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Autos pendeln alleine auf Lahnberge

Vision Autos pendeln alleine auf Lahnberge

In die Diskussion rund um Seil- oder Straßenbahn auf die Lahnberge bringt sich nun die IHK ein: Sie schlägt autonome Fahrzeuge in einem Pendelverkehr vor - als automa-tisches Verkehrskonzept.

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Das Auto fährt von selbst, der Fahrer kann sich währenddessen um andere Dinge kümmern oder entspannen – so könnte die Vision vom autonomen Fahren aussehen.

Quelle: Sven Geske

Marburg. Es erscheint zunächst wie Science Fiction: Autonome Fahrzeuge könnten vom Hauptbahnhof auf die Lahnberge pendeln, um so zu einer Entlastung des Verkehrs beizutragen.

Das ist zumindest die Idee des Physikers Professor Martin Przewloka, der das ungewöhnliche Mobilitätskonzept dem IHK-Regionalausschuss Marburg vorgestellt hat.

„Das ist keine Fiktion“, sagte der in Großen-Buseck lebende Honorarprofessor der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM), der mehr als 20 Jahre für den Softwarehersteller SAP gearbeitet hat.

Für das System könne die bestehende Infrastruktur genutzt werden. Die sich selbst steuernden Fahrzeuge würden dann in einer Art Kreisverkehr auf der Strecke fahren und könnten sowohl für Passagiere als auch für Kurierdienste und Waren genutzt werden.

Peter Lather, Vorsitzender des Regionalausschusses, war zunächst skeptisch. „Aber dann hat mich die Idee fasziniert und dann überzeugt“, sagt er im Gespräch mit der OP. „Daher haben wir eine Arbeitsgruppe gegründet, um die Idee weiterzuentwickeln und hier in Marburg in die öffentliche Diskussion einzubringen“, so Lather. Die ersten Gespräche hätten gezeigt: „Es ist eine ganz reale Chance. Denn es ist sicher, dass das autonome Fahren kommen wird - und zwar viel schneller, als es die breite Öffentlichkeit derzeit denkt.“

Lather: "Denkweise nach vorne richten"

Przewloka erläutert, dass bereits alle großen Automobilhersteller Deutschlands an vollautomatischen Fahrzeugen arbeiten, die auf definierten Strecken fahren, überholen und Hindernissen ausweichen, ohne dass die Insassen zum Steuer greifen müssen. Mercedes habe die ersten vollautomatischen Fahrzeuge für 2020 angekündigt. Bis 2035 sollen autonome Fahrzeuge nach Einschätzung des Professors einen Marktanteil von 25 Prozent haben. Für Marburg empfiehlt der Experte die viel befahrene Strecke vom Hauptbahnhof zu den Lahnbergen, für die bislang über Entlastungen durch eine Seilbahn, eine Straßenbahn und mehr Busse diskutiert wird.

Lather konkretisiert: „Bevor wir in Marburg über Seilbahn oder gar eine antiquierte Technik wie Straßenbahnen nachdenken, sollten wir die Denkweise nach vorne richten.“

Noch sei vonseiten der Stadt keine Entscheidung für eine Lösung getroffen worden - und bis diese fiele und die Finanzierung stehe, seien mindestens 10 bis 15 Jahre vergangen. „In 15 Jahren ist aber auch das autonome Fahren hier“, sagt Lather. „Warum soll Marburg also nicht die erste Stadt sein, in der sich autonome Fahrzeuge bewegen?“, fragt er.

Der Weg vom Bahnhof auf die Lahnberge als „definierte Strecke“ biete optimale Bedingungen - „und wenn es dort funktioniert, funktioniert es überall“.

Für die IHK birgt eine mögliche Modellregion Marburg auch viel Potenzial für die wirtschaftliche Entwicklung. „Rund um das autonome Fahren werden viele neue Geschäftsmodelle entstehen, von der dann die heimischen Geschäftsleute profitieren könnten“, ist sich Peter Lather sicher. Denkbar sei beispielsweise, dass man den Einkauf online im Wagen plant, das Auto fährt zum Laden, wo die Ware bereitliegt und direkt zum Fahrzeug gebracht wird. Irgendwann könnte das Auto die Ware auch selbst abholen.

Fahrzeug heißt nicht zwangsläufi Auto

Bei einem längeren Arbeitsweg könnte sich laut Martin Przewloka auch der Arbeitsplatz schon ins Auto verlagern, etwa für Videokonferenzen oder Ähnliches. „Denn zum autonomen Fahren braucht es eine Netzwerkverbindung - daher kann man die Infrastruktur für eine permanente Onlineverbindung nutzen. Daher bieten sich kommunikative Dinge an“, sagt er.

Szenarien seien auch, dass das Auto - „das eigene oder auch fremde“, wie Przewloka sagt, die Kinder in die Schule bringen könnte. Oder dass sich Menschen, die selbst nicht mehr fahren könnten, wieder die Mobilität erschließe. „Es werden ganz neue Dinge möglich, die heute nicht denkbar sind“, so Przewloka.

Für Peter Lather ist klar: „Fahrzeug heißt nicht zwangsläufig Auto, sondern steht vielmehr für ein Vehikel, das auch Platz für viele Personen oder den Transport bieten kann.“

Es gehe allerdings nicht darum, Bus oder Taxi aus dem Geschäft zu drängen - „das wäre auch die falsche Diskussion“, erläutert Przewloka. „Wir lassen auch bewusst offen, wem das Fahrzeug gehört oder ob es von einem Betreiber zur Verfügung gestellt wird. Wichtig ist, dass es sich um ein flexibles Konzept handelt, dass sich der Situation anpasst.“

Wenn viel Kapazität zum Transport auf die Lahnberge benötigt würde, stünde diese bereit - „wenn aber wenige Personen hoch müssen, werden die Fahrzeuge nicht leer durch die Gegend fahren und von der Bildfläche verschwinden“. Dies führe zu einer Verkehrsentlastung und zu mehr Effizienz.

„Heute gibt es einen Fahrplan, der strikt abgearbeitet werden muss - egal, ob nur eine Person befördert werde oder ob großer Andrang herrscht. Das kann sich durch autonomes Fahren völlig verändern“, sagt der Professor.

Aufbruchstimmung in der Branche

Die lästige Parkplatzsuche falle weg, der Stress beim Fahren würde verhindert, und auch Staus und Unfälle könnten der Vergangenheit angehören, weil die Fahrzeuge miteinander kommunizierten.

Es gebe auch noch Unklarheiten oder Ängste - etwa, ob eine Software zuverlässig funktioniere, wie sich die autonomen Autos in Extremsituationen verhalten oder wie andere Verkehrsteilnehmer berücksichtigt werden. Viele Fahrer befürchteten zudem, dass ihre Fahrdaten ohne Zustimmung verkauft, aufgezeichnet oder ausgewertet würden. Doch bleibe noch genügend Zeit, diese Dinge zu klären. „Es gibt eine immense Aufbruchstimmung - und die sollte für Marburg genutzt werden“, verdeutlicht Peter Lather.

Am Montag, 11. Juli, soll die Vision im Technologie- und Tagungszentrum der breiten Öffentlichkeit vorgestellt werden. „Dazu dreht eine Agentur auch ein Video, mit dem das autonome Fahren auf der Strecke gezeigt wird“, erläutert Lather. Allerdings kommt für den Dreh kein selbstfahrendes Auto zum Einsatz - vielmehr wird ein konventioneller Pkw im „Erlkönig-Look“ umgebaut.

von Andreas Schmidt

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