Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 0 ° wolkig

Navigation:
Bedroht von Umsiedlung in den Osten

Forschung Marburg Bedroht von Umsiedlung in den Osten

Das Projekt einer Zwangsumsiedlung in den Osten hätte im Zweiten Weltkrieg auch mehrere Tausend Dorfbewohner aus dem Landkreis betroffen, wie der Marburger Professor Siegfried Becker jetzt erforscht hat.

Marburg. Schon in seiner Kindheit hatte der im Hinterland aufgewachsene 54-jährige Kulturwissenschaftler Professor Siegfried Becker bei Gesprächen mit Zeitzeugen der NS-Zeit immer wieder einmal Gerüchte über eine zwischen 1933 und 1945 geplante generalstabsmäßige Zwangsumsiedlung in den Osten gehört. „Für die meisten ist das eine Art Drohgeste gewesen. Die Menschen haben verstanden: Wenn sie sich nicht fügen, werden sie abgeschoben“, berichtet Becker. Allerdings erläutert der Forscher nach seiner jetzt erfolgten intensiven Recherche, dass die von der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung geplante Umsiedlung teilweise auch als eine Belohnung für besonders linientreue Bauern hätte verstanden werden können.

Denn in Propagandaschriften wurden die „neuen Bauernhöfe“ in den östlichen Gebieten als besonders modern, groß und fortschrittlich dargestellt, so dass eine Umsiedlung auch ein erstrebenswertes Ziel sein konnte.

Erst im Jahr 1992 beim Umzug der Bestände des Instituts des Volkskundlichen Instituts stieß Becker wieder auf das Thema des Umsiedlungsprojekts und die Rolle, die bei der Umsetzung der Germanist Bernhard Martin, Leiter des 1938 gegründeten Kurhessischen Landesamts für Volkskunde spielte. Es dauerte noch mehrere Jahre, bis Becker mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung der entdeckten Akten begann.

„Als Leiter des an der Universität angesiedelten 1938 gegründeten Kurhessischen Institutes für Volkskunde war es vordergründig Martins Aufgabe, die ländliche Bevölkerung über Volkskultur wie Trachtenpflege oder Volkslieder zu informieren“, erläutert Becker. Martin leitete aber auch seit 1936 die Marburger Arbeitsstelle der Reichsarbeitsgemeinschaft für Raumforschung. In dieser Eigenschaft bereitete er laut Becker für das damalige Gebiet Kurhessen, das bis nach Kassel reichte, das zunächst nur den Behördenleitungen bekannte und nicht öffentlich propagierte Projekt einer Massen-Umsiedlung der Landbevölkerung vor. Ziel war es, nach einem erfolgreichen Krieg im Osten Siedler aus dem deutschen Reich in die durch Zwangsverschleppung oder Vernichtung der Bewohner „freigeräumten“ Ostgebiete zu schicken.

Im Kreis Marburg wurden schon vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs in einem Pilotprojekt 13 Gemeinden als Typengemeinden festgelegt, die beispielhaft erfasst wurden. (siehe Artikel unten)

Systematisch besuchten die Erfasser unter Leitung Martins sämtliche Dörfer. „Vordergründig ging es dabei um Dinge wie die Inventarisierung der Haus­inschriften. Wichtiger war es jedoch, dass sie auf jeden Hof kamen und mit den Bewohnern reden konnten“. In diese Listen wurde dann wie bei einer erweiterten Volkszählung wichtige Daten wie die Größe des Landbesitzes oder die Familiengröße eingetragen. „Bis zu 40 Prozent der Bevölkerung sollte für eine Umsiedlung vorgesehen werden“, berichtet Becker. Geht man dabei von bis zu 100 Menschen pro Dorf aus, dann hätte dieses bei einer flächendeckenden Umsetzung mehrere Tausend Dorfbewohner im Kreis Marburg betroffen. Neben dem Ziel der Besiedelung der Gebiete hatte die Umsiedlung noch einen anderen Hintergrund: Es ging um die Reduzierung der Anzahl der Höfe und die Vorbereitung der Mechanisierung der Landwirtschaft im deutschen Reich, um insgesamt größere Hof-Einheiten zu schaffen. „Das freiwerdende Land sollte auf die Erbhöfe aufgeteilt werden“, erklärt Becker.

Wohin genau die Dorfbewohner aus der Marburger Region umgesiedelt werden sollten, das lässt sich aus den Akten nicht rekonstruieren. Klar ist nur, dass das gesamte Umsiedlungsprojekt nicht realisiert wurde, weil die deutsche Wehrmacht sich nach der Eroberung Polens und eines Teiles der Sowjetunion ab der Niederlage bei der Schlacht von Stalingrad im Winter 1942/1943 im Osten wieder auf dem Rückzug befand.

von Manfred Hitzeroth

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Marburg