinschleppen und die richtigen Anschlüsse für mein Computer-Equipment finden. Außerdem spiele ich eben auf einem Computer. Und der ist, wie jeder weiß, oft sehr weit davon entfernt perfekt zu funktionieren. Die Künstler nutzen natürlich auch verschiedenste Programme zum Komponieren ihrer Musik. Wobei das ein Phänomen ist, das es schon immer gab. Man schaue sich nur die unterschiedlichen Systeme für Klarinetten an.

OP: Wir gehen ins Theater, in die Oper oder das Konzert, um 200 Jahre alte Musik zu hören. Wird man die Stücke der heutigen Künstler in 200 Jahren noch hören?

Berweck: Das hängt von vielen Faktoren ab und ist letztendlich auch Geschmackssache. Erstmal haben wir ein Problem bei der Haltbarkeit der Daten, das habe ich auch in meiner Dissertation thematisiert. Anders als ein Papierzettel und Tinte halten Festplatten nicht ewig und zusätzlich werden auch immer wieder unterschiedlich Systeme entwickelt.Da haben wir aber auch gesamtgesellschaftlich noch keine Lösung für. Außerdem gibt es an den Hochschulen noch keine Ausbildung für elektro-akustische Musiker.

von Tim Gabel

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