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Automaten, die das Leben verschlingen können

Spielsucht Automaten, die das Leben verschlingen können

Die Abhängigkeit soll so stark sein wie bei Heroin oder Kokain. Die Auswirkungen sind gravierend. Spielsucht gefährdet die gesamte Existenz - und sie ist weiter verbreitet, als mancher denken mag.

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Ein Schild als Mahnmal: 7,14 Millionen Euro haben die Marburger im Jahr 2011 an Spielautomaten verloren.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Ein Testspieler der Universität Bremen verzockte in fünf Stunden an diversen Spielautomaten insgesamt 1450 Euro - bei vielen Menschen entspricht das einem ganzen Monatsgehalt. „Es geht wirklich schnell, in fünf Minuten kann man zwischen 50 und 100 Euro in so einen Automaten werfen“, weiß Dieter Schmitz, Fachberater Glücksspielsucht bei der Sucht- und Drogenberatung des Diakonisches Werks Oberhesssen.

In Marburg und Umgebung gibt es reichlich Möglichkeiten, Haus, Hof, Job und Familie durch exzessive Spielsucht zu gefährden. Allein in der Universitätsstadt gibt es 14 Spielhallen - zu Höchstzeiten waren es 21. In Marburg ging die Zahl zuletzt zurück, doch insgesamt beobachten Suchtberater hessenweit einen Zuwachs bei den Spielhallen - von 551 Spielhallenkonzessionen im Jahr 2006 stieg die Zahl bis 2012 auf 994 an, berichtet Dieter Schmitz. Die Zahl der Geldspielautomaten in Marburg liegt nach Informationen der Suchtberater derzeit bei 300.

Mit einem nachgebauten Spielautomaten, der wie ein Tier im Zoo hinter Gitterstäben auf dem Marburger Marktplatz steht - Aufschrift „Bitte nicht füttern“ - beteiligt sich die Sucht- und Drogenberatung des Diakonischen Werks am Aktionstag zur Glücksspielsucht. Beratung und Information inklusive. Viele Passanten bleiben stehen. Manche fotografieren. Einige suchen das Gespräch. Wie eine 23-jährige Studentin. Gegenüber der OP berichtet sie, dass ihr Vater ein „Spielproblem“ habe. Er sei arbeitslos geworden - und habe jede Hoffnung verloren. Nach und nach sei immer mehr von dem Geld, das die Familie mit ihren vier Kindern zum Leben benötigt hätte, in Spielautomaten gewandert. „Er hat aufs Gewinnen gehofft, und darauf, uns dann wieder mehr bieten zu können“, erzählt die Studentin. „Die Folge war, dass wir manchmal nicht einmal mehr genug Geld hatten, um die Miete zu bezahlen.“

Spieler in Hessen können sich bald sperren lassen

Inzwischen habe der Vater die Verantwortung für die Finanzen komplett an die Mutter abgegeben, inklusive EC-Karte, um selbst gar nicht erst in die Versuchung zu kommen, Geld fürs Spielen abzuheben. Die Studentin interessierte sich vor allem für diese Information der Suchtberater: Ab Dezember dieses Jahres können sich exzessive Spieler, die den Ausstieg wagen wollen, in allen hessischen Spielhallen sperren lassen - Familienmitglieder, die die Notwendigkeit für diesen Schritt nachweisen, sollen dies auch übernehmen können.

Auch wenn Miete und Essen nicht mehr bezahlt werden können, bleibt der Anreiz für viele Spielsüchtige groß. Sie glauben an ihre Gewinnchance. Die Software des Automaten entscheidet nach Zufallsprinzip, „die Ausschüttungsquote liegt zwischen 30 und 90 Prozent“, weiß Suchtberater Schmitz. Bis zu 999 Euro kann ein Spieler auf einen Schlag gewinnen, früher waren sogar Gewinne in Höhe von bis zu 9999 Euro möglich. „Je höher die Gewinnchance, desto größer der Anreiz - deshalb hoffen wir, dass die maximalen Gewinne noch gesenkt werden“, sagt Schmitz.

Die Suchtberater verzeichnen vor allem in der Gruppe der 18- bis 25-Jährigen einen Anstieg von Glücksspielsüchtigen - „das ist in der Region so, aber auch bundesweit“, weiß der Fachberater. Grund dafür sei, dass die Spielhallen in vielen Städten auch ein Treffpunkt für die Jugend seien, „bis 2012 durften die Betreiber alkoholfreie Getränke sogar kostenlos ausschenken, was den Anreiz, sich dort zu treffen, noch größer gemacht hat“, berichtet Schmidt. Häufig von Spielsucht betroffen seien Menschen, die Arbeitslosengeld II (Hartz IV) beziehen. „Man kann das beobachten: An den Tagen, an denen das Amt das Geld auszahlt, sind die Spielhallen voller.“ Auch Migranten seien stärker von Spielsucht betroffen als andere Bevölkerungsgruppen, „etwa doppelt so häufig, wie es ihrem Anteil in der Bevölkerung entspricht“, sagt Schmitz.

von Carina Becker

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