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Bäume leiden unter zu viel Streusalz

Baumsterben Bäume leiden unter zu viel Streusalz

Kahle Zweige statt bunten Herbstlaubs. Deutliche Pflanzenschäden weisen vier Allee-Bäume an der Universitätsstraße auf. Schuld daran ist nach Einschätzung von Experten der Einsatz von zu viel Streusalz.

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Während die Bäume auf der anderen Straßenseite in vollem, rotem Laub stehen, sind sie beim Amtsgericht gänzlich kahl. Schuld daran soll das Streusalz sein. Foto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Manchmal ist weniger einfach mehr. Vier städtische Bäume an der Universitätsstraße auf Höhe des Amts- und Landgerichts sind krank. Erst vor drei Jahren wurden die jungen Rot-Ahorne im Rahmen der Straßenerneuerung gepflanzt. Nun weisen sie bereits starke Schäden auf, kein einziges Blatt hängt mehr an den Zweigen. Die Ursache ist eine extrem hohe Salzkonzentration im Boden, ausgelöst durch übertriebenes Salzen im Winter.

Schon lange haben die geschädigten Bäume ihr Laub verloren. Wo an anderen Bereichen der Hauptstraße noch Rot-Ahorne mit strahlend rötlichem Herbstlaub ins Auge stechen, sind die vier „versalzenen“ jungen Pflanzen vollkommen kahl. Schäden waren schon in der ersten Jahreshälfte deutlich sichtbar. Einen Unfall, Vandalismus oder einen Fehler in der automatischen Bewässerungsanlage konnte der Fachdienst Stadtgrün, Klima- und Naturschutz als Grund ausschließen. Daher ließ die Stadt Marburg die betroffenen Bäume untersuchen und Bodenproben nehmen. Im Labor wurden zwei Proben der betroffenen Bäume mit denen der gesunden Pflanzen auf der gegenüberliegenden Straßenseite verglichen. Die Bodenuntersuchung ergab deutliche Hinweise auf starke Streusalzbelastungen, wie die Gutachter nun mitteilten. „Das Bäume mal absterben ist nicht ungewöhnlich aber hier liegt es eindeutig am falschen Winterdienst. Das war zu viel des Guten“, sagte Bürgermeister Franz Kahle (Grüne) bei einem weiteren Ortstermin in der Universitätsstraße.

Grenzwerte deutlich überschritten

Das Gutachten zeigt, dass die Natrium-Chlorid-Gehalte deutlich über dem üblichen kritischen Grenzwert liegen. Dieser liegt bei den meisten Baumarten bei etwa 100 Milligramm pro Kilogramm. Eine der geschädigten Bodenproben wies sogar fast 5000 mg/kg Natriumchlorid auf. „Dieser über 40-fach höhere Wert zeigt eine extrem starke Verunreinigung des Bodens“, betonten die Geologen Stefan Dietzel und Manfred Gereke, welche die Untersuchung durchführten. Sogar die „gesunden“ Vergleichsproben wiesen hohe Salzkonzentrationen auf.

Dabei ist der Einsatz von Salz als Streumittel bei Schnee und Eis in Marburg eigentlich verboten. Ausgenommen davon sind „besondere Gefahrenstellen wie Treppen oder Gehwege mit starkem Gefälle“, an denen Salz „nur in geringer Menge“ verwendet werden darf, so schreibt es die Straßenreinigungssatzung vor.

Übermäßig gesalzt wird trotzdem, ohne Rücksicht auf die Umwelt. Dabei gelten harmlose Streumittel wie Sand, Split oder Granulat in den meisten Fällen als vollkommen ausreichend. Dies zeigen auch die Erfahrungen mit streusalzfreien Winterdiensten wie etwa im Südviertel, betont Kahle und ruft die Bürger zur Mäßigung auf. Die Stadt wird demnächst den zuständigen privaten Winterdienst, der die Pflege des betroffenen Grundstücks rund um das Amts- und Landgericht durchführt, auf die Probleme ansprechen und zu einem moderateren Salzeinsatz auffordern.

Umweltbundesamt: Auch Grundwasser belastet

1,59 Millionen Tonnen Salz landen durchschnittlich jedes Jahr auf öffentlichen Verkehrswegen. Die Folgen des Salzstreuens zeigen sich Experten zufolge oft erst Monate später: Salzgeschädigte Straßenbäume können nicht mehr genügend Wasser aufnehmen. Im Boden verdrängt das Salz zudem wichtige Pflanzennährstoffe und beeinträchtigt Mikroorganismen. Vor allem die Baumarten, die Alleen zieren - wie in Marburg - reagieren empfindlich auf Salz, etwa Ahorn, Linden und Kastanien. „Ganz zu schweigen von der Belastung für das Grundwasser“, sagt ein Sprecher des Bundesumweltamts. Dieter Krüger, Sprecher des Verbands der Kali- und Salzindustrie entgegnet: „Die Umweltschäden sind seit Jahren deutlich zurückgegangen, weil viel weniger und besser gestreut wird.“

von Ina Tannert und Björn Wisker

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