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Bedürftige und Einsame sind Gäste

Evangelische Gemeinde Marburg Süd Bedürftige und Einsame sind Gäste

Lieder, Geselligkeit und Kartoffelsalat: Die Weihnachtsfeier der Evangelischen Gemeinschaft Marburg Süd für bedürftige Menschen hat seit 52 Jahren Tradition. Nun ging die Organisation an die jüngere Generation über.

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Für musikalische Unterhaltung der Gäste sorgten Jennifer (von links), Rafael, Karl-Hermann Homann und Organisator Bernhard Schroer.

Quelle: Ina Tannert

Marburg. Jede Menge Kartoffelsalat, heiße Würstchen, Salat, Brötchen und das ein oder andere Tortenstück ließen sich die rund 100 Gäste an Heiligabend in der Gemeindehalle in der Schwanallee schmecken. Neben dem kulinarischen Genuss stand der zwischenmenschliche Kontakt im Mittelpunkt.

Denn darum geht es bei der traditionellen Feier: hungrige, bedürftige Menschen oder solche, die an Heiligabend alleine wären, zu einem gemeinsamen Weihnachtsessen zusammenzubringen. Die Zutaten, süße Leckereien und kleine Geschenke für die Gäste stammten aus Spenden von Supermärkten und Bäckereien, Freiwillige bereiteten das Festessen zu.

„Wir möchten etwas tun für Menschen, die am Rand der Gesellschaft stehen, viele haben wenig Mittel oder sind einsam“, erklärte Organisator Bernhard Schroer, der gemeinsam mit Ehefrau Andrea die Feier organisierte und zwischendurch auch für musikalische Unterhaltung sorgte. Die geschmückten Tische waren den Abend über gut gefüllt. Dort trafen sich neue und alte Bekannte zu gemeinsamem Mahl und ausgiebigem Schwatz. Zwischendurch sangen die Besucher unter Anleitung von Pastor Robert Höppe Weihnachtslieder. In jedem Jahr kommen rund 100 Gäste zu Besuch, „viele schon seit Jahren, der Bedarf ist da, ist sogar noch größer geworden“, schätzt Schroer.

Ehepaar Bormuth übergab nach 50 Jahren an Ehepaar Schroer

Die Weihnachtsfeier für bedürftige, arme, obdachlose oder schlicht einsame Menschen findet bereits seit 52 Jahren statt. Die Organisation übernahm das Ehepaar Schroer erst vor zwei Jahren von Lotte und Karl-Heinz Bormuth. Ein halbes Jahrhundert lang organisierte das Seniorenpaar die Feier, gab diese Verantwortung nun weiter. Heiligabend verbrachte es dennoch wie immer in der Gemeindehalle.

Etwas wehmütig schaut Lotte Bormuth während der Feier zurück, berichtet der fröhlichen Gesellschaft von den Anfängen der Weihnachtstradition. Diese entstand aus einer persönlichen, tragischen Erfahrung des Ehepaares. Während der nationalsozialistischen Zeit wurden beide aus der Ukraine umgesiedelt, mussten später aus Polen fliehen. In Hessen suchten sie Zuflucht, ohne Geld oder Obdach. Zu ihrem Glück wurden sie von einer christlichen Familie aufgenommen, die die junge Flüchtlingsfamilie auch an Heiligabend zum eigenen Weihnachtsfest einlud. „Wir hatten alles verloren und wurden so liebevoll versorgt, das hat uns sehr geprägt“, erzählt die Seniorin.

Aus dieser Erfahrung wuchs die Idee, anderen Menschen etwas zurückzugeben. „Wir wollten anderen eine Freude machen“, erinnert sich Karl-Heinz Bormuth. Seit den 1960ern organisierte das Paar die alljährliche Feier der Evangelischen Gemeinschaft für Bedürftige. Traditionell gibt es bis heute Kartoffelsalat, den beide früher noch stundenlang selber zubereiteten. „Wir standen immer um vier Uhr morgens auf. Das war auch eine schöne Tradition“, erzählt Lotte Bormuth.

Rührende Momente bleiben in Erinnerung

Stets brachte sie auch ihre wachsende Familie mit auf die Feier. Und die ist groß: Bormuths haben fünf Kinder, 17 Enkel und fünf Urenkel. „Wir haben hier viele schöne Abende erlebt“, erzählt die Urgroßmutter. An eine Situation kann sie sich noch genau erinnern: Einer ihrer Söhne, damals erst zwei Jahre alt, schlief an einem Heiligabend unter dem Weihnachtsbaum am Rande der Feier ein. Ein obdachloser Gast bemerkte das schlafende Kind, ging zu ihm und deckte den Jungen mit seiner Jacke zu, „damit ihm nicht kalt wird, wie er sagte“. Es sind solche Momente, die dem Ehepaar in schöner Erinnerung geblieben sind und 50 Jahre lang motivierten, die Tradition aufrechtzuerhalten

von Ina Tannert

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